Lokale Kältewellen in Zeiten der globalen Erwärmung

Im laufenden Winter konnten über Europa erstaunlich grosse Luftdruckgegensätze beobachtet werden. Zwischen hohem Luftdruck über dem Atlantik und tiefem Luftdruck von Grönland bis nach Nordwesteuropa bildete sich in der zweiten Dezemberhälfte eine kräftige Westströmung aus, welche seither mehr oder weniger standhielt. Diese scharfe Grenze trennt die kalte Polarluft von der subtropischen Warmluft und ist auch als Frontalzone bekannt. Kleine Störungen an der Frontalzone führen zu einer Vermischung und Verwirbelung der zwei unterschiedlichen Luftmassen. Dadurch wird der Prozess einer Tiefdruckbildung in Kraft gesetzt. Je ausgeprägter die Frontalzone, desto einfacher und häufiger bilden sich kleine Tiefs, die dann rasch an Stärke zulegen können und mit der starken Westströmung als Sturmtiefs auf Europa treffen. Diese stürmische Grosswetterlage bescherte Mitteleuropa im Januar 2018 gleich drei Sturmtiefs in kurzer Abfolge. Zuerst fegte das Sturmtief Burglind mit Orkanböen über die Schweiz, bevor eine Woche später Evi und Friederike erneut orkanartige Böen im Flachland auslösten, einzelne Bäume umstürzen liessen und Dächer abdeckten.

Von Ende Dezember 2017 bis Mitte Januar 2018 wurden die USA von einer eisigen Kältewelle getroffen. In der Arktis, in Europa und Asien war es gleichzeitig aber deutlich zu warm. Lokale Kältewellen sind kein Widerspruch zur globalen Erwärmung. Bildquelle: University of Maine, ClimateReanalyzer.org

 

Milder Winter

Die stürmischen Westwinde peitschen milde Meeresluft nach Mitteleuropa. Der überdurchschnittlich warme Atlantik ist verantwortlich dafür, dass die Westströmung in diesem Jahr speziell milde Luft in die Schweiz führt. Entsprechend fiel der Januar 2018 bisher rund drei Grad milder aus, verglichen mit der Referenzperiode 1981-2010. Die ersten 12 Januartage blieben in Zürich sogar komplett frostfrei. Normalerweise gibt es im Januar in Zürich in zwei von drei Nächten Frost.

Das stürmische und milde Winterwetter in diesem Jahr täuscht darüber hinweg, wie der letzte Winter war. Oder können Sie sich an den letzten Januar erinnern?

 

Eisiger Januar 2017

Vor einem Jahr herrschte in der Schweiz eisige Kälte. Mit einer Durchschnittstemperatur von -3 Grad war es in Zürich der kälteste Jänner seit 30 Jahren. Es war rund sechs Grad kälter als im diesjährigen Januar. Kältewellen, wie sie die Schweiz im letzten Januar erlebte, finden auch im aktuellen Winter statt. In diesem Jahr traf es bisher aber nicht Europa, sondern Nordamerika. Der mittlere Westen und Nordosten der USA erlebten Ende Dezember und Anfang Januar zwei eisigkalte Wochen. Es war die heftigste Kältewelle seit 36 Jahren. Europa, Asien und Nordamerika wurden in den letzten Wintern immer wieder von harten Kältewellen getroffen. In diese Kategorie fällt auch der Februar 2012, welcher in Zürich -3,5 Grad kalt ausfiel.

Sehr milde und eisigkalte Wintermonate wechseln sich in den letzten Jahren scheinbar zufällig ab. Es stellt sich die Frage, ob diese unterschiedlichen Extreme zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden können? Und wie werden sich die zukünftigen Winter im Zuge der globalen Erwärmung in Mitteleuropa präsentieren?

 

Deutlich wärmere Winter

Heftige Kältewellen und eisigkalte Wintermonate sind in den letzten Jahren auf der Nordhemisphäre und auch in Mitteleuropa scheinbar wieder häufiger aufgetreten. Nichtsdestotrotz zeigt sich in einer langjährigen Betrachtung ein eindeutiger Erwärmungstrend. Praktisch überall, in Sibirien, Mitteleuropa und den USA, sind die Winter in den letzten 50, 100 und 150 Jahren deutlich milder geworden. Seit 1864 sind die Winter in der Schweiz um ganze 2 Grad wärmer geworden. Zwischen 1880 und 1890 lag die Wintertemperatur auf einem ausgesprochen tiefen Niveau. Von 1900 bis 1980 zeigte die Wintertemperatur dann einen auffallend ruhigen Verlauf ohne langfristige Änderung. 1987/88 erfolgte in Mitteleuropa ein sprungartiger Wechsel zu einer ausgeprägten Warmwinterphase, die in den letzten 15 Jahren durch einige Kältewellen etwas gedämpft wurde. Wie auf einer Treppe, welche aufwärts beschritten wird, pendelten sich die Temperaturen seither auf eindeutig höherem Niveau als zuvor ein. Sehr tiefe Wintertemperaturen traten seit Ende des 20. Jahrhunderts nicht mehr auf. Der kälteste Winter der letzten 30 Jahren brachte 2005/06 eine Durchschnittstemperatur von -0,9 Grad. In den Jahrzehnten davor gab es mehrere Winter, die sogar kälter als -4 Grad ausfielen. Die letzten 30 Winter sind also insgesamt deutlich milder als die Winter davor. Es zeigt sich aber, dass seit 1990 keine weitere Erwärmung des Winters stattgefunden hat. Dieses Phänomen ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten, sondern in verschiedenen Gebieten der Nordhemisphäre.

Die Winter sind in der Schweiz seit 1864/65 um rund 2 Grad wärmer geworden. Bildquelle: MeteoSchweiz

 

Geschwächter Polarwirbel

Der Grund für die Erwärmungspause der Winter sind die bereits erwähnten Kältewellen, welche verschiedene Orten auf der Nordhemisphäre immer wieder mal treffen. Kältewellen im Winter sind natürlich nichts Aussergewöhnliches und bedürfen eigentlich keiner Erklärung. Das Wetter hat seinen natürlichen Spielraum und nutzt diesen hin und wieder aus. Trotzdem gibt es eine plausible Erklärung, weshalb heftige Kältewellen im Winter trotz globaler Erwärmung häufiger zu beobachten sind.

Mehrere wissenschaftliche Arbeiten geben Hinweise darauf, dass der Rückgang des arktischen Meereises zu den Kälteausbrüchen in den USA, Europa und Asien beigetragen hat. Ein sehr wichtiger Faktor ist im Klimageschehen der sogenannte Polarwirbel, ein Westwindband, welches die Nordhemisphäre im hohen Norden umschliesst und normalerweise die kalte Luft über der Arktis von der warmen Subtropenluft trennt. So präsentiert sich der Polarwirbel aktuell auch über dem Atlantik, wie eingangs ausgeführt. Wird dieser Polarwirbel aber geschwächt, kann die kalte Luft aus der Arktis weit in den Süden entweichen, was oftmals mit einem welligen (mäandrierenden) Westwindband zusammenhängt. So zeigt sich, dass langanhaltende Schwächephasen des Polarwirbels zu den kalten Wintern im nördlichen Eurasien beigetragen haben. Solche Schwächephasen des Polarwirbels können durch eine überdurchschnittlich warme Arktis ausgelöst werden. Und genau das geschieht im Zuge der globalen Erwärmung. Die Arktis erwärmt sich vor allem im Herbst und Winter rasant. Das fehlende Meereis verhindert eine Auskühlung im Herbst, so dass die Nordpolregion bis tief in den Winter mit Wärme versorgt bleibt.

 

Die Klimaszenarien rechnen auch in Zukunft mit einer weiteren Zunahme der Wintertemperaturen auf der Nordhemisphäre. Andere Jahreszeiten, allen voran der Sommer, erwärmen sich in Mitteleuropa und der Schweiz aber deutlich schneller als der Winter. Der wohl auch zukünftig geschwächte Polarwirbel wird jedoch dafür sorgen, dass die Nordhalbkugel und der Alpenraum auch in den nächsten Jahren ab und zu von ausgeprägten Kältewellen aus der Arktis getroffen werden. Die weitere Wintererwärmung könnte sich also wiederum in Form eines nächsten Schrittes aufwärts auf der Treppe der globalen Erwärmung präsentieren, gefolgt von einzelnen kalten Wintermonaten.

Lokale Kältewellen in Zeiten der globalen Erwärmung

Kühlt die Kälteinsel im Nordatlantik auch das europäische Klima ab?

Im September 2015 lagen die globalen Luft- und Meeresoberflächen-Temperaturen 0.9 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Es war somit der wärmste September seit Messbeginn vor 136 Jahren. Zudem war es die global grösste monatliche Wärmeanomalie seit Messbeginn im Jahr 1880. Die bisherigen Höchstmarken aus dem Februar und März 2015 wurden also noch überboten. Die globale Wärme kommt nicht überraschend. Seit Monaten bewegen sich die Temperaturen auf der Weltbühne auf bisher unerreichtem Rekordniveau. Das globale Temperaturmittel seit Jahresbeginn (Januar-September 2015) liegt 0,85 Grad über der Referenz. Der bisherige Rekordwert aus dem Vorjahr wurde um mehr als ein Zehntelgrad übertroffen. Kaum jemand zweifelt daran, dass das laufende Jahr 2015 auf globaler Ebene mit deutlichem Abstand zum wärmsten seit mindestens 135 Jahren wird.

Die Periode von Januar bis September 2015 war global die wärmste seit Messbeginn 1880. Das Jahr 2015 dürfte mit grossem Abstand vom wärmsten Jahr seit Messbeginn werden. In einer Region südöstlich von Grönland ist 2015 aber rekordkalt. Was bedeutet diese „Kälteinsel“ für Europa?
Die Periode von Januar bis September 2015 war global die wärmste seit Messbeginn 1880. Das Jahr 2015 dürfte mit grossem Abstand vom wärmsten Jahr seit Messbeginn werden. In einer Region südöstlich von Grönland ist 2015 aber rekordkalt. Was bedeutet diese „Kälteinsel“ für Europa?

Kälteinsel im Nordatlantik

In den letzten Monaten galt das Interesse der Klimatologen und Meteorologen aber nicht nur der globalen Rekordwärme sondern einer stark unterkühlten Region – einer „Kälteinsel“ im nordatlantischen Ozean südöstlich von Grönland. Dort wurden in den vergangenen Monaten rekordkalte Luft- und Meeresoberflächen-Temperaturen beobachtet. Diese Kälteinsel ist ein krasser Kontrast zum ansonsten rekordwarmen Globus. Gleichzeitig birgt die Kälteanomalie viele Geheimnisse. Ihre Entstehung und ihre möglichen Auswirkungen sind alles andere als aufgeklärt. Ganz überraschend ist die nordatlantische Abkühlung jedoch nicht, wird sie doch von praktisch allen globalen Klimamodellen berechnet, jedoch nicht in dieser Stärke und vor allem mit dieser kurzen Perspektive. Trotzdem sehen einige Forscher die nordatlantische Kälteinsel als Konsequenz der globalen Erwärmung. Aufgrund des stetigen grönländischen Schmelzwassereintrags in den nordatlantischen Ozean und der damit verbundenen Abschwächung der ozeanischen Zirkulation – des Golfstroms, der warmes Wasser aus der Karibik bis in das atlantische Nordpolarmeer transportiert.

Dichtes Wasser sinkt ab

Der massive Schmelzwassereintrag aus Grönland in den Nordatlantik reduziert die Dichte des kalten Oberflächenwassers im Ozean, denn Schmelzwasser besteht lediglich aus Süsswasser und weist somit einige geringere Dichte vor das Salzwasser im Meer, welches im Nordpolarmeer bei Grönland erfahrungsgemäss sehr salzreich ist. Wenn nun das salzig-kalte Wasser im Nordatlantik aufgrund des Schmelzwassereintrags weniger salzig und somit weniger schwer ist, sinkt es im hohen Norden nicht mehr an den Meeresgrund ab. Doch genau dieser Vorgang – das Absinken des dichten Kaltwassers (Tiefenwasserbildung) im Nordpolarmeer – ist ein wichtiger Antrieb für die weltumspannende Ozeanzirkulation und somit für den Golfstrom. Die Tiefenwasserbildung zieht an der Oberfläche warmes Wasser aus den tropischen Gewässern nach und bringt Nordeuropa milderes Klima. Ein Versiegen des Golfstroms hätte markante Auswirkungen auf die Witterung auf beiden Seiten des Nordatlantiks.

Zwischen der Temperaturreihe von Zürich (in Grün) und jener des Nordatlantiks (in Blau) gibt es Ähnlichkeiten. Die aktuelle Abkühlung des Nordatlantiks löst in Mitteleuropa aber kaum eine Abkühlung aus. Vielmehr werden beide Temperaturreihen von globalen Faktoren gesteuert, wobei Zürich über dem Land schneller auf Veränderungen reagiert als der träge Ozean.
Zwischen der Temperaturreihe von Zürich (in Grün) und jener des Nordatlantiks (in Blau) gibt es Ähnlichkeiten. Die aktuelle Abkühlung des Nordatlantiks löst in Mitteleuropa aber kaum eine Abkühlung aus. Vielmehr werden beide Temperaturreihen von globalen Faktoren gesteuert, wobei Zürich über dem Land schneller auf Veränderungen reagiert als der träge Ozean.

Versiegt der Golfstrom?

Ist die aktuelle Kälteinsel im Nordatlantik nun ein Anzeichen dafür, dass der Golfstrom bald zum Erliegen kommt? In verschiedenen amerikanischen und englischen Medien halten sich solche Berichte zurzeit sehr hartnäckig.

Fakt ist, dass es südöstlich von Grönland in einer Region von 45 bis 60 Grad nördliche Breite und von 10 bis 40 Grad westliche Länge im laufenden Jahr ausserordentlich kalt war. Die Meeresoberflächen-Temperatur lag im Jahr 2015 bisher um 0,6 Grad unter dem langjährigen Durchschnitt. Kälter war es letztmals 1986. Seither dominierte sehr warmes Oberflächenwasser die Periode 1995-2013 mit einem Höhepunkt 2007, als es rund 0,7 Grad übertemperiert war. Ein Blick auf die langjährige Meerestemperaturreihe der angesprochenen Region im Nordatlantik genügt, um zu erkennen, dass sich seit jeher kalte und warme Phasen von rund 30 Jahren abwechseln (blaue Kurve in der Grafik). Seit Beginn der Aufzeichnungen 1870 zeigte sich der Nordatlantik bis 1900 mit nur wenigen Ausnahmen überdurchschnittlich warm, bevor eine 30-jährige Periode mit deutlich unterkühlten Verhältnissen folgte, die bis 1930 dauerte. Die darauffolgende Wärmephase erreichte ihren Höhepunkt 1955 und dauerte exakt 30 Jahre bis 1960. Die Oszillation änderte auch in den folgenden rund 30 Jahren bis 1994 nichts an ihrer Charakteristik. So war die Periode von 1961-1994 geprägt durch sehr kaltes Oberflächenwasser. Im Anschluss folgte der Wechsel in die jüngste Warmzeit des Nordatlantiks. Ob die aktuelle Kälteinsel im Nordatlantik das Ende dieser Wärmephase bedeutet, werden erst die nächsten Monate oder sogar Jahre zeigen. Die aktuelle Warmphase dauerte bis heute erst gut 20 Jahre und wäre somit deutlich kürzer als ihre Vorgänger. Denkbar wäre deshalb auch, dass sich der Nordatlantik in den nächsten Monaten wieder aufwärmt und die Warmphase noch rund 10 Jahre fortsetzt. Ist dies nicht der Fall, würde die nächste Kaltphase unerwartet früh einsetzen und möglicherweise für die nächsten 20 bis 30 Jahre andauern. Was würde dieses Szenario für das Wetter und Klima in Mitteleuropa bedeuten?

Abkühlung in Mitteleuropa?

Die Auswirkungen einer Kälteinsel und anschliessender Kältephase im Nordatlantik sind nicht einfach abzuschätzen. Eine generelle Abkühlung in Europa zu prophezeien ist Humbug. Bereits diesen Sommer war die Kälteinsel über dem Nordatlantik präsent und gleichzeitig erlebte Mitteleuropa einen Hitzesommer. Die Vergangenheit zeigt ein noch komplizierteres Bild. Legt man die Temperaturkurve von Zürich (grüne Linie in der Grafik) über die Temperaturkurve des Nordatlantiks (blaue Linie) zeigen sich durchaus ähnliche Muster mit wärmeren und kälteren Phasen auch in Zürich. Jedoch hat sich die Temperatur in Zürich über die gesamte Periode seit 1870 deutlich erwärmt, währenddem der Atlantik der globalen Erwärmung in dieser Region trotzt. Die Abfolge von kälteren und wärmeren Phasen in Zürich (einmal abgesehen vom langjährigen Temperaturanstieg) und im Nordatlantik findet aber nicht simultan statt. Vielmehr hat die Temperaturreihe einen Vorsprung von rund 5-10 Jahren. Zuerst hat sich in der Vergangenheit also Zürich erwärmt und abgekühlt und erst später war das gleiche Signal im Nordatlantik zu beobachten. Dies zeigt, dass der Nordatlantik das Wetter in Mitteleuropa kaum beeinflusst. Es wäre aber natürlich vermessen zu behaupten, dass Zürich das Klima über dem Atlantik beeinflussen würde. Die Gegenüberstellung der beiden Temperaturreihen zeigt vielmehr, dass andere „globale“ Faktoren (CO2-Anstieg oder globale Verdunkelung) die beiden Temperaturkurven beeinflussen und der Atlantik träger und deshalb verzögert auf solche Störungen reagiert. Die Kälteinsel über dem Atlantik stellt also keinen Grund zur Sorge dar. Mit einer Abkühlung in Europa ist deswegen nicht zu rechnen.

Kühlt die Kälteinsel im Nordatlantik auch das europäische Klima ab?

Frühsommer-Monsun oder kalifornische Trockenheit?

Ziemlich genau vor einem Jahr wurde Mitteleuropa vom katastrophalen Elbehochwasser heimgesucht. Ein Jahr später kämpfen heute weite Teile des Balkans mit Jahrhundertüberschwemmungen. In Mitteleuropa ist es hingegen seit Jahresbeginn deutlich zu trocken und sehr sonnig. 

Sonne-Dez-Mai

Die Periode von Dezember bis Mai war in diesem Jahr in Zürich die drittsonnigste seit Anfang des letzten Jahrhunderts. Noch mehr Sonnenschein gab es nur 2007 und 2011.

Der Mai 2014 war im Schweizer Flachland unbeständig. Langanhaltende Schönwetterperioden gab es nicht und trotzdem blieben die Niederschlagssummen hinter dem langjährigen Durchschnitt zurück. Die sonst für den Mai so typischen Stauniederschläge am Alpennordhang waren heuer deutlich weniger stark ausgeprägt als in den Vorjahren. Der mitteleuropäische Frühsommer-Monsun wird seinem Namen bisher nicht gerecht. Die Trockenheit begleitet Mitteleuropa bereits seit Jahresbeginn. Auch in Zürich waren die ersten Monate des Jahres 2014 deutlich zu trocken, wie aus Daten von MeteoSchweiz hervorgeht. Der Januar brachte nur 75% der üblichen Niederschlagsmengen. Im März fiel sogar nur ein Drittel, verglichen mit der Referenz der Jahre 1981-2010. Kein Monat war bisher zu nass. Mit insgesamt 316 mm Niederschlag seit Jahresbeginn klafft auf dem Zürichberg ein Defizit von rund 100 mm.

Neues Jahr – neues Hochwasser

Vor einem Jahr sah die Lage in Mitteleuropa anders aus. Nach einem trüben und nassen Frühjahr brachte ein ergiebiger Frühsommer-Monsun Starkniederschläge und war für die schweren Elbehochwasser in Mitteleuropa verantwortlich. Mit den jüngsten Jahrhundertüberschwemmungen im Balkan trifft es aber nur ein Jahr später in diesem Frühsommer die Balkanstaaten. Zwischen den beiden katastrophalen Überschwemmungen gibt es einige Parallelen aber auch deutliche Unterschiede.

Vom Wirbel zum Genuatief

Die Ursache für die kräftigen Niederschläge war dieses wie auch schon im letzten Jahr ein sogenanntes Genuatief. Ein solches entsteht, wenn kühle Meeresluft aus dem Nordostatlantik an die Alpen fliesst (Frühsommer-Monsun) und diese anschliessend umströmt. Beim Umströmen bildet sich ein Wirbel über dem Golf von Genua. Über dem zu dieser Jahreszeit schon ziemlich warmen Mittelmeer kann der noch junge Wirbel rasch zu einem mächtigen Tiefdruckgebiet heranwachsen. Das Tiefdruckgebiet schiebt in der Folge relativ warme und sehr feuchte Luftmassen auf beide Seiten der Alpen. Wobei das Hauptniederschlagsgebiet je nach Lage und Ausprägung des Tiefs bevorzugt auf der Alpennord- oder -südseite liegt. Bereits einige Tage vor den verheerenden Überschwemmungen Mitte Mai zeichnete sich ab, dass das Hauptniederschlagsgebiet nicht wie im Vorjahr auf der Nordseite der Alpen sondern im Südosten liegen wird. Wie erwartet fielen Mitte Mai in Norditalien, Südösterreich und über den Balkanstaaten grossflächig 50-100 mm Regen. Im manchen Staulagen der Gebirge, vor allem der Ostalpen und des Dinarischen Gebirges, ergossen sich um 200 mm. Das entspricht etwa der doppelten, im gesamten Monat Mai im Durchschnitt auftretenden Niederschlagsmengen in den betroffenen Regionen. In der Folge überstieg der Pegel vieler Flüsse wie auch jener der Donau die Hochwassermarke. Anders als im Vorjahr konnten die grossen Schneemengen auf der Alpensüdseite im Laufe des sehr warmen Frühlings bereits grösstenteils tauen und abfliessen. Im letzten Jahr brachte der extrem kalte März recht spät viel Neuschnee, der zusätzlich zu den Stauniederschlägen als Tauwasser in die Flüsse kam. Zudem war das Frühjahr wie erwähnt bisher recht trocken, so dass viele Flusspegel vor dem Ereignis niedrig bis normal waren. Die Überschwemmungen im Balkan gelten zwar als Jahrhundertereignis, sind aber aufgrund der Vorgeschichte weniger heftig ausgefallen, als dies vor einem Jahr der Fall gewesen wäre.

Rekordtrockenheit in Kalifornien

Während Südeuropa unter den Hochwassern leidet, ächzt Kalifornien an der Westküste der USA unter einer der schlimmsten Trockenperioden seit Messbeginn. So erstaunte es kaum, dass der diesjährige Start in die Waldbrandsaison besonders heftig war. Die Waldbrände sind eine fast logisch erscheinende Folge der extremen Witterung der vergangenen Monate. Im Zeitraum von Anfang Mai 2013 bis Ende April 2014 wurde an vielen Stationen in Kalifornien nur etwa ein Drittel der üblichen Niederschlagsmengen gemessen. Einzig 1923/24 und 1976/77 war es in den entsprechenden Zeiträumen noch trockener, wie MeteoGroup mitteilt. Wenn man bedenkt, dass in Kalifornien von Mai bis September im Schnitt nur 10 % des Jahresniederschlags fällt, dann ist eine Entspannung der Dürresituation in absehbarer Zeit nicht wahrscheinlich.

Kalifornisches Flair war im letzten Wetterhalbjahr auch im Schweizer Mittelland zu spüren. Auf dem Zürichberg schafft es die Periode von Dezember 2013 bis Mai 2014 mit 830 Sonnenstunden auf dem 3.-sonnigsten Platz. Nur in den Vorjahren 2007 und 2011 gab es in der gleichen Periode noch mehr Sonnenstunden. Erstaunlich ist die Häufung von enorm sonnigen Perioden in den letzten Jahren – mit Ausnahme des trüben Frühjahrs 2013.

Frühsommer-Monsun oder kalifornische Trockenheit?

Wie kalt war der Juli 2011 wirklich? Ein Vergleich gibt Aufschluss

Der Juli 2011 wird in der Schweiz wohl der kälteste seit 2000. Damals war die Sommerkälte in Europa noch deutlich ausgeprägter. Wie bereits im letzten Jahr herrscht in Westrussland grosse Hitze.  

2000

2000
Eine Troglage* über Mitteleuropa sorgt für kaltes Hochsommerwetter und ergiebige Niederschläge. Grosse Teile Europas erleben einen deutlich zu kalten Juli. Vor allem Frankreich, Luxemburg, Deutschland und die Schweiz sind stark unterkühlt.

2001

2001
Eine anhaltende Südströmung über Westrussland sorgt dort für grosse Hitze. In Mitteleuropa bekommt man nur sporadisch von den überdurchschnittlichen Temperaturen im Osten zu spüren. Erneut liegt Mitteleuropa zeitweise im Einfluss der Trog-Wetterlage.

2002

2002
Der Juli 2002 war in Westeuropa geprägt durch eine zonale Strömung. So strömte immer wieder kühle und feuchte Atlantikluft nach West- und Mitteleuropa. Über Westrussland lag erneut eine aussergewöhnliche Hitze.

2003

2003
Der Juli im Hitzesommer 2003 war verglichen mit dem Juni und August praktisch durchschnittlich. Trotzdem war auch der Juli 2003 von einer Omega-Wetterlage geprägt, so dass mehrheitlich überdurchschnittliche Temperaturen vorherrschten. In Südosteuropa war es für einmal zu kühl.

2004

2004
Wie im Juli 2002 war der Juli 2004 ebenfalss durch den Westwind und somit kühle, feuchte Atlantikluft geprägt. Diesmal reichte die zonale Strömung aber bis weit in den Kontinent, so dass auch Westrussland einen kühlen Sommer erlebte.

2005

2005
Ein leicht übertemperierter Sommermonat unter Einfluss des Azorenhochs. Zeitweise herrschte Nordwestströmung vor, so dass die Temperaturüberschüsse gedämpft ausfielen.

2006

2006
Der Hitze-Juli im Jahre 2006. Der heisseste Juli seit Messbeginn im Mitteleuropa. Eine konstante Omega-Lagesorgte für sonnige, trockene und heisse Verhältnisse. Im Osten, auf der Vorderseite des Hochdruckkeils, erlebten die Menschen einen kühlen Sommer. 

2007

2007
Ein massives Tiefdruckgebiet über Skandinavien sorgte über weite Strecken des Monats für Westwind und führte kühle Atlantikluft nach Mitteleuropa. Nur über dem Balikum herrschte Gluthitze.

2008

2008
Ein Sommermonat unter schwachem Azorenhocheinfluss. Zeitweise auch mit zonaler Strömung, die Störungen nach Mitteleuropa führten. Allgemein kaum nenneswerte Temperaturanomalien in Europa.

2009

2009
Erneut ein unspektakulärer Juli. Erneut unter schwachem Azorenhocheinfluss. Zeitweise aber auch in der zonalen Strömung. Kaum Temperaturabweichungen in Europa.

2010

2010
Über weite Strecken ein neuer Hitzemonat in Mitteleuropa und lange Zeit heisser als der Rekordmonat 2006. Bis am 23. geprägt durch eine Omega-Wetterlage über Mittel und Osteuropa. Danach Trog über Mitteleuropa mit massiver Abkühlung. Westrussland blieb unter dem Omega und erlebte den heissesten Sommer seit Menschengedenken.

2011

2011
“Trog über Mitteleuropa”. Mehr gibt es zum Juli 2011 eigentlich nicht zu sagen. Eine eingefahrene Wetterlage sorgte über weite Strecken für kühle, nasse und sonnenarme Juliwitterung. Die Sommerkälte ist aber viel weniger ausgeprägt als im Juli 2000 (ganz oben). So beschränkt sich die Kälte dieses Jahr auf die Iberische Halbinsel, Frankreich, die Benelux-Staaten, Deutschland und die Schweiz und ist weniger unterdurchschnittlich als 2000. Skandinavien und Westrussland erleben erneut einen heissen Juli.

2012

2012
Ein unbeständiger aber durchschnittlicher Juli. Mal war der Alpenraum im Einfluss des viel zu heissen und trockenen Südosteuropa, mal im Bereich der kühl-feuchten Luft über Nordwesteuropa.

2013

2013
Ein extrem sonniger, trockener und warmer Juli: Der perfekte Hochsommermonat. Nach recht frischem Monatsstart wurde es immer heisser.

*Als Troglage bezeichnet man ein Gebiet mit tiefem Luftdruck im Bereich der Rückseite eines kräftigen, bereits zu altern beginnenden Tiefs. Der aus hochreichender Kaltluft bestehende Trog ist an der starken zyklonalen Krümmung der Isobaren zu erkennen. (MeteoSchweiz)

Galerie

Kommt die Russische Kältepeitsche wirklich?

Bereits Mitte Oktober will die Boulevardpresse wissen wie der kommende Winter wird. Fachkundige Auskünfte werden dabei zu peitschenden Schlagzeilen gestutzt. 

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Verlauf der Wintertemperaturen in Zürich. Abweichung von der Referenzperiode 1981-2010. Sehr kalte Winter gibt es in jüngster Vergangenheit nicht mehr.

Der klimatologische Winter dauert vom 1. Dezember bis zum 28. Februar – hat also drei Wintermonate. In den letzten vier Jahren war mindestens einer dieser Wintermonate zu kalt. Zwischen 1981 und 2010 war der Dezember in Zürich im Schnitt 1,4 Grad. Der Januar 0,3 und der Februar 1,3 Grad. Sehr kalte Wintermonate gab es in den letzten 30 Jahren nicht mehr. Am kältesten war es seither im Januar 1985 mit -5,4 Grad im Schnitt. Doch auch im Februar 2011 war es mit durchschnittlich -3,5 Grad frostig. Der Winter 2006/2007 war hingegen der wärmste seit mindestens 150 Jahren. Im Januar und Februar war es damals im Schnitt knapp 5 Grad warm.

Was macht der Westwind?
In der Schweiz gibt es nicht jedes Jahr idyllisches Winterwetter mit Eis und Schnee. Häufig ist es auch windig und regnerisch oder hochnebelverhangen. Entscheidend dafür ist die Nordatlantische Oszillation – die Westwindzirkulation, welche verschiedene Moden annehmen kann. Bricht die Westwindzirkulation zusammen, kann kalte Luft aus Sibirien bis nach Mitteleuropa vordringen und ganz Mitteleuropa erlebt einen frostig kalten Winter. Strömt die Luft gleichzeitig über den Nordostatlantik oder die Nordsee, kommt es zu starkem Schneefall. Sobald aber die Westwinde aufleben, wird sehr milde Luft nach Mitteleuropa geführt. Anstatt Schnee fällt dann Regen.
Die letzten Winter waren eher von einer schwachen Westströmung geprägt. Immer wieder konnte in den letzten Winter beobachtet werden, dass die Nordatlantische Oszillation zusammen bricht. Die dadurch einfliessenden, sibirischen Luftmassen sorgten teilweise für wochenlange Kältewellen, wie es die Schweiz letzten Februar erlebte. Im Winter 2010/11 beispielsweise erwachte die West-Zirkulation nach einem frostigen Dezember im Januar und beendete den Flachland-Winter frühzeitig. Im letzten Winter (2011/12) schlug der Winter nach einem sehr milden Frühwinter erst im Februar, aber mit grosser Wucht zu.
Wie in den letzten Jahren ist es deshalb gut möglich, dass mindestens ein Wintermonat zu kalt ausfällt. Einzelne markante Kältewellen sind durchaus zu erwarten, da die Nordatlantische Oszillation eher schwach bleibt. Insgesamt könnte der Winter 2012/13 dann aber trotzdem zu mild ausfallen, also ähnlich wie wir das aus den letzten Jahren kennen. Das zeigen auch aktuelle Prognosen des MetOffice, welche mit eher kaltem Winterwetter rechnen, verglichen mit den letzten 30 Jahren. Das heisst aber nicht, dass Europa von Eiswintern heimgesucht wird. Mit einer Seegfrörni des Zürichsees ist also sicher nicht zu rechnen. Sehr kalte Winter gehen mit Gefriervorgängen im Süsswasser einher. Ein Mass für die Seegfrörni ist die Summe der täglichen negativen Abweichung von 0°C, welche als Kältesumme bezeichnet wird. Der Zürichsee benötigt für eine vollständige Eisbedeckung die Kältesumme von mindestens 300°C, für jene des Bodensees ist eine solche von 380°C erforderlich. Im Winter 2009/10 wurde eine Kältesumme von 200, ein Jahr später eine von nur 150 und vor einem Jahr von rund 170°C gemessen. Von einer Seegfrörni war Zürich also jedes Mal weit entfernt. In allen belegten Fällen, als der Zürichsee für Fussgänger tragbar war, sind zwei nach heutigem Massstab sehr kalte Monate vorangegangen. Bei längeren Kältewellen haben sich auch der Neuenburgersee und dann der Thunersee sowie sogar der Vierwaldstättersee vollständig mit Eis überzogen.
Die Flaute des Westwindes, also das Defizit von warmer Atlantikluft, in den letzten Wintermonaten erlaubt auch keine eindeutige Aussage über die Verhältnisse des kommenden Winters. Ziehen die Westwinde unerwartet an, gibt es folglich einen sehr milden Winter.

Der erster Schnee
Zu einem richtigen Winter gehört Schnee. Der „normale“ Termin für den ersten Schnee in Zürich ist denn auch der 22. November! Jedes dritte Jahr fällt das himmlische Weiss vor dem 12. November zum ersten Mal. Im Schnitt alle drei Jahre gibt es die ersten Flocken aber erst nach dem 2. Dezember. 2011 erleben wir also wieder ein Jahr mit spätem ersten Schnee. Über die ganze Wintersaison betrachtet, ist auf dem Zürichberg mit rund 40 Tagen mit mindestens einem Zentimeter Schnee zu rechnen. An knapp 25 Tagen gibt es im langjährigen Mittel messbare Schneefälle in der Limmatstadt.
Mit solch ausführlichen Informationen werden die Schweizer Gratistageszeitung auf Wunsch bereits Mitte Oktober beliefert. Das ganze wird dann aber höchst „journalistisch“ auf wenige Worte geschröpft. Und oben am Artikel erscheint der Titel: “Im Winter erwartet uns die russische Kältepeitsche.“

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Termin des ersten Schnees der Saison in Zürich (Zürichberg); Daten: MeteoSchweiz.

Kommt die Russische Kältepeitsche wirklich?