Zürcher Hitzesommer 2015: So heiss wie im Tessin des 20. Jh.

Der Schweizer Sommer 2015 war einer der extremsten der letzten rund 500 Jahre. Hitze, Trockenheit und viel Sonnenschein prägten die drei meteorologischen Sommermonate Juni, Juli und August. Makellos war er aber nicht, so gab es in jedem Monat auch einen „Kälteeinbruch“.

Temperaturverlauf des Zürcher Hitzesommers 2015 (rot) im Vergleich zur Norm 1981-2010. Angezeigt sind jeweils Höchst- und Tiefstwerte eines Tages. Die vier Hitzewellen und drei „Kälterückfälle“ sind gut erkennbar.
Temperaturverlauf des Zürcher Hitzesommers 2015 (rot) im Vergleich zur Norm 1981-2010. Angezeigt sind jeweils Höchst- und Tiefstwerte eines Tages. Die vier Hitzewellen und drei „Kälterückfälle“ sind gut erkennbar.

Die Schweiz erlebte ihren zweiten Hitzesommer im 21. Jahrhundert. Nur zwölf Jahre nach dem Jahrhundertsommer 2003 war es wieder soweit. Die Sommerhitze 2015 belegt in allen Regionen der Schweiz Rang Zwei seit dem Messbeginn 1864. Die Wärmeüberschüsse liegen überall zwischen drei und vier Grad über der Norm 1961-1990, wie MeteoSchweiz mitteilt. Damit tritt der Sommer 2015 mitten in die riesige Lücke zwischen dem Jahrhundertsommer 2003 (+4,7 °C) und den bis anhin zweitwärmsten Sommern der Jahre 1947 und 1994 (+2,4 °C). Der Schweizer Sommer 2015 distanziert somit alle bisherigen Rekordsommer um mehr als ein Grad, mit Ausnahme des legendären Hitzesommers 2003. Dieser lag nochmals rund ein Grad über dem Sommer 2015 und thront nach wie vor über allen anderen.

Hitzesommer 2015

In Zürich erreichte der heisse Sommer 2015 eine durchschnittliche Temperatur von rund 20 Grad. Damit war er so warm wie ein typischer Tessiner Sommer im 20. Jahrhundert. Die durchschnittlichen Höchsttemperaturen, die typischerweise am späteren Nachmittag gemessen werden, stiegen auf 26 Grad. Auch in dieser Sparte brachte nur der Hitzesommer 2003 höhere mittlere Höchsttemperaturen. Damals lagen die Werte aber mit 28 Grad noch ein ganzes Stück höher als in diesem Sommer. Kleiner sind die Unterschiede bei den mittleren Tiefstwerten, welche normalerweise am frühen Morgen kurz nach Sonnenaufgang gemessen werden. Diese erreichen heuer durchschnittlich 15 Grad, so mild wie nie abgesehen von 2003 mit durchschnittlich 16 Grad. In der Kategorie „Tropennächte“, also Sommernächte, in denen die Temperatur nie unter 20 Grad fällt, setzt der diesjährige Sommer neue Massstäbe. In Zürich wurden bis zum Sommerende 7 Tropennächte registriert, so viele wie nie seit Messbeginn. Die bisherigen Rekordwerte lagen bei maximal 2 Tropennächte pro Sommer.

Der Sommer 2015 ist in vielen Kategorien auf Augenhöhe mit dem Hitzesommer 2003. Heuer gab es aber deutlich weniger Sommertage dafür so viele Tropennächte wie nie zuvor.
Der Sommer 2015 ist in vielen Kategorien auf Augenhöhe mit dem Hitzesommer 2003. Heuer gab es aber deutlich weniger Sommertage dafür so viele Tropennächte wie nie zuvor.

Drei Wochen trüb und kühl

Der Sommer 2015 war heiss, aber nicht makellos. Dies unterscheidet ihn auch deutlich vom Hitzesommer 2003, welcher deutlich konstanter über die Bühne ging. Heuer machte der Sommer in jedem Monat eine Woche Pause: vom 18.-24. Juni, vom 26. Juli-1. August und vom 15.-20. August. Alle anderen Perioden waren geprägt von sehr heissen Phasen mit insgesamt vier Hitzewellen, die längste und extremste dauerte einen Monat: von Ende Juni bis Ende Juli. Dieses Auf und Ab im Sommer 2015 schlägt sich auch in den Zahlen nieder.

Bei den Anzahl Tagen mit einer Höchsttemperatur von mehr als 25 Grad, sogenannten Sommertagen, gab es noch Luft nach oben. Mit 53 Sommertagen von Juni bis August gab es mindestens drei Sommer seit 1901, die noch mehr Sommertage brachten. Ähnlich viele gab es in den Jahren 1911 und 1928 mit insgesamt 55 Sommertagen. In einer anderen Liga spielt hier der Hitzesommer 2003, welcher 74 Sommertage brachte, also nochmals 21 Tage mehr – oder genau diese drei Wochen, als der Sommer in diesem Jahr pausierte. Bei den Hitzetagen mit einer Höchsttemperatur von über 30 Grad gab es allerdings kaum einen Unterschied zu den bisherigen Rekordsommern. Mit mehr als 25 Hitzetagen auf dem Zürichberg gab es gleich viele 1947 und 2003. Im langjährigen Mittel 1981-2010 sind in Zürich lediglich 5 Hitzetage pro Jahr zu erwarten. Von Juni bis August gab es auch 18 trübe Tage mit weniger als 3 Sonnenstunden am Tag. Diese Schwachstellen hatte der Sommer 2003 nicht. Damals gab es lediglich 8 trübe Tage.

Arider Sommer

Der Sommer 2015 brachte nicht nur viele Hitzetage sondern auch grosse Trockenheit. Nachdem der Juni zumindest an den Voralpen und im östlichen Mittelland normale Niederschlagssummen brachte, versiegten die Himmelsschleusen in den Hochsommermonaten Juli und August fast gänzlich. Über den ganzen Sommer betrachtet fielen in Zürich mit rund 200 mm lediglich etwas mehr als die Hälfte der üblichen Niederschlagssummen. Es war einer der trockensten Sommer in der Messgeschichte von Zürich und so trocken wie seit 32 Jahren nicht mehr. Zur Trockenheit kam sehr viel Sonnenschein hinzu. Die Sonne schien im Sommer 2015 in Zürich mehr als 770 Stunden. In den letzten 50 Jahren war nur der Sommer 2003 sonniger. In den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in Zürich jedoch einige Sommer, die mehr als 800 Sonnenstunden brachten. Weiterhin unerreicht bleibt der Rekordhalter in Sachen Sommersonnenschein aus dem Jahr 1911 mit rund 900 Sonnenstunden.

Viel Sonnenschein, hohe Temperaturen und Trockenheit sind Charakteristika von mediterranen Sommern, in denen mehr Wasser verdunstet als durch Niederschläge fällt. Das Wasserdefizit wird stetig grösser. Meteorologen sprechen dann von ariden Sommermonaten.

Abweichung der Sommertemperatur in der Schweiz vom langjährigen Durchschnitt . Überdurchschnittliche Sommertemperaturen sind rot unterdurchschnittliche blau angegeben. Die schwarze Kurve zeigt den Temperaturverlauf gemittelt über 20 Jahre. Die beiden Hitzesommer 2003 und 2015 heben sich deutlich ab. Quelle: MeteoSchweiz
Abweichung der Sommertemperatur in der Schweiz vom langjährigen Durchschnitt . Überdurchschnittliche Sommertemperaturen sind rot unterdurchschnittliche blau angegeben. Die schwarze Kurve zeigt den Temperaturverlauf gemittelt über 20 Jahre. Die beiden Hitzesommer 2003 und 2015 heben sich deutlich ab. Quelle: MeteoSchweiz

500 Jahre Klimavariation  

Der Schweizer Sommer 2015 war extrem und verlässt zusammen mit dem Hitzesommer 2003 die seit über 500 Jahren bekannte sommerliche Temperaturvariation deutlich. Dies verdeutlicht ein Blick in die europäische Klimabibel „Wetternachhersage – 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen“ von Christian Pfister. Zusätzlich zu langjährigen Wetterbeobachtungen wertete er unzählige Daten und Beschreibungen aus natürlichen (Baumringe, Pollen) und gesellschaftlichen Archiven (historische Dokumente) aus und erlaubt somit den Blick zurück bis ins Jahr 1496. So zeigt sich, dass der Sommer 2015 nicht nur der zweitwärmste seit Beginn instrumenteller Messungen im Jahre 1864 war, sondern möglicherweise sogar der zweitwärmste seit 1496. Die längste Dürrephase brachte der heurige Sommer aber nicht, so zitiert Pfister in seinem Buch eine Überlieferung aus dem Hitzesommer 1623, als es vom 9. Juni bis 11. August, also während 61 Tagen im Thurgau keinen Tropfen regnete. Hitze und Trockenheit führten dazu, dass das Obst noch an den Bäumen verdarb.

Charakteristisch für alle Hitzesommer ist die Grosswetterlage, welche durch ein starkes Azorenhoch geprägt ist, welches sich bis nach Osteuropa ausdehnt. Nördlich davon sitzt das Islandtief. So wird aus Südwesten sehr warme Luft herangeführt, welche sich unter Hochdruck abtrocknet und über dem Kontinent aufheizt. Ostwetterlagen fehlen während Hitzesommern praktisch gänzlich. Dies war auch in diesem Jahr nicht anders.

Zürcher Hitzesommer 2015: So heiss wie im Tessin des 20. Jh.

Sommerlicher Januskopf: welche Seite darf’s denn sein?

August bedeutet Sommer. Das hat der letzte Sommermonat auch dieses Jahr wieder bestätigt. Die Schweiz wurde in den letzten Wochen mit sehr viel Sonnenschein verwöhnt. Obwohl Sommerwetter vorherrschte, zeigte der August unterschiedliche Witterungscharaktere. 

Windrichtung_August_2012

Windrose für die ersten zwei Augustwochen der Wetterstation Zürich-Witikon.

Die erste Augusthälfte war sonnig, warm und niederschlagsarm. Für viele herrschte perfektes Sommerwetter. Mit rund 150 Sonnenstunden, einer gemittelten Temperatur von rund 20 Grad und lediglich 20 mm Niederschlag war dies auch in den Wetterparametern ersichtlich. Zwischen dem 7. und dem 20. August herrschte traumhaftes Sommerwetter, jedoch dominierte nicht durchgehend derselbe Witterungscharakter den Schweizer Augustsommer. Zwei Sommerwettertypen gaben sich am Wochenende 11./12. August die Wetterklinke in die Hand.

Sommerwetter ohne Sommertage
Am 7. August stiess ein Hochdruckgebiet nach Mitteleuropa vor und trocknete die Luft über dem Alpenraum ab. Es war der Anfang einer langen Schönwetterphase. Das Zentrum des Hochs lag nördlich der Alpen, so dass auf der Alpennordseite leichte Bisentendenz aufkam, welche auch in den Folgetagen anhalten sollte.
Die Absinkbewegung im Hochdruck sorgte für sternenklare Nächte mit entsprechend starker, langwelliger Ausstrahlung. Die Temperaturen sanken bis am Morgen auf frische 10 bis 14 Grad ab, wobei die höchsten Werte entlang der wärmenden Gewässer gemessen wurden. Tagsüber präsentierte sich die Sonne auf einem häufig blauen Himmel mit nur wenig flachen Quellwolken am Nachmittag. Die leichte Bisenströmung dämpfte den Temperaturanstieg stark. Über die Mittagszeit gab es gerademal Werte um 20 Grad und die Höchstwerte kurz vor dem Feierabend um 17.00 Uhr lagen bei 23 bis 25 Grad – begleitet von der Bise fühlten sich dies nicht gerade heiss an, so dass es im Schatten vielen zu kühl war. Geschwitzt hatte man in dieser Woche trotz Sommerwetter nie. Die sehr stabile atmosphärische Schichtung und die Bise verunmöglichten aber die Bildung von nennenswerten Quellungen oder sogar Gewittern. So blieb es die ganze Woche trocken und nie kam auch nur ein Hauch Angst vor einem Abendgewitter auf. Die Kehrseite der Medaille waren aber eben die Temperaturen. An der Wetterstation Zürich-Fluntern der MeteoSchweiz stieg das Thermometer trotz Sommerwetter zwischen dem 7. und dem 11. August wegen der leichten Bise nie über die Sommermarke von 25 Grad, wobei die Quecksilbersäule zweimal nur einige Zehntelgrad davon entfernt blieb.

Gewittergefahr lauert
Auf den 12. August ereignete sich dann ein Witterungswechsel, welcher aufs erste niemand zu spüren bekam, denn der Tag begann wie seine Vorgänger mit viel Sonnenschein und frischen 12 Grad auf dem Zürichberg. Im Tagesverlauf drehten die Winde aber von Nordosten (Bise) auf Südwesten. Prompt stieg das Thermometer auch auf dem Zürichberg über 25 Grad und prompt war der Nachmittagshimmel nicht mehr tiefblau sondern wieder gespickt voller grosser Quellwolken. Die südwestliche Strömung führte nicht nur wärmere sondern in tieferen Luftschichten auch wieder feuchtere Luft in die Schweiz. Die starke tägliche Sonneneinstrahlung brachte die feuchte Luft zum dampfen und bereits zogen die ersten Gewitter wieder an den Voralpen entlang. Nur um ein Haar wurde Zürich in der Nacht auf den 13. August von einem Gewitter verschont, die Angst vor einem Abendgewitter begleitet einem nun wieder Tag für Tag. Die folgenden Nächte kühlten in der feuchten Südwestströmung nicht mehr so stark ab. 17 Grad in den Morgenstunden und bereits über die Mittagszeit wurden weit über 20 Grad verzeichnet. Das Hemd klebt bei schwül-heissen 30 Grad am Nachmittag am Körper. Kaum eine Brise durchmischt die stickige, stehende Sommerluft. Der Witterungswechsel ist vollzogen. Zwei Wochen Sommerwetter mit zwei total unterschiedlichen Gesichtern: Der August präsentierte seinen sommerlichen Januskopf.

Mehr Bise, weniger Westwind
Die Präferenzen fürs Lieblings-Sommerwetter gehen weit auseinander. Für die einen war die Woche mit tiefblauem Himmel, leicht gedämpften Temperaturen und gewitterfreien Nächten die perfekte Sommerwoche, für die anderen herrscht erst der perfekte Sommer, wenn das Schwitzen auch in den Nächten nicht aufhört und sie tagsüber nur dem Schatten nachgehen können. Das Abendgewitter nehmen sie dafür gerne in Kauf. Nordost- und Südwestlagen bringen der Schweiz Sommerwetter, wenn auch mit anderen Charakterzügen. Seit 1960 haben die Nordostlagen mit Bisentendenz im Schweizer Mittelland signifikant zugenommen und kommen heute rund 18 Prozent häufiger vor als noch vor 50 Jahren. Im Schnitt sind es heutzutage 25 Tage pro Sommer mit Nordostlage. Die Anzahl Südwestlagen haben sich im Gegenzug kaum verändert. Kompensiert wird die Zunahme der Nordostlagen mit einer deutlichen Abnahme der wechselhaften und kühlen Westlagen. Gleichzeitig wurden auch alle Wetterlagen deutlich wärmer in den letzten 50 Jahren. Am stärksten haben sich die Wetterlagen Nordost und Ost erwärmt, so sind sie heute rund 2,5 Grad wärmer als noch um 1960. Gut möglich, dass in Zukunft also auch Sommertage mit Bise richtig warm werden können. Egal zu welchen Sommerliebhabern Sie gehören, der August 2012 brachte für jeden die perfekte Sommerwoche.

Sommerlicher Januskopf: welche Seite darf’s denn sein?

Schweizer Sommer wird überschätzt

Es ist Halbzeit, Sommerhalbzeit! Der seit dem 1. Juni andauernde, meteorologische Sommer ist nach anderthalb Monaten gemittelt 17,5 Grad warm auf dem Zürichberg. Die bisher höchste Temperatur wurde mit 32,4 Grad am 29. Juni gemessen. Im Volksmund ist der diesjährige Sommer aber ein Flop. Irgendwie haben sich die meisten auf richtiges Sommerwetter gefreut und nicht auf die Witterung, welche in den ersten anderthalb Sommermonaten vorherrschte. Wobei temperaturmässig bisher nichts am Sommer 2012 auszusetzen ist. Verglichen mit der Referenzperiode 1961 bis 1990 ist der Sommer sogar zu warm. Eine aussagekräftigere Antwort liefert jedoch der Verglich mit den letzen 30 Jahren, also der „neuen” Referenzperiode 1981-2010. Aber auch hier muss sich der Midlife-Sommer nicht verstecken, zurzeit herrschen durchschnittliche Verhältnisse.

sommer-temp_neuenorm

Verglichen mit der “neuen” Klimareferenzperiode 1981-2010 sind die meisten Sommer unterkühlt. So warm wie heutzutage waren die Sommer nie.
Daten: MeteoSwiss

Juli bisher trüb und nass
Andere Wetterparameter halten sich aber weniger an den Sommer-Fahrplan. So wurde auf dem Zürichberg seit Sommerbeginn 330 mm Niederschlag gemessen, rund doppelt so viel wie üblicherweise in diesem Zeitraum. In den ersten 15 Julitagen blieben nur gerade drei trocken.
Dank einer hochsommerlichen, zweiten Junihälfte, die 12 Sommertagen mit Höchstwerten über 25 Grad und 4 Hitzetagen mit Temperaturen über 30 Grad brachte, war der Juni auf dem Zürichberg deutlich zu warm. Die erste Julihälfte hingegen war verglichen mit der neuen Referenzperiode leicht unterkühlt. Vor allem die Abwesenheit von Sommertagen, nur gerade viermal stieg das Thermometer in der ersten Julihälfte über 25 Grad, und die vielen Regentage, machten vielen zu schaffen. Nachdem der Juni mit mehr als 200 Sonnenstunden unter dem Strich als sonniger Monat in die Wetterbücher eingeht, gab es in den ersten 15 Julitagen nur gerade 50 Stunden Sonnenschein. Das Problem ist also nicht der Sommer, sondern der Juli.

slp

Seit Sommerbeginn (1. Juni) ist der Luftdruck verglichen mit der Referenzperiode 1981-2010 über den Britischen Inseln deutlich zu tief. Mitteleuropa lag somit in einer West- bis Südwestströmung, so dass sich kein konstantes Sommerwetter aufbauen konnte.
Daten: NCEP/NCAR

Tief über den Britischen Inseln
Verantwortlich für die vielen Regentage und die spärlichen Sommertage war ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet über den Britischen Inseln. Üblicherweise liegt dieses weiter im Nordwesten über Island, so dass sich das Azorenhoch häufiger als zuletzt nach Mitteleuropa ausbreiten kann. Nicht aber in diesem Juli: der kräftige Tiefdruckwirbel  liess dem Azorenhoch keine Chance und drückte dieses weit in den Atlantik zurück. Die resultierende Südwestlage führte feuchte und nur mässig warme Luft nach Mitteleuropa und sorgte für den wohl bekannten, wechselhaften Witterungscharakter. Die vorherrschende Südwestströmung prägte das Juliwetter in ganz Europa. Während der Süden und Südosten Europas unter Hitze und Trockenheit litt, waren die Verhältnisse in Grossbritannien und Skandinavien deutlich unterkühlt und sehr feucht. Die Schweiz lag einmal mehr irgendwo dazwischen.

temp

Der Sommer ist in Süd- und Osteuropa bisher zu warm. Gebietsweise mehr als 4 Grad! Im Norden und Nordwesten liegen die Temperaturen hingegen leicht unter der Norm.
Daten: NCEP/NCAR

prec

Nördlich der Alpen ist der Sommer bisher zu nass, im Mittelmeerraum hingegen zu trocken.
Daten: NCEP/NCAR

Hitzesommer?
Das Wunschsommerwetter mit endlosem Sonnenschein, trockenen Grillfesten und andauernd heissen Temperaturen gibt es in der Schweiz nicht und hat es nie gegeben. Im Gegenteil: der mitteleuropäische Sommer ist und war schon immer geprägt durch schnelle Witterungswechsel, mässig warme Verhältnisse und ergiebige Niederschläge. Die Monate Mai bis August sind nicht per Zufall die feuchtesten im Jahresverlauf. Hitzewellen und lange Trockenperioden sind die Ausnahme. Seit Messbeginn im Jahre 1864 gab es in Zürich es nur sechs „Traumsommer”: 1911, 1947, 1983, 1994, 2003 und 2006. Wobei es auch 1911 und 1947 vor allem in der zweiten Sommerhalbzeit erst richtig schön und heiss wurde. 1983 war sogar „nur” der Juli viel zu sonnig, trocken und heiss. 1994 und 2006 war es hingegen die erste Sommerhälfte, welche deutlich überdurchschnittliche Temperaturen und Trockenheit brachte. Nur 2003 brachte praktisch über mehr als drei Monate Hochsommerwetter, wobei es auch damals im Juli Schönheitsflecken zu beklagen gab. Es wird also deutlich ersichtlich, dass vor allem die Denkhaltung und die riesigen Erwartungen das Problem an der Sommerwahrnehmung ist. Der Schweizer Sommer hält dieser Traumvorstellung nicht stand und führt Jahr für Jahr in die Tristesse. Fakt ist: die Sommer werden in der Schweiz immer wärmer. Die Nullerjahre brachten wieder deutlich mehr Sonnenschein als die fünf vorangegangenen Jahrzehnte und die Niederschläge haben sich kaum verändert. Die Parameter entwickeln sich also langsam in Richtung „Traumsommer” und überhaupt nicht in die Gegenrichtung. Falls also jeder Sommer immer wieder als Flop bezeichnet wird, kann es nur daran liegen, dass der Schweizer Sommer systematisch überschätzt wird. Für Hitze, Trockenheit und Sonne pur wird der Mittelmeerraum empfohlen. Der Sommer 2012 ist noch lange nicht vorbei. Es handelt sich nur um eine sommerliche Midlifecrisis.

Schweizer Sommer wird überschätzt

Sommer von A bis Z

Hitze bei über 30 Grad, Melone zum Frühstück, konstante Omega-Wetterlage und ein schneefreies Vrenelisgärtli: das  A und O des Zürcher Sommers.

A nfang: Der meteorologische Sommer beginnt am 1. Juni, ab dem 21. Juni sprechen auch die Astronomen von Sommer, dann steht die Sonne senkrecht über dem nördlichen Wendekreis.

B adi: Die Zürcher Sommerbäder zählen heutzutage rund 1 Million Badebesucher pro Saison, vor 40 Jahren waren es noch 700-tausend mehr, obwohl die Sommer damals noch deutlich kühler waren.

C hriesi: Seit dem 18. Juni werden in der Schweiz wieder Chriesi geerntet, rund 10 Tage später als im letzten Jahr. Doch die Ernte 2010 verspricht mit geschätzt 2134 Tonnen Tafelkirschen überdurchschnittlich gut zu werden.

D urchschnitt: Die Zürcher Sommermonate Juni bis August sind im Schnitt der Jahre 1988 bis 2009 knapp 18 Grad warm. Zwischen schottischen 14,3 Grad im Juni 1995 und spanischen 22,7 Grad im August 2003 gab es in den letzten Jahren viel Abwechslung.

E rwärmung: Die Klimaforscher erwarten bis ins Jahr 2050 ein Erwärmung der Sommermonate von gut 3 Grad, die spanischen werden dann viel häufiger auftreten als die schottischen Sommermonate.

F öhn: Im ersten Junidrittel gab es diesen Sommer einen markanten Föhnsturm über mehrere Tage. Die Föhnwinde stiessen bis nach Zürich vor. Ein Phänomen, welches im Sommer höchst selten auftritt. Selbst in den Föhntälern sind zwischen Juni und August monatlich nur mit 5 bis 15 Stunden Föhn zu rechnen. Zum Vergleich: im April sind es bis 90 Stunden.

G letscherschmelze: Heisse, staubtrockene Sommer setzen den Schweizer Gletschern stark zu. Im warmen 2009 verlor beispielsweise der 6,4 Kilometer lange Ried-Gletscher im Wallis 500 Meter an Länge.

H itze: Von einem „Hitzetag“ sprechen die Meteorologen, wenn die Tageshöchsttemperatur im Schatten über 30 Grad steigt. Eine Hitzewarnung wird vom Bundesamt für Umwelt ausgerufen, wenn an mindestens drei Tagen in Folge der Hitzeindex von 90 überschritten wird. (30 Grad und 60% Luftfeuchte oder 32 Grad und 40% Luftfeuchte usw.)

I slandtief: Das aus dem Wetterbericht bekannte Tiefdruckgebiet hält auch im Sommer die Westwinde aufrecht. Wenn es nur schwach ausgeprägt ist und weit nach Norden abgedrängt wird, herrscht bei uns sonniges Sommerwetter.

J uli-Baisse: Ein neues Witterungsphänomen, welches einen spürbaren Temperaturrückgang anfangs Juli beschreibt, bevor sich der Hochsommer durchsetzen kann.

K altfront: Beim Durchgang einer Kaltfront stürzt die Temperatur ab. Hinter der Front ist das Wetter kühl, windig und es gibt häufig Regenschauer. Der Sommer muss wieder von null starten. Ein Sommer bleibt umso schöner in Erinnerung, je weniger Kaltfronten über das Land ziehen.

L andregen: Nach einer trockenen Periode ist der Landregen vor allem bei Bauern sehr willkommen. Der lang anhaltende, feine Regen tritt bei Warmfronten auf und kann optimal im Boden versickern.

M elone: Wir finden sie beim gemütlichen Frühstück auf der Terrasse oder beim Sonnenbad am Seeufer. Die Wassermelone gehört übrigens zu den wenigen Lebensmitteln, die mehr Kalorien verbrennen als sie enthalten und ist im Sommer deshalb sehr beliebt.

N iederschlag: Viele wissen es nicht, einige ahnen es. Der Sommer ist bei uns die niederschlagsreichste Zeit des Jahres. Zwischen Juni und August fallen in Zürich durchschnittlich mehr als 370 Liter pro Quadratmeter oder 35 Prozent des Jahresniederschlags.

O mega-Wetterlage: Sie ist die perfekte Wetterlage für einen heissen und sonnigen Sommer. Dabei dehnt sich ein grossräumiges Subtropenhoch, das Azorenhoch, bis nach Mittel- und Nordeuropa aus und unterbricht somit die Westwindzirkulation. Der so entstandene Hochdruckrücken weist ein Zirkulationsmuster vor, welches an den griechischen Buchstaben Omega erinnert.

P egel: Der regulierte Pegel des Zürichsees bewegt sich konstant um 406 Meter. Die Wassertemperatur ist aber starken Schwankungen ausgesetzt. Anfangs Juli war der Zürichsee bereits 25 Grad warm. Im Hitzesommer 2003 war er Mitte August rund 28 Grad.

Q uellwolken: Sie entstehen an heissen Sommernachmittagen und zeigen die instabile Schichtung der Atmosphäre an. Das Emporschiessen der Wolkenteilchen wird durch die Thermik verursacht.

R isiko: Harmlose Quellwolken können innert kurzer Zeit zu bedrohlichen Gewitterwolken heranwachsen. Speziell gefährliche Gewittertage werden von den Meteorologen frühzeitig erkannt. Mit dem gratis SMS-Dienst „Wetteralarm“ (www.wetteralarm.ch) kann das Risiko vor donnernden Überraschungen minimiert werden.

S iebenschläfer: „Das Wetter am Siebenschläfertag (27. Juni) sieben Wochen bleiben mag.“ Zürich erlebte einen hochsommerlich warmen und sonnigen Siebenschläfer 2010. Folgt jetzt der Hitzesommer?

T ropennacht: Das Duvet klebt am nackten Körper, der Ventilator summt neben dem Bett. Wenn die Temperaturen nachts nie unter 20 Grad sinken, herrschen wirklich tropische Verhältnisse. In der Nacht auf den 10. Juni, wie auch um den 3. Juli gab es in der Region Zürich Tropennächte.

U V-Index: Die Wärmestrahlung der Sonne können wir spüren, die sichtbare Strahlung nimmt unser Auge wahr, doch die gefährlichen, ultravioletten Strahlen können wir weder spüren noch sehen. Der UV-Index zeigt auf, wir stark die Strahlung ist und wie Sie sich schützen können.

V renelisgärtli: Ein deutliches Zeichen für einen heissen Sommer ist der Blick auf ein schneefreies Vrenelisgärtli. Ende August 2009 war es zum dritten Mal seit Menschengedenken ausgeapert.

W itikon: Verbringen Sie heisse Sommertage in Witikon. 200 Meter über der Zürcher Altstadt ist es häufig 2 bis 3 Grad kühler als im Stadtzentrum.

X treme: Auch in Zürich kann es über 36 Grad heiss werden, wie am 13. August 2003.

Y acht: Geniessen Sie die langen Sommerabende auf einer Yacht. Die Sonne geht auf dem Zürichsee Ende Juli nach 21 Uhr unter.

Z ürich: Weshalb in die Ferne schweifen, in Zürich ist der Sommer doch am schönsten.

Sommer von A bis Z