Zürich ist eine Wärmeinsel

Der Jahresverlauf der Witterung in Mitteleuropa besteht aus einer Folge typischer Wettersituationen, den „Grosswetterlagen“. Diese ergeben sich aus weiträumigen Luftdruckverteilungen und den daraus resultierenden Strömungsmustern. An der Ostseite eines mächtigen Hochdruckgebietes, das sich vom Nordatlantik zu den Britischen Inseln verlagerte, lag der Alpenraum Anfang September in einer Nordlage. In Nord-Süd-Richtung wurde somit kalte Luft in die Schweiz geführt und beendete den Hitzesommer pünktlich zum meteorologischen Herbstanfang am 1. September. In den drei vorangegangenen Sommermonaten dominierten Südwestlagen. Diese führten subtropische Luft in den Alpenraum und hat den Hitzesommer 2015 erst möglich gemacht. Nord- und Ostlagen (Bise) waren im ganzen Sommer äusserst selten.

Temperaturverlauf 3 Wetterstationen Zürich
In der Stadtmitte am Central ist es vor allem in den Nächten deutlich wärmer als in Erlenbach oder in Witikon am Zürichberg.

Stadtklima

Die Grosswetterlage bringt in Zürich überall die gleiche vorherrschende Witterung. Trotzdem sind Unterschiede ersichtlich, die wie im Falle des Hitzesommers 2015 nicht unbedeutend sind. Vor allem die Temperaturen in Städten unterscheidet sich stark gegenüber dem Umland. Die dichte Bebauung und fehlende Vegetation sowie die Emission von Luftschadstoffen und Abwärme können in Städten zu einer höheren Lufttemperatur und Schadstoffkonzentration führen. Das „Stadtklima“ kann gesundheitliche Schäden (erhöhte Sterblichkeit und Krankheiten) und Veränderungen (auch positive) der Flora und Fauna verursachen.

Die Stadt als Wärmeinsel. In der Stadt ist die Temperatur vor allem am Abend und in der Nacht deutlich höher als im Umland.
Die Stadt als Wärmeinsel. In der Stadt ist die Temperatur vor allem am Abend und in der Nacht deutlich höher als im Umland.

Städtische Wärmeinseln

Die Wärmeinsel, in der englischen Fachsprache „Urban Heat Island“, ist ein typisches Merkmal des Stadtklimas. Der verbaute Stein heizt sich schneller auf. Er ist aber auch ein besserer Wärmespeicher, und gibt seine Wärme nachts langsamer ab. Die nächtliche Abstrahlung der Wärme wird auch durch die Einengung des Horizonts in „Strassenschluchten“ teilweise unterbunden. Ein weiterer Faktor, der zur Erwärmung der Innenstädte führt, ist die grossräumige Flächenversiegelung. Niederschlagswasser läuft daher schnell ab und steht nicht für die Verdunstung zur Verfügung. Da die Verdunstung Wärme verbraucht, führt auch dieser Effekt zu einer geringeren Abkühlung der Städte.

Der Hitzesommer 2015 brachte im Stadtzentrum aufgrund von Wärmeinsel-Effekten deutlich mehr sehr heisse Tage und Tropennächte als beispielsweise am rechten Zürichseeufer oder am Zürichberg.
Der Hitzesommer 2015 brachte im Stadtzentrum aufgrund von Wärmeinsel-Effekten deutlich mehr sehr heisse Tage und Tropennächte als beispielsweise am rechten Zürichseeufer oder am Zürichberg.

Extreme Hitze in der Innenstadt

Der Wärmeinsel-Effekt war im diesjährigen Hitzesommer 2015 in Zürich deutlich zu spüren, wie der Vergleich von drei Wetterstationsdaten in und um Zürich zeigt. Die durchschnittliche Temperatur im Hitzesommer 2015 (1. Juni-31. August) lag in Witikon auf dem Zürichberg auf 608 Meter über Meer bei 20 Grad. In Erlenbach am rechten Zürichseeufer war es im Mittel mit 20,9 Grad schon spürbar wärmer. Dies vor allem, weil Erlenbach mit 517 m ü. M. tiefer liegt. Zusätzlich sorgt die Lage am Südhang für höhere Nachmittagstemperaturen und die Nähe zum Zürichsee sorgt für mildere Nächte. Noch wärmer war es aber in der Innenstadt am Central. Mit durchschnittlich 22,3 Grad war der Sommer 2015 im Stadtzentrum somit mehr als zwei Grad wärmer als in Witikon und mehr als ein Grad wärmer als in Erlenbach. Die tiefere Lage des Stadtzentrums (417 m ü. M.) kann nicht der alleinige Grund sein. Die Temperatur nimmt mit der Höhe in einem ungestörten Umfeld lediglich um ein halbes bis höchstens ein Grad pro 100 Meter ab. Die deutlich höhere Temperatur am Central ist folglich auf den städtischen Wärmeinsel-Effekt zurückzuführen. Im Hitzesommer 2015 war diese Wärmeinsel ausgesprochen heiss: An 37 Tagen stieg die Höchsttemperatur über 30 Grad, Meteorologen sprechen dann von einem Hitzetag. Auch in Erlenbach gab es mit 36 Hitzetagen von Juni bis August extrem viele Hitzetage. Am Stadtrand im Grünen und in leicht erhöhter Lage gab es in Witikon hingegen mit 28 deutlich weniger Hitzetage, wenn auch so viele wie nie zuvor. Der Sommer 2015 war so heiss, dass es am Central und in Erlenbach sogar 9 Tage mit Höchsttemperaturen über 35 Grad gab. In Witikon gab es „nur“ einen davon. Kleiner waren die Unterschiede bei der Anzahl Sommertage mit Höchsttemperaturen über 25 Grad. Auf dem Zürichberg in Witikon gab es 54, in Erlenbach 62 und im Stadtzentrum am Central 60. Hier zeigt sich, dass die Anzahl Sommertage stärker von der Grosswetterlage und weniger von der Lage in der Stadt abhängt. Dies scheint logisch. An einem regnerischen Tag wird es auch im Stadtzentrum nicht sommerlich warm, da durch die fehlende Sonneneinstrahlung der Wärmeinsel-Effekt ausbleibt. Den grössten Effekt haben städtische Wärmeinseln aber auf die Abend- und Nachttemperatur, wenn die versiegelten Flächen und Gebäude als Wärmespeicher fungieren. Dies zeigt sich eindrücklich an der Anzahl Tropennächte, in denen die Temperatur die ganze Nacht nie unter 20 Grad fällt. Während es in Witikon auf dem Zürichberg nur zwei und in Erlenbach acht dieser heissen Nächte gab, waren es im Stadtzentrum sage und schreibe 25 Tropennächte. Sehr heisse Tage und tropische Nächte stellen eine hohe Belastung für die Stadtbevölkerung dar. Die Häufigkeit und Intensität dürfte im Zuge der globalen Erwärmung auch hierzulande zunehmen. Abhilfe schaffen vor allem begrünte Dächer und Fassaden sowie mehr Grünflächen und Bäume in der Stadt.

Zürich ist eine Wärmeinsel

Trockenperioden und Regenphasen im Wechselspiel

Eingelagert in eine ausgeprägte westliche bis südwestliche Höhenströmung wurde der Alpenraum zwischen Ende April und Anfang Mai immer wieder von starken Regenfällen erfasst, welche an der Luftmassengrenze zwischen subtropischer Luft über dem Mittelmeerraum und weniger warmer Luft über Nordeuropa entstanden. Auf dem Zürichberg ergossen sich zwischen dem 25. April und dem 6. Mai rund 140 mm Regen. In nur 12 Tagen fiel fast so viel Regen wie sonst im März und April zusammen. Zuvor herrschte im April eigentlich Trockenheit mit lediglich zwei Regentagen zwischen dem 5. und 25. April.

Tagesregen_2015_ZH
Seit Anfang Februar wechseln sich wochenlange Trockenheit und tagelanger Regen ab.

 

Muster wiederholt sich

Dieses Muster mit einer mehrwöchigen Trockenperiode und anschliessender  Regenphase konnte in diesem Jahr nun bereits zum dritten Mal in Folge beobachtet werden. So fiel vom 3.-20. Februar kein Niederschlag bevor es bis zum 4. März regnerisch war mit nur drei Tagen, die trocken über die Bühne gingen. Die Niederschlagsmengen in dieser 12-tägigen Regenperiode waren mit knapp 30 mm in Zürich jedoch bescheiden. Es folgte eine neue zweiwöchige Trockenperiode mit viel Sonnenschein vom 5.-20. März, die dann abermals von einer zweiwöchigen Regenphase mit nur drei Tagen ohne Regen abgelöst wurde. Vom 21. März bis Ostern fielen in Zürich rund 100 mm, deutlich mehr als sonst im ganzen April. Die dritte Trockenperiode verlief, wie eingangs erwähnt, zwar länger (fast drei Wochen) aber mit einem kurzen regnerischen Intermezzo in der Mitte (17. April). Die anschliessenden Regenfälle bis zum 6. Mai dauerten erneut 12 Tage und waren nur von drei regenfreien Tagen durchzogen. Die Wetterlage war immer die gleiche. Ein Hochdruckgebiet verlagerte sich über den Alpenraum. Kaum jemand ahnte, dass eine mehrwöchige Trockenperiode folgen würde, doch das Hoch wich kaum von der Stelle. Immer mehr Tiefdruckgebiete versuchten das Hochdrucksystem zu durchbrechen. Dies gelang dann jeweils und änderte die Grosswetterlage grundlegend und nachhaltig für die nächsten rund zwei Wochen. In der Meteorologie kennt man solche Wiederholungsmuster, jedoch dauern diese in der Regel fünf bis sieben Tage, aber nicht 12-20 Tage wie in diesem Jahr. Ob sich das bewährte Muster auch im weiteren Verlauf durchsetzt, werden die kommenden Wochen zeigen, in den Wettermodellen ist zumindest nichts zu erkennen. Das bedeutet jedoch nichts, denn das beobachtete Muster wurde bisher ebenfalls nicht richtig prognostiziert.

 

Der Frühsommer-Monsun ist in den letzten 25 Jahren gut erkennbar. Anfang Mai und Anfang Juli gibt es deutlich mehr Niederschläge als früher.
Der Frühsommer-Monsun ist in den letzten 25 Jahren gut erkennbar. Anfang Mai und Anfang Juli gibt es deutlich mehr Niederschläge als früher.

Frühsommer-Monsun

Mit dem Frühling steigen erfahrungsgemäss in der Schweiz auch die Temperaturen und es gibt wieder deutlich mehr Sonnenschein als im Winterhalbjahr, aber es beginnt in der Schweiz dann auch die eigentliche Regenzeit. Im Sommerhalbjahr von April bis September kann im langjährigen Mittel 60 % der jährlichen Niederschlagssumme gemessen werden. Die Monate Mai bis August sind die niederschlagsreichsten im ganzen Jahr. Das war in der Schweiz schon immer so und trotzdem hat sich in den letzten Jahren einiges verändert. Starke Regenfälle im Frühsommer wurden seit 1991 häufiger verzeichnet als in der Periode 1961-1990. Zwischen Mai und anfangs Juli ist in den letzten Jahren ein richtiger Frühsommer-Monsun entstanden. Die Auswertung von historischen Wetterdaten der MeteoSchweiz an der Wetterstation in Zürich zeigt, dass die 7-Tages-Niederschlagssumme in den letzten 25 Jahren (seit 1991) Anfang Mai und Anfang Juli deutlich zugenommen hat gegenüber dem langjährigen Mittel der Jahre 1961-1990. Gab es früher Anfang Mai über sieben Tage hinweg Regenmengen von 25 mm, sind es heutzutage mehr als 40 mm. Noch deutlicher ist der Niederschlagszuwachs in Zürich Anfang Juli. Während früher durchschnittliche 7-Tages-Niederschlagssummen von 25 mm erfasst wurden, waren es in den letzten 25 Jahren 45 mm. Die Niederschläge haben sich gegenüber früher aber nicht zeitlich verschoben, sondern kamen zusätzlich zur anhin schon nassen Jahreszeit noch obendrauf. Es zeigt sich, dass der Frühsommer-Monsun in Zürich in drei Schüben kommt. Ein erster Schub Anfang Mai, ein zweiter Ende Mai und Anfang Juni und ein dritter Anfang Juli. Danach wird die Witterung in der Regel etwas trockener. Diese Veränderung in den Niederschlägen passt nicht ganz in die prognostizierte Veränderung im Zuge der globalen Erwärmung. Weiterhin wird davon ausgegangen, dass die Niederschläge im Sommer in Zukunft abnehmen werden. Eine Trendwende ist nach den starken Regenfällen und Mai-Überschwemmungen auch in diesem Jahr aber noch nicht absehbar. Hoffnung für einen nicht zu nassen Frühsommer bestehen aber noch. So besagt eine Bauernregel: „Auf einen nassen Mai folgt ein trockener Juni.“ Die Trefferquote dieser Regel liegt im Alpenvorland allerdings nur bei 60 %.

Trockenperioden und Regenphasen im Wechselspiel

Global wärmster Jahresstart – lokal spannende Phänomene

Das Jahr 2014 war global gesehen hinsichtlich der Luft- und Wasseroberflächentemperatur das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach einer Phase geringer Temperaturveränderungen im Zeitraum zwischen 1999 und 2013 ereignete sich ein neuer, deutlicher Erwärmungsschub. Das Jahr 2014 war bereits das vierte Jahr in Folge, welches wärmer war als das Vorjahr. Warme Jahre gingen in der Vergangenheit immer auch mit dem auf natürliche Weise wärmenden El Niño-Phänomen einher. Umso erstaunlicher ist es, dass der neuste Wärmerekord 2014 ohne El Niño-Verhältnisse zustande kam, diese setzten sich im 2014 nie richtig durch. Die Antwort auf die Frage, ob es sich beim neusten Wärmerekord nur um einen kurzfristigen Ausreisser handelt oder ob das Jahr 2014 ein neues Kapitel in der Geschichte der globalen Erwärmung aufschlug, werden erst die kommenden Jahre zeigen. Die Tatsache, dass nun auch das Jahr 2015 weitere  Wärmerekorde aufstellt, spricht aber eher für eine längerfristige Fortsetzung der Erwärmung. Die amerikanische Wetter- und Ozeanographiebehörde (NOAA) wie auch die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA stuften den März 2015 hinsichtlich der Lufttemperaturen als den wärmsten seiner Art ein. Die vorangegangenen Monate Januar und Februar sollen jeweils die zweitwärmsten in der 135 Jahre langen Geschichte gewesen sein. In Kombination ergibt dies den wärmsten Jahresstart überhaupt. Nie war der Zeitraum von Januar bis März global gesehen also wärmer als in diesem Jahr.

 

Die Erde schwitzt

Die Erde hat also auch 2015 weiterhin Fieber und zeigt scheinbar auch Symptome in Form extremer Wetterereignisse, die alleine für den Monat März eine beeindruckend lange Liste ergeben. Da wären beispielsweise ungewöhnlich starke, tropische Wirbelstürme und grosse Abweichungen in der Niederschlagsverteilung. Regionen, wie Kalifornien, die von einer anhaltenden Trockenheit heimgesucht werden, stehen Regionen mit weit überdurchschnittlichen Niederschlagssummen gegenüber, so wurde die chilenische Atacamawüste von einer Flutkatastrophe überrascht. Die im März 2015 einen neuen Tiefststand erreichende Ausdehnung des arktischen Eisschildes gilt darüber hinaus als weiteres Indiz für die vorangeschrittene Erwärmung. Die zweitgrösste Eisschildausdehnung in der Antarktis zeugt zudem von stark gestörten Strömungsmustern und überdurchschnittlichen Niederschlägen rund um den Südpol.

 

Ruhiges Frühlingswetter

Deutlich ruhiger gestaltet sich das Frühlingswetter in Zürich. Der April macht bekanntlich was er will. In diesem Jahr hatte er wieder einmal Lust auf viel Sonnenschein und frühsommerliche Temperaturen. So brachte die Periode vom 9.-24. mit Ausnahme des 17. Aprils bei uns durchwegs herrliches Frühlingswetter. Bereits am 16. April wurde aus Südwesten zunehmend feuchte Warmluft in die Schweiz geführt. Gleichzeitig näherte sich am 17. April im Tagesverlauf eine Kaltfront von Norden her der Schweiz. Die in Zürich liegende feuchtwarme Luftmasse wurde somit eingeklemmt und dadurch in die Höhe gedrückt, wie MeteoSchweiz mitteilte. Dies führte zu einem trüben und kühlen Tag in der sonst frühsommerlichen April-Schönwetterphase. Ein Vergleich dreier Wetterstationen in Zürich zeigt, dass in der labil geschichteten Luft die ersten Schauerzellen am Morgen des 17. Aprils zuerst in Zürichs Süden, in Erlenbach, entstanden. Die Niederschläge waren aber sehr schwach und erreichten bis am Nachmittag nur 5 mm am Central und 7 mm in Witikon und Erlenbach. Erst die Kaltfront am Abend brachte ergiebige Niederschläge. Da diese Front von Norden her kam, wurde zuerst die Wetterstation in Witikon vom Regen erfasst, danach folgten die Wetterstationen Central und Erlenbach. Bis zum Niederschlagsende in den frühen Morgenstunden des 18. Aprils kamen in Witikon und Erlenbach knapp 30 mm Regen zusammen, während es am Central mit aufsummiert weniger als 20 mm deutlich weniger intensiv regnete.

 

ZH-TempZH-Regen

ZH-Solar
Das regionale Wetter unterscheidet sich in Zürich nur geringfügig. Trotzdem zeigen sich spannende Unterschiede. So erwärmt sich Witikon „am Berg“ am Vormittag viel schneller als das Zürcher Central „im Tal“, obwohl es in der Stadt rund 2 Grad wärmer ist. Beim Niederschlag kann es je nach Ereignis deutliche, regionale Unterschiede in der Niederschlagsmenge geben.

 

Rasche Erwärmung am Berg

Grundsätzlich unterscheidet sich das Zürcher Wetter regional nur geringfügig. Es zeigt sich beispielsweise die Höhenabhängigkeit der Temperatur. So ist es am Zürcher Central durchschnittlich 2 Grad wärmer als in Witikon und 1 Grad wärmer als in Erlenbach. Jedoch präsentieren sich im Tagesgang der Temperatur spannende Differenzen. An einem trüb-regnerischen Tag wie dem 17. April ist es in Witikon immer rund 2 Grad kühler als am Central. An klaren, sonnigen Tagen jedoch, erwärmt sich „Bergstation“ Witikon am Vormittag deutlich schneller als „Talstation“ Central. In den frühen Morgenstunden eines sonnigen Tages (19.-21. April) ist es in Witikon nach klarer Nacht bis zu 5 Grad kälter als am Central. Zur Mittagszeit hat Witikon das Temperaturdefizit jedoch durch die direktere Sonneneinstrahlung „am Berg“ aufgeholt und weist kurzfristig sogar höhere Temperaturen auf als downtown. Im weiteren Verlauf des Nachmittags schreitet aber die Erwärmung in der Stadt (im Tal) weiter voran. Mit sinkendem Sonnenstand kühlt dann Witikon auch wieder deutlich schneller aus verglichen mit der Stadtluft am Central, so dass es am Abend eines sonnigen Tages wieder rund 4 Grad wärmer ist als in Witikon. Während sich das Klima auf der Erde wieder stärker erwärmt als zuvor, herrscht in Zürich überall der gleiche Wettercharakter, trotzdem gibt es auch auf lokaler Ebene spannende Phänomene.

Global wärmster Jahresstart – lokal spannende Phänomene

Der Besuch des ältesten Urners

Im  Tessin,  im  Wallis  und  in  Genf  brachte  der  Oktober  Rekordtemperaturen, wie MeteoSchweiz berichtete. Im Tessin stieg die Oktobertemperatur 2.5 Grad, in Sion und Genf 3 Grad über die Norm 1981–2010. Auf der Alpennordseite, wie auch auf dem Zürichberg, erreichte die Oktobertemperatur verbreitet Rang zwei bis vier, wobei hier die Temperaturüberschüsse ebenfalls meist im Bereich von 2.5 bis 3.0 Grad lagen. Auch in Berglagen zeigte sich der Oktober sehr mild, die Temperaturen bewegten sich aber nicht in Rekordnähe. Über  die  ganze  Schweiz gemittelt  war  es  der  viertwärmste  Oktober  seit  Messbeginn  vor  150  Jahren.

Martini-Sommer

Im gleichen Stil ging es dann auch anfangs November weiter. Die Temperaturen lagen weiterhin weit über den für die Saison zu erwartenden Werten. Kurze Kaltluftvorstösse wurden rasch wieder durch neue Föhnströmungen abgelöst. Warme und freundliche Witterungsphasen im ersten Novemberdrittel sind in der Klimatologie als Martini-Sommer bekannt. Der Martinstag am 11. November (in Altbayern, Österreich und der Schweiz auch Martini) ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Das Datum ist von Martins Grablegung am 11. November 397 abgeleitet. Der Martinstag ist in Mitteleuropa von zahlreichen Bräuchen geprägt, darunter das Martinsgansessen, der Martinszug und das Martinssingen. In Zürich wird das Martinigansessen von zahlreichen Zünften zelebriert.

Milde Martini-Sommer sind keine Seltenheit, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Vor allem in den letzten Jahren gab es eine Häufung sehr milder Martini-Sommer. Erst vor Jahresfrist wurde mit 9,3 Grad das 3.-mildeste erste Novemberdrittel registriert und auch 2010 war der Martini-Sommer in Zürich mit 9,8 Grad einer der wärmsten. Der bisher wärmste Martini-Sommer stammt in Zürich aus dem Jahr 1977, als das erste Novemberdrittel 10,6 Grad warm war. Dass, zu dieser Jahreszeit auch schon ein ganz anderer Wind wehen kann, zeigte beispielsweise das Jahr 1977, als die ersten elf Novembertage im Mittel nur gerade winterliche 0,2 Grad kalt waren.

Föhn bis nach Zürich

Die diesjährige Wärme zum Martinstag wurde durch wiederholte Föhn-Wetterlagen hervorgerufen. Der Föhn, der in den Täler der Innerschweiz liebevoll “ältester Urner“ genannt wird, tritt nicht in jeder Jahreszeit gleich häufig in Erscheinung. Die klassische alpenquerende Föhnströmung aus Süden, welche in den Föhntälern auf der Alpennordseite typischerweise milde Temperaturen und Schönwetter bringt, ist am häufigsten im Frühling zu beobachten, wie MeteoSchweiz weiss. Deutlich weniger häufig fegt der Föhn im Herbst und im Winter über die Alpen und eine eigentliche Föhn-Flaute ist im Sommer zu beobachten.

Die klassische Föhnsituation ist mit einer starken Staubewölkung am Alpensüdhang verbunden. In Verbindung mit der Hebung der Luftmassen können dabei beachtliche Niederschlagsmengen auftreten. Mit dem Absinken der Luftmassen nördlich des Alpenkamms erwärmt sich die Luft deutlich und die Wolken lösen sich auf. Dieser Bereich mit sehr klarer Luft und blauem Himmel wird als Föhnfenster bezeichnet. Nur selten, bei besonders starken Druckgradienten, vermag der Föhn durch die eigentlichen Föhntäler hinaus bis ins Mittelland vorzustossen. Mit einer Druckdifferenz von 12 Hektopascal zwischen der Alpensüd- und der Alpennordseite war dieser Fall am 4. November gegeben und der älteste Urner besuchte die Region Zürichsee und war selbst auf dem Zürichberg zu spüren.

witikon

erlenbach
Wetterverlauf in Erlenbach und Witikon. Die schwarze Linie zeigt die Windgeschwindigkeit (in km/h), die rote Linie zeigt den Temperaturverlauf und die grünen Säulen zeigen den Verlauf der Feuchtigkeit (rechte Skala). Die Föhnperiode ist deutlich erkennbar.

Sommerliche Nacht

Ein umfangreiches Tief lag anfangs November über Westeuropa, ein kräftiges Hoch über Osteuropa. Dazwischen befand sich Mitteleuropa im Bereich einer starken Südströmung. In der Nacht auf den 4. November verstärkte sich der Föhn und stiess bis weit ins Voralpenland vor. MeteoSchweiz berichtete, dass der Urner Föhn sogar den Greifensee mit Böen von 70 km/h erreichte. Noch stärker war er in Wädenswil am Zürichsee mit 107 km/h, was für die Messstation Föhnrekord bedeutete (Messbeginn 1981). In Wädenswil setzte der Föhn um 22 Uhr ein. Der älteste Urner arbeitete sich dann langsam entlang des Zürichsees vor. Der Wetterverlauf der Station Erlenbach (siehe Grafik) zeigt, dass hier der Föhn erst kurz vor Mitternacht registriert wurde. Nochmals rund eine Stunde später, erst nach Mitternacht, war der Föhn dann auch an der Wetterstation Witikon auf dem Zürichberg messbar. In Erlenbach stieg die Temperatur von rund 10 Grad bis auf sommerliche 20 Grad sprungartig an. Gleichzeitig erreichte der Südwind Spitzenwerte von rund 30 km/h und die Luft trocknete sich deutlich ab (30% Luftfeuchtigkeit). In Witikon stiegen die Temperaturen mit zügigem Südwind auf über 15 Grad. Die Föhnperiode war in Zürich bereits deutlich abgeschwächt und dauerte auch nur rund anderthalb Stunden, bevor die Südwinde um 2 Uhr morgens nachliessen. Nach 3 Uhr morgens war der Föhn dann auch in Erlenbach nicht mehr spürbar und um 7 Uhr liess er auch in Wädenswil wieder nach. Wie schnell sommerliche Temperaturen während einer Föhnperiode nach Föhnende absacken können, zeigte sich nur einen Tag später. Der Dauerregen verursachte eine sogenannte Niederschlagsabkühlung und liess die Schneefallgrenze immer weiter absinken. Innerhalb von nur 24 Stunden sank die Temperatur um fast 20 Grad ab und in Witikon, oberhalb von 600 Meter, konnte am Morgen des 6. November der erste Schnee der Saison gemessen werden.

Der Besuch des ältesten Urners