Spurensuche nach dem wärmsten Winter

Die Schweiz erlebte den drittwärmsten Winter seit mindestens 150 Jahren. In den Föhntälern wurde es mit häufiger Föhnunterstützung gar der wärmste Winter seit Messbeginn. Im vergangenen Warmwinter waren aber nicht nur die Temperaturen extrem. 

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Bildlegende: Wintertemperaturen (rekonstruierte und gemessene Werte, statistisch angepasst) in Zürich von 1500 bis 2014. Blaue Balken zeigen kalte, rote Balken warme Winter im Vergleich zur Referenzperiode 1981-2010. Die schwarze Linie gibt den laufenden 30-jährigen Durchschnitt an. Quelle: Luterbacher et al., 2004; MeteoSchweiz. Grafik: Silvan Rosser

Mit durchschnittlich 3,0 Grad war der Winter auf dem Zürichberg zwei Grad wärmer als die Referenzperiode 1981-2010. In der Limmatstadt war letztmals der Winter 2006/07 deutlich wärmer. Letztgenannter distanziert den diesjährigen Winter sogar nochmals um fast ein Grad. Die übrigen Warmwinter in der Messreihe sind absolut vergleichbar mit dem diesjährigen. Insgesamt war der vergangene Winter in Zürich einer der wärmsten überhaupt.

Sehr viele Südwestlagen

Die Ursache der Winterwärme ist rasch gefunden und liegt in den ungewöhnlich häufigen Wetterlagen mit Strömungen aus südwestlicher und südlicher Richtung, welche sehr milde Luft aus dem südlichen Nordatlantik oder dem Mittelmeerraum in die Schweiz führen. Während einer starken Föhnströmung im Februar wurden grosse Mengen Saharastaub in die Alpen getragen. Dies zeigt auf eindrückliche Weise, aus welchen Regionen die herangeführten Luftmassen stammen. Während der drei Wintermonate Dezember bis Februar herrschte über der Schweiz an 40 Tagen, also während knapp der Hälfte des ganzen Winters, eine Südwest- oder Südlage, wobei die Südwestlagen mit 33 Tagen den Löwenanteil hatten, wie MeteoSchweiz berichtete. So viele wurden seit 1957 noch nie in einem einzigen Winter gezählt. Auf der Alpennordseite sorgte dieses Strömungsmuster für Wärme, während es im Tessin und am Alpensüdhang für Rekord-Winterniederschläge sorgte. In Locarno fielen in den drei Wintermonaten mehr als 700 mm Niederschlag, das ist mehr als in Sitten während einem ganzen Jahr fällt. Im Engadin, wo der Winterniederschlag als Schnee fiel, kamen knapp 4 Meter Neuschnee zusammen. Das ist der zweithöchste Wert in der 150-jährigen Messreihe. In den Tessiner Bergen kamen teilweise sogar 6 m Neuschnee zusammen, wobei nur lokal Rekorde zu verzeichnen waren. Ein ganz anderes Bild zeigte sich im Schweizer Flachland. Der Winter 2013/14 blieb hier grösstenteils schneefrei. Mit einer Neuschneesumme von lediglich einem Zentimeter wurde einer der schneeärmsten Winter in der Messgeschichte von Zürich beobachtet.

Kaum Eistage, wenig Frost

Aussergewöhnlich an der diesjährigen Winterwärme war vor allem auch die enorme Konstanz. Das Temperaturniveau blieb während allen drei Wintermonaten hoch. In der Nordwestschweiz wurde in diesem Winter kein einziger Eistag verzeichnet, wie MeteoSchweiz mitteilte. Ein Eistag gilt, wenn das Temperaturmaximum des Tages unter null Grad bleibt. Keine Eistage lieferte letztmals der Winter 1876/77. In Zürich wurden nur gerade drei Eistage gezählt. Weniger gab es nur im Winter 1974/75. Auch die Frosttage mit Tagestiefstwerten unter null Grad blieben diesen Winter Mangelware. Nur gerade 37 Mal fiel das Quecksilber diesen Winter in Zürich unter den Gefrierpunkt. In den letzten 50 Jahren gab es nur in den Wintern 1993/94, 1994/95 und 2006/07 einige Frosttage weniger. In jedem der drei vergangenen Wintermonate kletterte das Thermometer mehrmals über 10 Grad. Am wärmsten wurde es in Zürich am 9. Januar mit 13,7 Grad. Deutlich aussergewöhnlicher waren jedoch die absoluten Tiefstwerte dieses Winters. Am Morgen des 12. Dezember wurde mit nicht wirklich eisigen -4,3 Grad der Tiefstwert des diesjährigen Zürcher Winters registriert. Dies ist der mildeste winterliche Tiefstwert seit mehr als 100 Jahren in Zürich!

Geringe Heizkosten

Im gesamten Winter wurde es nie richtig kalt. Die Tiefstwerte lagen im Januar in Zürich bei -3,6, im Februar sogar bei nur -2,1 Grad. Eine verlässliche Grösse für die Strenge eines Winters ist die Kältesumme, welche alle Tagesmitteltemperaturen eines Winters, welche unter null Grad liegen, zusammenzählt. Eine grosse Kältesumme deutet auf einen eisigen Winter. Eine kleine Kältesumme auf einen sehr milden Winter. Mit einer Kältesumme von nur gerade 30 wurde die 2.-kleinste Kältesumme seit mindestens 60 Jahren registriert. Noch kleiner war die Kältesumme im Warmwinter 1974/75 mit nur gerade 14. Der Eiswinter 1962/63 schaffte es auf eine unglaubliche Kältesumme von 500! Die Hauseigentümer können sich diesen Winter zudem über deutlich geringere Heizkosten freuen. Die Heizgradtage lagen Ende Winter in Zürich bei rund 1540. Die Heizgradtage berücksichtigen alle Tage mit einer durchschnittlichen Temperatur unter 12 Grad. Was im Winter eigentlich immer der Fall ist. Dabei wird die Differenz der Raumtemperatur (20 Grad) und der gemessenen Tagesmitteltemperaturen über alle Tage aufsummiert. Je kleiner die Heizgradtage desto milder der Winter und desto niedriger die Heizkosten. Seit Messbeginn 1864 wurden in Zürich nur im Winter 2006/07 weniger Heizgradtage registriert als in diesem Jahr.

Warmwinter in der Vergangenheit

Warme Winter gab es in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder. Dank Temperaturrekonstruktionen der Universität Bern können Wintertemperaturen in Mitteleuropa bis ins Jahr 1500 zurückverfolgt werden. Mit statistischen Methoden kann dieser Temperaturverlauf an die Messwerte von Zürich angepasst werden, so dass die Wintertemperaturen vor 1864 (Beginn der systematischen Messungen) zu erahnen sind. Es zeigt sich, dass der diesjährige Warmwinter auch im Vergleich mit der mehr als 500-jährigen Messreihe ganz vorne mitspielt. Einzig die Winter 1915/16, 1974/75, 1989/90 und 2006/07 aus der Periode mit systematischen Messungen und die Winter 1606/07 und 1612/13 aus der rekonstruierten Periode waren wärmer. Es ist anzunehmen, dass der diesjährige Winter 2013/14 der 7.-wärmste seit mehr als 500 Jahren in Zürich war. Der wärmste Winter in Zürich seit 1500 war demzufolge 1606/07 oder doch 2006/07. Auf den Rekord-Warmwinter folgte ein Jahr später 1607/08 einer der kältesten Winter in der ganzen Messreihe. Solch grosse Schwankungen sind seither nicht mehr aufgetreten. Trotz dieser Variabilität blieben die Wintertemperaturen in Mitteleuropa zwischen 1500 und 1900 im Mittel recht konstant, bevor sie in zwei Phasen zuerst um 1920 und nochmals um 1990 sprunghaft wärmer wurden. So sind die Winter heute insgesamt so warm wie nie zuvor in den letzten mehr als 500 Jahren und rund 2 Grad wärmer als noch vor 115 Jahren.

Spurensuche nach dem wärmsten Winter

Folgt auf den schneereichen Dezember ein milder Hochwinter?

Der Winter kam mit den ergiebigen Schneefällen Ende Oktober sehr früh ins Land. Im darauffolgenden November war die kalte Jahreszeit aber kaum noch zu spüren. Die erste Dezemberhälfte brachte darauf mit Kälte und sehr viel Schnee ein richtiges Wintermärchen. War dies nur der Beginn eines langen, strengen Winters oder ist damit der Höhepunkt bereits erreicht? 

neuschneesummen_vergleich

Summierte Neuschneesummen der letzten Jahre in Zürich-Witikon 608 m.ü.NN. So viel Schnee bis Mitte Dezember gab es in den letzten 6 Jahren nie!

Deutlich früher als in anderen Jahren erfasste mit einer kräftigen Nordlage bereits am 27. Oktober 2012 polare Luft die Alpennordseite und löste dank Feuchtezufuhr aus dem Mittelmeerraum ergiebige Schneefälle aus, welche sogar über das Flachland eine 20 bis 30 Zentimeter dicke Schneedecke legten. So rasch wie der Winter Ende Oktober kam, so schnell wurde er auch wieder aus dem Alpenraum verbannt, denn was danach kam, war erneut sehr mildes Novemberwetter. Nur wenige Tage später schossen die Temperaturen mit Südföhn in den Alpentälern wieder auf 21,5 Grad. Die Nullgradgrenze befand sich teils wieder bei 3000 Meter über Meer, wie MeteoSchweiz mitteilte. Um die Monatsmitte stellte sich die sehnlichst erwartete herbstliche Hochdrucklage ein mit Nebel im Flachland und milden und sonnigen Verhältnissen in den Bergen. Sogar auf dem Jungfraujoch, 3580 Meter über Meeresniveau, kletterte das Thermometer auf plus 3,2 Grad. Die Novembertemperaturen bewegten sich in den Berglagen 2 bis 3 Grad über der Norm der Jahre 1961 bis 1990. In der übrigen Schweiz war der Wärmeüberschuss mit 1,5 bis 2,5 Grad etwas kleiner. Somit gehört der November 2012 schweizweit zu den 10 wärmsten seit Messbeginn im Jahre 1864. Auf dem Zürichberg wurden anders als vor einem Jahr, als im November überhaupt kein Niederschlag fiel, leicht überdurchschnittliche Niederschlagsmengen beobachtet. Zumindest zeigte sich die Sonne 64 Stunden in der Limmatstadt, was einem Plus von 10 Prozent entspricht.

Warmer Herbst
Der milde November lieferte dann auch den grössten Beitrag zum herbstlichen Temperaturüberschuss. Nachdem der September und Oktober nur marginal übertemperiert waren, resultierte am Ende des Herbsts doch ein Wärmeüberschuss von rund einem Grad in Zürich und bis 2,4 Grad in hohen Lagen. Praktisch in der gesamten Schweiz war der Herbst 2012 ausserdem zu nass. In Basel wurde beinahe die doppelte Niederschlagsmenge registriert. Im Flachland führte der zähe Nebel zudem auch zu einem kleinen Sonnenscheindefizit. Eine Ausnahme machte dieses Jahr Zürich, wo die Sonne sogar einige Überstunden machte. Wie jedes Jahr gehört auch die Blattverfärbung und der Blattfall zum Herbst. Generell fand die Verfärbung heuer mehrheitlich im normalen Zeitraum statt, wie MeteoSchweiz schreibt. Allerdings war die Streubreite sehr gross, so dass sich die Blätter in einigen Regionen sehr früh und an anderen Orten ausserordentlich spät verfärbten. Im Flachland verschiebt sich die Blattverfärbung tendenziell nach hinten. Auch der Blattfall rückt vor allem in höheren Lagen oberhalb von 1000 Meter nach hinten, so dass sich die Vegetationsperiode verlängert. Der grösste Effekt hat dabei aber die deutlich frühere Blütezeit im Frühling, welche in den letzten Jahre beobachtet werden konnte.

Massen von Schnee
Die ergiebigen Schneefälle und die Fröste in der ersten Dezemberhälfte haben auch die letzten Blätter von den Bäumen geholt und die Pflanzen in den Winterschlaf geschickt. Der erneute und definitive Wintereinbruch Anfang Dezember war sehr eindrücklich. Bis Mitte Dezember gab es auf dem Zürichberg an mindestens 10 Tagen Neuschnee und bereits am 10. Dezember summierten sich die Neuschneemengen auf einen Meter! Da die Schneedecke immer wieder komprimiert wurde und teilweise wegschmolz, lag die maximale Schneehöhe „nur“ bei 30 Zentimeter. Das bereits vor Dezembermitte (aufsummiert) einen Meter Neuschnee auf dem Zürichberg fällt, ist doch eher aussergewöhnlich. Im letzten Winter fielen über den ganzen Winter betrachtet nur gerade 60, noch ein Jahr früher 95 Zentimeter. Im Winter 2008/09 wurde die 1-Meter-Neuschnee-Marke erst im Februar, 2009/10 sogar erst im März überschritten. Über den gesamten Winter betrachtet war die Saison 2008/09 mit einer Neuschneesumme von 1 Meter 90 die schneereichste der letzten Jahre. Der diesjährige Winter könnte dieser Marke sehr nahe kommen, oder war die schneereiche erste Dezemberhälfte bereit der Höhepunkt des Winters?

Anfang oder Ende?
Wie bereits im letztjährigen Winter wurde die winterliche Kältewelle mit Schnee auch diesen Dezember von einem Aufspalten des polaren Wirbels (Vortex) über der Arktis ausgelöst. Forscherkreise diskutieren, ob das gehäufte Auftreten dieses Phänomens in den letzten Jahren mit der rasanten sommerlichen Eisschmelze am Nordpol zusammenhängt, welche im Frühwinter grosse Energieflüsse in die Atmosphäre über der Arktis verursachen und so diesen Wirbel stören. Fakt ist, dass die Winter der letzten Jahre (vier der letzten acht Winter waren leicht zu kalt) dem starken Erwärmungstrend etwas trotzen. Kalte Wintermonate können in jüngster Zeit zudem immer mit einer Störung dieses Arktischen Wirbels in Zusammenhang gebracht werden. Der arktische Wirbel bestimmt deshalb, ob nun auch der restliche Winter kalt sein und weitere Schneefälle bringen wird. Bereits letzte Woche setzte mit lebhaftem Südwestwetter Tauwetter ein und die Temperaturen stiegen in den Alpentäler bis 10 Grad, ein Zeichen dafür, dass sich die Strömung rund um den Nordpol erholt hat. Falls sie erneut zusammenbricht, schwappt die nächste Kältewelle in die Schweiz. Bleibt sie hingegen stabil, liegt der Höhepunkt des Winters bereits in der Vergangenheit.

Folgt auf den schneereichen Dezember ein milder Hochwinter?