Braucht die Schweiz neue Gaskraftwerke?

Im dritten Teil der Serie „Strommarkt Schweiz – Europäische Integration oder Autarkie?“ geht es um die Frage: „Droht mit dem Atomausstieg eine Stromlücke?“  

In vielen europäischen Ländern trägt die Kernenergie massgeblich zur Stromversorgung bei. In Frankreich stammt mehr als drei Viertel des Stroms aus Atomkraftwerken.
In vielen europäischen Ländern trägt die Kernenergie massgeblich zur Stromversorgung bei. In Frankreich stammt mehr als drei Viertel des Stroms aus Atomkraftwerken.

Vor fünf Jahren verwüsteten ein Seebeben und ein anschliessender Tsunami die Nordostküste Japans. In der Folge kam es im stark beschädigten Kernkraftwerk von Fukushima zu mehreren Kernschmelzen. Auch fünf Jahre später leben fast 100‘000 Einwohner in „temporären“ Unterkünften und weiterhin wird als Folge des Reaktorunfall Grundwasser verseucht. Nach einem beschlossenen Ausstieg aus der Kernkraft vergingen nur etwa zwei Jahre, bis die japanische Regierung ihren Entscheid rückgängig machte und Pläne für neue Atommeiler auf dem Tisch lagen – zu gross scheint die Nachfrage nach „billigem“ Strom. Die NZZ schreibt passend: “Konsequenzen aus Fukushima, so scheint es, haben andere gezogen: die Schweiz etwa, aber allen voran die deutsche Kanzlerin.“

In Deutschland wurden nur wenige Monate später die „Energiewende“ und der Ausstieg aus der Kernkraft ausgerufen und auch in der Schweiz beschlossen Bundesrat und Parlament, mit der Energiestrategie 2050 schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen.

 

Atomausstieg

Die neue Energiepolitik des Bundes sieht vor, die fünf Schweizer Kernkraftwerke am Ende ihrer Betriebsdauer (das letzte zwischen 2045-2055) stillzulegen und nicht durch neue Kernkraftwerke zu ersetzen. Der Anteil der Kernenergie an der inländischen Stromproduktion beträgt im Durchschnitt 39 Prozent, im Winter bis zu 45 Prozent. Die fünf schweizerischen Kernkraftwerke haben eine Gesamtleistung von 3,2 GW. Wenn schrittweise 39 Prozent der heutigen Stromproduktion wegfällt, stellt sich die Frage, wie diese „Stromlücke“ zukünftig gedeckt wird? Die bundesrätliche Energiestrategie 2050 sieht den Bau neuer Grosskraftwerke, genauer sogenannter Gas- und Dampf-Kraftwerke (GuD), vor, um diese „Stromlücke“ zu kompensieren. Diese Strategie funktioniert jedoch nur auf dem Papier, denn in der Realität entscheidet der Strommarkt und nicht die Regierung, welche Kraftwerke zum Einsatz kommen.

Um die Stromnachfrage in der Schweiz zu decken, können nämlich auch Kraftwerke im Norden Deutschlands, im Westen Frankreichs oder sogar in Norwegen betrieben werden, da ein gut ausgebautes und leistungsfähiges Stromnetz bereits heute riesige Teile Europas miteinander verbindet. Mit der Schaffung eines europäischen Strombinnenmarktes sind die europäischen Strommärkte miteinander vernetzt. Dies ermöglicht den kosteneffizientesten Einsatz der europäischen Kraftwerke. An den europäischen Strombörsen wird Strom über die Grenzen hinweg gehandelt. Auch die Schweizer Strombranche ist mit ihren Grosskraftwerken dort vertreten und handelt im Minutentakt. So kommt es vor, dass im Winter trotz bilanzieller Stromknappheit in der Schweiz weiterhin Strom ins Ausland exportiert wird und gleichzeitig umso mehr aus den Nachbarländern importiert wird (siehe Teil 2 dieser Serie „Strommarkt Schweiz“).

 

Teure Gaskraftwerke

Der Einsatz der Kraftwerke auf dem Strommarkt erfolgt nach einer Grenzkostenlogik. Das bedeutet, dass Kraftwerke mit niedrigen Grenzkosten (i.d.R. variable Kosten, also Brennstoffkosten zuzüglich laufende Betriebskosten) bevorzugt werden (Merit-Order). Strom aus erneuerbaren Energien geniesst einen Einspeisevorrang und reduziert die Stromnachfrage, welche durch bestehende Kraftwerke gedeckt werden muss (Residuallast). Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik (PV) erreichen regelbare Kraftwerke somit weniger Betriebsstunden und werden teilweise sogar ganz aus dem Markt gedrängt. Zuerst werden Technologien verdrängt, welche hohe Grenzkosten aufweisen. Dies sind insbesondere Kraftwerke, die mit Öl und Gas befeuert werden, folglich auch GuD-Kraftwerke, welche in der Schweiz die Kernkraftwerke ersetzen sollen. Diese Logik gilt im vernetzten europäischen Strommarkt grenzüberschreitend. Je mehr Erneuerbare in Europa am Netz sind, desto weniger Betriebsstunden bleiben für konventionelle Kraftwerke wie Öl-, Gas-, Kern- und Kohlekraftwerke übrig. Dieser Effekt zeigt sich auch in seit Jahren sinkenden Grosshandelspreisen, und als Folge in der Schweiz und im europäischen Ausland, wo immer mehr Stromfirmen mit ihren konventionellen Kraftwerken ums Überleben kämpfen. In Deutschland wurden bereits GuD-Kraftwerke stillgelegt, weil sie nicht mehr rentabel betrieben werden konnten. An den Bau neuer Grosskraftwerke denkt zurzeit überhaupt niemand. Nicht Knappheit und Stromlücken dominieren den europäischen Strommarkt, sondern massive Überkapazitäten und demzufolge tiefe Handelspreise.

 

Versorgungssicherheit?

Sollte die Schweiz also ihre stillgelegten Kernkraftwerke durch GuD-Kraftwerke ersetzen, würden diese aufgrund der Marktdynamik im europäischen Strommarkt nur während wenigen Stunden Strom produzieren und folglich kaum wirtschaftlich betrieben werden können. Die Stromnachfrage würde nämlich durch zusätzliche Stromimporte gedeckt werden können, welche billiger am Strommarkt anbieten. Technisch und wirtschaftlich könnten alle Schweizer Kernkraftwerke durch Stromimporte aus dem europäischen Ausland ersetzt werden. Es bedarf jedoch genügend Vorlaufzeit, um die Infrastruktur (v.a. Transformatoren und Netze) entsprechend anzupassen. Beim langfristig geplanten Ausstieg aus der Kernenergie wäre diese Planungssicherheit gegeben.

Die Schweiz importiert und exportiert bereits heute sehr viel Strom vom und ins europäischen Ausland. Würde die Schweiz ihre Kernkraftwerke nur mit zusätzlichen Stromimporten kompensieren, stiege die Abhängigkeit vom Ausland weiter an. Dies ist nicht weiter verwerflich, wenn man bedenkt, dass auch Erdöl und Erdgas vollumfänglich aus dem Ausland importiert werden. Was es in der Strombranche jedoch braucht, ist eine gemeinsame, länderübergreifende Definition von Versorgungssicherheit, denn zurzeit wird Versorgungssicherheit noch national geregelt und definiert als die Fähigkeit, die Stromnachfrage in jeder einzelnen Stunde im Jahr durch landeseigene Kraftwerke zu decken (auch wenn dies in der Realität nie der Fall ist). Wird weiterhin auf dieser Definition der Versorgungssicherheit beharrt, so kommt die Schweiz nicht drum herum, neue Kraftwerke zu bauen, sobald die alten Kernkraftwerke vom Netz gehen. Da private Investoren fehlen, müsste wohl der Staat selber in die Bresche springen.

 

Braucht die Schweiz neue Gaskraftwerke?