Wärmstes Jahr: ohne Sommer und mit eisigem Ende

Auf globaler wie lokaler Ebene war das Jahr 2014 das wärmste seit mindestens 150 Jahren. In Zürich war das Witterungsjahr 2014 zudem sonniger und eine Spur trockener als im langjährigen Durchschnitt. Der Winter 2013/14 wie auch der Frühling 2014 gehörten zu den 10 wärmsten seit Messbeginn 1864. Im Herbst 2014 wurden sogar die zweithöchsten Temperaturen gemessen. Nur der Sommer fällt aus der Reihe. Dieser war kühl, grau und nass.

 

Kein Schnee und viel zu warm

Während Anfang Jahr 2014 auf der Alpensüdseite in den Bergen eine überdurchschnittliche Schneedecke lag, erreichten die Schneehöhen am Alpennordhang an einigen Orten massiv unterdurchschnittliche Werte. Im Flachland der Alpennordseite blieb der Januar 2014 vielerorts sogar ganz schneefrei, wie MeteoSchweiz mitteilte. Derart schneearm blieb ein Januar im Flachland letztmals 2008 und 1996. Die ersten zwei Monatsdrittel waren durch West- und Südwestströmung geprägt. Die Temperaturen lagen weit über der Norm. Im Januar 2014 ergab sich die seltene Situation, dass im Flachland der Alpennordseite flächendeckend kein einziger Eistag aufgezeichnet wurde, wie MeteoSchweiz bekannt gab. Ähnliches war letztmals vor 26 Jahren im Januar 1988 der Fall. So erstaunte es nicht, dass bereits die ersten Haselsträucher zu blühen begannen. Auch der Februar setzte fort, was der Januar begann. Täglich lagen die Temperaturen fast überall in der Schweiz über der Norm 1981-2010. Massive Ausreiser nach oben waren aber nicht dabei, sodass der Februar in Zürich 2,8 Grad zu warm in die Wetterannalen eingeht. Kein anderer Monat brachte in Zürich im 2014 einen grösseren Wärmeüberschuss.

Die ersten vier Monate im 2014 brachten anhaltende Wärme in Zürich. Nach einem zu kühlen Mai, Juli und August ginge es von September bis Dezember wieder rekordverdächtig warm weiter. 2014 war in Zürich das wärmste Jahr seit mindestens 150 Jahren.
Die ersten vier Monate im 2014 brachten anhaltende Wärme in Zürich. Nach einem zu kühlen Mai, Juli und August ginge es von September bis Dezember wieder rekordverdächtig warm weiter. 2014 war in Zürich das wärmste Jahr seit mindestens 150 Jahren.

Früher Frühlingsbeginn 

Aufgrund der Schneearmut und der anhaltend viel zu hohen Temperaturen in den ersten Monaten des Jahres kam nie richtig Winterstimmung auf. Vielmehr setzte sich schon bald wieder der Frühling in Szene. Nach letzten Niederschlägen am 6. März hiess es bis am 21. März fast ununterbrochen „ganze Schweiz sonnig“. Eine ähnlich anhaltende Schönwetterperiode im März trat letztmals in den Jahren 2003 und 1993 auf. In der schon kräftigen Frühlingssonne stiegen die Temperaturen im Tessin erstmals auf sommerliche 25 Grad. In Zürich brachte der März lediglich ein Drittel der üblichen Niederschlagsmengen und war der trockenste Monat des Jahres. Die Sonnenscheindauer erreichte mehr als 160 Prozent der üblichen Werte. Kein anderer Monat brachte verhältnismässig mehr Sonne im Wetterjahr 2014. Anhaltend mild zeigte sich auch die erste Aprilhälfte. Erneut lagen die Tagesmitteltemperaturen 5 bis 7 Grad über der Norm der Jahre 1981-2010. Die hohen Apriltemperaturen wurden von viel Sonnenschein begleitet. Wie bereits im Februar und März gelangte auch im April erneut viel Saharastaub via Luft in die Schweiz. Dies unterstreicht exemplarisch, wo der Ursprung der deutlich zu milden Luftmassen über der Schweiz lag. „Pünktlich“ auf die Osterfeiertage floss kühle Luft aus Norden zur Schweiz und lies die Schneefallgrenze rasch bis in tiefe Lagen absinken. Nach dem österlichen Wintereinbruch kamen die Wärme und die Sonne zurück, bevor es am Sechseläuten-Montag erneut zu ergiebigen Niederschlägen und einer deutlichen Abkühlung kam. Bereits Anfang April konnten blühende Kirschbäume beobachtet werden. Mit einem Vorsprung von bis zu 20 Tage gegenüber dem Mittel begannen im Laufe des Aprils auch die Obstbäume zu blühen.

nied2014
Nach einem trockenen ersten Halbjahr brachte der Hochsommer sehr viel Regen. Das Jahr ging dann auf dem Zürichberg wieder eher zu trocken zu Ende. Insgesamt war 2014 leicht zu trocken.

Wechselhafter Frühsommer

Der Mai begann dann kühl und regnerisch. Ein wechselhafter Wettercharakter blieb uns bis zur Monatsmitte erhalten. Unter dem Strich brachte der Mai durchschnittliche Niederschlagsmengen und genügend Sonnenschein. Die Temperaturen blieben aber erstmals im 2014 unter dem Erwartungswert. Erst gegen Monatsende brachte eine Föhnströmung Wärme und Saharastaub in die Schweiz. Nach einigen wechselhaften Junitagen setzte sich am 7. Juni die Hitzewelle des Pfingstwochenendes ein. Heisse Afrikaluft strömte nach Mitteleuropa und liess die Temperaturen in Zürich am 9. Juni auf 33,7 Grad steigen. Niemand ahnte, dass dies bereits der Höhepunkt des Sommers war. An vielen Messstandorten gab es Rekord-Temperaturen für die erste Junihälfte. Im Wallis wurde es beispielsweise 36,2  Grad heiss. Der restliche Juni blieb zwar mit Temperaturen zwischen 21 und 27 Grad mehrheitlich sommerlich. Jedoch setzten mit abschwächendem Hochdruck zum Teil heftige Gewittertätigkeit ein. Bis am 22. Juni blieb es aber in vielen Gebieten der Nordschweiz ausgesprochen trocken. Das erste Halbjahr wies ein deutliches Niederschlagsdefizit auf. Zum Fussball-WM-Auftakt fielen am 12. Juni innerhalb einer Stunde 37 mm Regen in Zürich. Dies entspricht einem Ereignis, welches nur alle 10 Jahre zu erwarten ist. Der regenreichste Tag des Jahres war mit knapp 45 mm der 29. Juni. Der Juni war insgesamt deutlich zu warm und mit gemittelt 18 Grad der wärmste Monat des Jahres und brachte auch überdurchschnittlich viel Sonnenschein. Jedoch war er auch etwas zu nass.

Alle Monate im 2014 ausser die Hochsommermonate Juli und August brachten genügend oder überdurchschnittlich viel Sonnenschein. 2014 war insgesamt sonnenreicher als normal.
Alle Monate im 2014 ausser die Hochsommermonate Juli und August brachten genügend oder überdurchschnittlich viel Sonnenschein. 2014 war insgesamt sonnenreicher als normal.

Trüb-nasser, kühler Sommer

Statt mit heissem Badewetter startete der Juli im Mittelland mit Nebelfeldern und sehr frischen Morgentemperaturen. Insgesamt blieb der Juli über weite Strecken nass und kalt. Häufige und kräftige Regenfälle liessen die anhaltende Trockenheit in den ersten Monaten des Jahres rasch vergessen. Mit mehr als 190 mm und mehr als 150 Prozent der Norm war der Juli in Zürich der nässeste Monat des Jahres. Westlich der Reuss wurden an zahlreichen Messstandorten neue Rekordregensummen für den Monat Juli gemessen, wie MeteoSchweiz mitteilte. Gleichzeitig führte das häufige Regenwetter dazu, dass in der Region Genfersee, im Wallis, im Berner Oberland und auf der Alpensüdseite sowie im Oberengadin der Juli 2014 der sonnenärmste seit Messbeginn war. Auch im August konnte sich kein Sommerwetter durchsetzen. Es war der zweit- bis viertkälteste August der letzten 30 Jahre. Erneut fielen Starkniederschläge und erneut gab es eine grosse Sonnenarmut. Längere Schönwetterperioden blieben komplett aus. Nach der rekordtiefen Sonnenscheindauer im Juli brachte auch der August im Tessin Rekord-Sonnenarmut. In Zürich gab es in beiden Monaten nur 78 Prozent der üblichen Besonnung.

Sommer im Herbst

Der September war wechselhaft, brachte aber auch noch längere Phasen mit spätsommerlicher Witterung und Sonnenschein. Im Mittel war der September zu warm und zu trocken. Nach dem kalten Sommer zeigten sich im September aber bereits früh deutliche Herbstanzeichen in der Vegetation. Der Oktober brachte gebietsweise Rekordtemperaturen. Über die ganze Schweiz gemittelt war es der viertwärmste Oktober seit Messbeginn vor 150 Jahren. Zwischen Föhnströmungen und Hochdruckwetter gab es zudem viele Sonnenstunden. Diese Vorzeichen änderten sich auch im November nicht. So bewegten sich die Temperaturen im Rekordbereich und mit wiederholten Föhnströmungen gab es im Tessin Jahrhundertniederschläge verbunden mit Hochwasser am Lago Maggiore und am Lago di Lugano. Die vielfach sonnigen Wochenenden und anhaltende Wärme kompensierten den verregneten Sommer und liessen Frühlingsblumen nochmals aufblühen und Walderdbeeren reifen. Auch der Dezember blieb bis Weihnachten extrem mild jedoch aber auch sonnenarm. Ein kräftiger Wintereinbruch am Stephanstag, verbunden mit Rekordschnee und eisiger Kälte beendete auf unkonventionelle Art und Weise das wärmste Jahr in der Messgeschichte. Am Morgen des 29. Dezember sank die Minimum-temperatur im Mittelland in der kalten Luft und mit aufklarendem Himmel bei windstillen Verhältnissen rund zwei Meter über dem frischen Schnee extrem tief ab. In Hallau im Kanton Schaffhausen fiel sie auf minus 21,1 Grad, wie MeteoSchweiz berichtete. Das ist an diesem Messstandort der weitaus tiefste Dezemberwert in der über 50-jährigen Messreihe. Auch auf dem Zürichberg wurde es mit minus 13,8 Grad sehr kalt. Dies war die tiefste Dezembertemperatur seit 2009. Am Morgen des 31. Dezembers wurde in Zürich mit einer Gesamtschneehöhe von 38 cm der höchste Dezemberwert seit mindestens 1949 registriert. Zudem lag mehr Schnee in Zürich als in Arosa.

Im Klimadiagramm 2014 von Zürich ist der trockene Jahresbeginn verbunden mit einem steilen Temperaturanstieg und einem anschliessend kühl-nassen Sommer gut ersichtlich.
Im Klimadiagramm 2014 von Zürich ist der trockene Jahresbeginn verbunden mit einem steilen Temperaturanstieg und einem anschliessend kühl-nassen Sommer gut ersichtlich.

Jahresbilanz

Mit einem Wärmeüberschuss von 1,3 Grad und einer gemittelten Temperatur von 10,6 Grad war das Jahr 2014 in Zürich das wärmste seit Messbeginn 1864. Es distanzierte die bisherigen Rekordhalter 1994 und 2011 um rund 0,15 Grad. Nach dem kalten Sommer hätten wohl nicht viele auf ein neues Rekordjahr gewettet. Tatsächlich war ein fulminanter Schlussspurt mit Rekordtemperaturen von Oktober bis Weihnachten nötig für dieses Resultat. Auch über die ganze Schweiz gemittelt war 2014 etwas wärmer als 2011 und somit das wärmste in der Messreihe. In der Südschweiz hingegen waren die Jahre 2011 und 2007 noch ein Stück wärmer als 2014. Mit etwas mehr als 1000 mm Niederschlag blieb das Jahr in Zürich leicht trockener als in der Referenzperiode 1981-2010. Mit 126 Regentagen gab es acht Tage weniger Niederschlag als in einem durchschnittlichen Jahr. Gleichzeitig war 2014 mit mehr als 1700 Sonnenstunden rund 10 Prozent sonniger als normal und dies trotz des sehr sonnenarmen Sommers. Im Jahr 2014 wurden in Zürich lediglich 44 Frosttage mit Tiefstwerten unter null Grad registriert. Das sind so wenige wie selten. Nur die Jahre 1994, 2000 und 2002 brachten in Zürich noch etwas weniger Frosttage. Mit 2 bis 3 Eistagen, an denen Dauerfrost herrschte, gab es rekordverdächtig wenige in Zürich. Ähnliches war bisher nur aus dem Jahr 1974 bekannt. Diese Werte unterstreichen die Rekordwärme dieses Jahres. Untypisch für ein Warmjahr aber erklärbar mit dem kalten Sommer, gab es in Zürich im 2014 lediglich 27 Sommertage mit mehr als 25 Grad und nur sechs Hitzetage mit mehr als 30 Grad. Letztmals weniger Sommertage gab es 1996. Die sechs Hitzetage liegen zwar im langjährigen Mittel, jedoch gab es alleine im letzten Jahr doppelt so viele. Rekordwärme und Sommerhitze fallen eben nicht immer zusammen.

Wärmstes Jahr: ohne Sommer und mit eisigem Ende

Sommer im Herbst

Nach dem drittwärmsten Winter und dem achtwärmsten Frühling erlebte die Schweiz nun auch den zweitwärmsten Herbst seit Messbeginn vor 151 Jahren.

„Erdbeeren im Winter – Ein Klimamärchen“, dies ist der Name einer Wanderausstellung, welche Anfang des Jahres in St. Gallen gezeigt wurde und noch bis 2015 in verschiedenen Naturmuseen zu sehen ist. Die Ausstellung will die Bevölkerung auf die Klima- und Umweltthematik sensibilisieren. Dabei geht es, wie der Titel zweideutig vermuten lässt, auch um jedermanns Konsumverhalten und die damit verbundenen Umweltauswirkungen. Wer beispielsweise im Winter Erdbeeren im Supermarkt kauft, muss wissen, dass diese mit dem Flugzeug aus wärmeren Gegenden eingeflogen wurden und deshalb sehr viel graue Energie verbrauchen. Erdbeeren im Winter sind ökologisch also kaum vertretbar. Die ausserordentlich warme Witterung im Jahr 2014 hat den Ausstellern aber beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht, respektive dem Titel „Erdbeeren im Winter – ein Klimamärchen.“ eine zweite Bedeutung verliehen. Die anhaltend milden Herbsttemperaturen führten nämlich dazu, dass einige Wiesen- und Gartenpflanzen auch im November weiter blühten oder nochmals aufblühen konnten, z.B. Löwenzahn oder Gartenrosen. Zudem blühten vereinzelt Frühlingsblumen, wie MeteoSchweiz mitteilte. Weiter lagen Ende November Beobachtungen vor von blühenden Veilchen, Buschwindröschen, Frühlingsenzian, Schlüsselblumen und Walderdbeeren, die sogar noch reife Früchte trugen. In einem wärmeren Klima sind also Erdbeeren im Frühwinter vielleicht schon bald kein Märchen mehr.

Der Herbst 2014 war in Zürich 2 Grad wärmer als der Durchschnitt 1981-2010 und somit der zweitwärmste seit Messbeginn 1864. Noch wärmer war der Herbst nur im Jahr 2006.
Der Herbst 2014 war in Zürich 2 Grad wärmer als der Durchschnitt 1981-2010 und somit der zweitwärmste seit Messbeginn 1864. Noch wärmer war der Herbst nur im Jahr 2006.

2.-wärmster Herbst

Ähnliche phänologische Beobachtungen wurden auch im Rekordherbst 2006 gemacht. Dieser war über die ganze Schweiz gemittelt 2,6 Grad wärmer als der Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Der diesjährige Herbst (in der Meteorologie von September bis November) muss sich aber keineswegs verstecken. Mit einer positiven Abweichung von 2,2 Grad war er schweizweit der 2.-wärmste Herbst seit Messbeginn vor 151 Jahren. Auch auf dem Zürichberg landete der diesjährige Herbst auf dem zweitwärmsten Platz. Die positive Abweichung lag mit 2 Grad aber etwas unter dem Schweizer Durchschnittswert. Dies lag vor allem an den langanhaltenden Hochdrucklagen im November, welche immer wieder Inversionslagen mit Nebel im Flachland auslösten. Von den drei Herbstmonaten brachte der Oktober in Zürich mit einer Abweichung von mehr als zweieinhalb Grad zum langjährigen Durchschnitt den grössten Wärmeüberschuss. Gleichzeitig war es in Zürich der 4.-wärmste Oktober seit Messbeginn 1864. Auch der November war mit einem Wärmeplus von 2,2 Grad sehr mild. In der 151-jährigen Messreihe war es gar der 5.-wärmste November. Geradezu unspektakulär, aber mit einer durchschnittlichen Temperatur auf dem Zürichberg von 15,2 Grad und somit durchaus spätsommerlich warm, ging der September über die Bühne. Aber auch er gehörte zu den wärmsten 20 Prozent aller Septembermonate seit 1864.

Kontinuierlich frostfrei

Bei dieser anhaltenden Wärme ist es kein Wunder, dass über den gesamten Herbst hinweg kein einziger Frost in Zürich registriert wurde. In einem durchschnittlichen Jahr wird der erste Frost um den 13. Oktober beobachtet, also mitten im meteorologischen Herbst. Frostfreie Herbste gab es zuvor seit Anfang des letzten Jahrhunderts erst zwei Mal und nur in den letzten 20 Jahren: nämlich 1994 und 2002. Im langjährigen Durchschnitt sind im meteorologischen Herbst rund 11 Frosttage zu erwarten. Diese Anzahl hat sich in den letzten Jahren auf weniger als 9 Tage reduziert. Auch bis zum Nikolaustag blieb Väterchen Frost Zürich fern. So wird dieses Jahr auch die kontinuierlich frostfreie Periode seit dem letzten Frost im vergangenen Winter immer länger. Der letzte Frost wurde in Zürich am 24. Februar gemessen. Die kontinuierlich frostfreie Periode 2014 dauert also schon 255 Tage (bis zum 6. Dezember). Bereits jetzt steht fest, dass dies die längste frostfreie Zeit seit Anfang des letzten Jahrhunderts ist. Die Länge der frostfreien Periode überbietet den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2002 und 1990 mit je 245 Tagen gleich um 10 Tage! Lange frostfreie Perioden sind vor allem für den Weinbau sehr vorteilhaft. Das andere Extrem wurde im Jahr 1928 beobachtet, als die frostfreie Zeit nur gerade 144 Tage dauerte, vom 12. April bis zum 2. September. Nicht nur die Flora setzt in der langen, frostfreien und milden Zeit zu Höhenflügen an, auch die Fauna spürt bereits einen zweiten Frühling. So wurden in Zürich Mitte November Stockenten mit frisch geschlüpften Jungen beobachtet. Ob diese den anstehenden Winter überleben, ist jedoch mehr als fraglich. Die einzige Hoffnung bestünde darin, dass nach dem Herbst im Sommer und dem Sommer im Herbst nun ein Frühling im Winter folgen würde.

Sommer im Herbst

Der Besuch des ältesten Urners

Im  Tessin,  im  Wallis  und  in  Genf  brachte  der  Oktober  Rekordtemperaturen, wie MeteoSchweiz berichtete. Im Tessin stieg die Oktobertemperatur 2.5 Grad, in Sion und Genf 3 Grad über die Norm 1981–2010. Auf der Alpennordseite, wie auch auf dem Zürichberg, erreichte die Oktobertemperatur verbreitet Rang zwei bis vier, wobei hier die Temperaturüberschüsse ebenfalls meist im Bereich von 2.5 bis 3.0 Grad lagen. Auch in Berglagen zeigte sich der Oktober sehr mild, die Temperaturen bewegten sich aber nicht in Rekordnähe. Über  die  ganze  Schweiz gemittelt  war  es  der  viertwärmste  Oktober  seit  Messbeginn  vor  150  Jahren.

Martini-Sommer

Im gleichen Stil ging es dann auch anfangs November weiter. Die Temperaturen lagen weiterhin weit über den für die Saison zu erwartenden Werten. Kurze Kaltluftvorstösse wurden rasch wieder durch neue Föhnströmungen abgelöst. Warme und freundliche Witterungsphasen im ersten Novemberdrittel sind in der Klimatologie als Martini-Sommer bekannt. Der Martinstag am 11. November (in Altbayern, Österreich und der Schweiz auch Martini) ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Das Datum ist von Martins Grablegung am 11. November 397 abgeleitet. Der Martinstag ist in Mitteleuropa von zahlreichen Bräuchen geprägt, darunter das Martinsgansessen, der Martinszug und das Martinssingen. In Zürich wird das Martinigansessen von zahlreichen Zünften zelebriert.

Milde Martini-Sommer sind keine Seltenheit, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Vor allem in den letzten Jahren gab es eine Häufung sehr milder Martini-Sommer. Erst vor Jahresfrist wurde mit 9,3 Grad das 3.-mildeste erste Novemberdrittel registriert und auch 2010 war der Martini-Sommer in Zürich mit 9,8 Grad einer der wärmsten. Der bisher wärmste Martini-Sommer stammt in Zürich aus dem Jahr 1977, als das erste Novemberdrittel 10,6 Grad warm war. Dass, zu dieser Jahreszeit auch schon ein ganz anderer Wind wehen kann, zeigte beispielsweise das Jahr 1977, als die ersten elf Novembertage im Mittel nur gerade winterliche 0,2 Grad kalt waren.

Föhn bis nach Zürich

Die diesjährige Wärme zum Martinstag wurde durch wiederholte Föhn-Wetterlagen hervorgerufen. Der Föhn, der in den Täler der Innerschweiz liebevoll “ältester Urner“ genannt wird, tritt nicht in jeder Jahreszeit gleich häufig in Erscheinung. Die klassische alpenquerende Föhnströmung aus Süden, welche in den Föhntälern auf der Alpennordseite typischerweise milde Temperaturen und Schönwetter bringt, ist am häufigsten im Frühling zu beobachten, wie MeteoSchweiz weiss. Deutlich weniger häufig fegt der Föhn im Herbst und im Winter über die Alpen und eine eigentliche Föhn-Flaute ist im Sommer zu beobachten.

Die klassische Föhnsituation ist mit einer starken Staubewölkung am Alpensüdhang verbunden. In Verbindung mit der Hebung der Luftmassen können dabei beachtliche Niederschlagsmengen auftreten. Mit dem Absinken der Luftmassen nördlich des Alpenkamms erwärmt sich die Luft deutlich und die Wolken lösen sich auf. Dieser Bereich mit sehr klarer Luft und blauem Himmel wird als Föhnfenster bezeichnet. Nur selten, bei besonders starken Druckgradienten, vermag der Föhn durch die eigentlichen Föhntäler hinaus bis ins Mittelland vorzustossen. Mit einer Druckdifferenz von 12 Hektopascal zwischen der Alpensüd- und der Alpennordseite war dieser Fall am 4. November gegeben und der älteste Urner besuchte die Region Zürichsee und war selbst auf dem Zürichberg zu spüren.

witikon

erlenbach
Wetterverlauf in Erlenbach und Witikon. Die schwarze Linie zeigt die Windgeschwindigkeit (in km/h), die rote Linie zeigt den Temperaturverlauf und die grünen Säulen zeigen den Verlauf der Feuchtigkeit (rechte Skala). Die Föhnperiode ist deutlich erkennbar.

Sommerliche Nacht

Ein umfangreiches Tief lag anfangs November über Westeuropa, ein kräftiges Hoch über Osteuropa. Dazwischen befand sich Mitteleuropa im Bereich einer starken Südströmung. In der Nacht auf den 4. November verstärkte sich der Föhn und stiess bis weit ins Voralpenland vor. MeteoSchweiz berichtete, dass der Urner Föhn sogar den Greifensee mit Böen von 70 km/h erreichte. Noch stärker war er in Wädenswil am Zürichsee mit 107 km/h, was für die Messstation Föhnrekord bedeutete (Messbeginn 1981). In Wädenswil setzte der Föhn um 22 Uhr ein. Der älteste Urner arbeitete sich dann langsam entlang des Zürichsees vor. Der Wetterverlauf der Station Erlenbach (siehe Grafik) zeigt, dass hier der Föhn erst kurz vor Mitternacht registriert wurde. Nochmals rund eine Stunde später, erst nach Mitternacht, war der Föhn dann auch an der Wetterstation Witikon auf dem Zürichberg messbar. In Erlenbach stieg die Temperatur von rund 10 Grad bis auf sommerliche 20 Grad sprungartig an. Gleichzeitig erreichte der Südwind Spitzenwerte von rund 30 km/h und die Luft trocknete sich deutlich ab (30% Luftfeuchtigkeit). In Witikon stiegen die Temperaturen mit zügigem Südwind auf über 15 Grad. Die Föhnperiode war in Zürich bereits deutlich abgeschwächt und dauerte auch nur rund anderthalb Stunden, bevor die Südwinde um 2 Uhr morgens nachliessen. Nach 3 Uhr morgens war der Föhn dann auch in Erlenbach nicht mehr spürbar und um 7 Uhr liess er auch in Wädenswil wieder nach. Wie schnell sommerliche Temperaturen während einer Föhnperiode nach Föhnende absacken können, zeigte sich nur einen Tag später. Der Dauerregen verursachte eine sogenannte Niederschlagsabkühlung und liess die Schneefallgrenze immer weiter absinken. Innerhalb von nur 24 Stunden sank die Temperatur um fast 20 Grad ab und in Witikon, oberhalb von 600 Meter, konnte am Morgen des 6. November der erste Schnee der Saison gemessen werden.

Der Besuch des ältesten Urners

Warmer Herbst verlängert die Vegetationsperiode

Spätsommer anstatt Herbst. Der lange Zeit milde Herbst reiht sich perfekt in das bisher viel zu warme Jahr 2014 ein. Dass genau der Sommer zu kühl war, ist typisch für ein warm-gemässigtes Wetterjahr mit langer Vegetationsperiode.

Erst mit dem Vorstoss arktischer Kaltluft in der Nacht auf den 22. Oktober und dem ersten Schnee in den Bergen ist der Herbst in der Schweiz doch noch angekommen. Vorher dominierte spätsommerlich warme und häufig auch freundliche Witterung den meteorologischen Herbst, welcher bereits am 1. September begann. Die Blattverfärbung war allgemein verspätet. Nur in den Bergen sorgten die kalten Nächte für traumhafte Herbstfarben in der Flora. Im Flachland waren die Nächte so mild, dass sich die Blätter bis spät in den Oktober kaum verfärbten. Die schönsten Blattfarben in gelb und rot entstehen nämlich nur in sehr kalten Herbstnächten.

Bis am 21. Tag war der Oktober mit einer durchschnittlichen Temperatur von 14,2 Grad auf dem Zürichberg so warm wie kein anderer in der langen Messreihe seit 1864, wie aus Daten von MeteoSchweiz hervorgeht. Die deutlich kühleren Tage im letzten Monatsdrittel werden diesen Wert jedoch noch nach unten drücken. Nichtsdestotrotz dürfte dieser Oktober als einer der wärmsten in die Geschichte eingehen. Die bisher wärmsten Oktober in Zürich liegen allesamt noch nicht allzu weit zurück: In Zürich war der Oktober im Jahr 2001 13,1 Grad warm. Knapp dahinter liegen die Oktober der Jahre 2006 und 1995 mit je 12,7 Grad. Wo sich der diesjährige Oktober auf dem Podest (oder knapp dahinter) einreiht, ist erst am Monatsende genau bekannt.

Temperaturdifferenz zwischen Sommer und vorangegangenem Winter in Zürich. Je kleiner die Differenz desto zonaler die Strömung über das ganze Jahr betrachtet. Eine grosse Differenz deuteten auf kontinentale Verhältnisse.
Temperaturdifferenz zwischen Sommer und vorangegangenem Winter in Zürich. Je kleiner die Differenz desto zonaler die Strömung über das ganze Jahr betrachtet. Eine grosse Differenz deuteten auf kontinentale Verhältnisse.

Geringer Jahresgang

Der diesjährige Altweibersommer und der goldene Oktober entschädigen zumindest teilweise für den trüben und kühlen Hochsommer. Der eher kühle Sommer passt denn eigentlich auch kaum in das Witterungsjahr 2014, welches ausser im Juli und August bisher mit einer rekordverdächtigen Wärme und viel Sonnenschein auftrumpft. Angeheizt durch den warmen Winter und Frühling war das erste Halbjahr 2014 das 2.-wärmste in der Messreihe. Nach der „Wärmeauszeit“ im Hochsommer geht es jetzt im Herbst in ähnlichem Stil weiter. Das vorherrschende Muster „milder Winter, kühler Sommer“ deutet auf eine vorwiegend zonale Strömung, welche feucht-milde Atlantikluft in den Alpenraum transportiert und so den Jahresgang der Temperatur in der Schweiz dämpft. Die Witterung ist somit über das Jahr gesehen gemässigt und zeigt keine extremen Gegensätze. Anders sieht es in Jahren mit kontinentalem Einfluss aus, welche durch das Muster „kalter Winter, heisser Sommer“ geprägt sind. Der Jahresgang der Temperatur zeigt grosse Gegensätze, da der ausgleichende Einfluss des Atlantiks unterbunden bleibt. Die Witterung wird in solchen Jahren durch eine meridionale Strömung charakterisiert. Eine einfache Kenngrösse für die erwähnten Muster ist die Differenz der Sommer- und Wintertemperatur. Wenn bspw. in Zürich wie in diesem Jahr der Winter mild und der Sommer kühl war, ist diese Differenz klein. Entsprechend wird die Differenz bei einem kalten Winter und einem darauffolgend heissen Sommer gross. Dieses Jahr war der Sommer 14,3 Grad wärmer als der Winter. Zum Vergleich: im Durchschnitt seit 1864 waren die Sommer rund 17 Grad wärmer als die Winter. Letztmals geringer war die Sommer-Winter-Differenz im Jahr 2007 mit nur 13,3 Grad. Der Winter war damals noch milder und der Sommer noch etwas kühler. Die kleinste Differenz seit 1864 kommt allerdings aus dem Jahr 1916, als der Sommer mit durchschnittlich 15,1 Grad nur 12 Grad wärmer war als der vorangegangene Winter. Die grösste Sommer-Winter-Differenz wurde in Zürich übrigens im Jahr 1947 beobachtet. Das Jahr war dementsprechend kontinental mit grossen Temperaturgegensätzen. Der Sommer war damals mit 19,1 Grad sehr warm und knapp 22 Grad wärmer als der vorangegangene Winter, welcher mit -2,6 Grad sehr kalt ausfiel. Letztmals kontinental war ein Wetterjahr in Zürich im Jahr 2003, als auf einen kalten Winter (0,6 Grad) der Hitzesommer (21,6 Grad) folgte und die Sommer-Winter-Differenz 21 Grad betrug. Die langjährige Entwicklung zeigt, dass sich die Sommer-Winter-Temperaturdifferenz in Zürich seit 1864 signifikant verringert hat. Der Jahresgang der Temperatur wurde also kleiner, die Jahreswitterung ausgeglichener. Der Grund dafür könnte in der Häufung zonaler Wetterlagen (Westwind) liegen.

In den letzten rund 100 Jahren hat sich die Vegetationsperiode in Zürich rund 30 Tage verlängert. Auch 2014 kann mit einer langen Vegetationsperiode auftrumpfen.
In den letzten rund 100 Jahren hat sich die Vegetationsperiode in Zürich um gut 30 Tage verlängert. Auch 2014 kann mit einer langen Vegetationsperiode auftrumpfen.

Lange Vegetationsperiode

Gemässigte Jahre mit einer geringeren Sommer-Winter-Temperaturdifferenz bringen häufig lange Vegetationsperioden. Die Vegetationsperiode eines Jahres startet, sobald die Tagesmitteltemperatur an fünf Tagen hintereinander mehr als 5 Grad erreicht und endet, sobald zum ersten Mal (nach dem 1. Juli) die Tagesmitteltemperatur an fünf Tagen hintereinander unter 5 Grad liegt. Im langjährigen Mittel seit 1864 dauert die Vegetationsperiode in Zürich 230 Tage, wobei in den letzten Jahren eine deutliche Verlängerung beobachtet werden konnte. So ist heutzutage eine Vegetationsperiode von mehr als 250 Tagen keine Seltenheit. Am längsten dauerte die Vegetationsperiode mit 304 Tagen bisher im Jahr 1988. Auch im Jahr 2004 und 2007 war die Vegetationsperiode mit 280 und 289 Tagen sehr lange. 2014 liegt sie zurzeit bei 237 Tagen. Je nachdem wie sich November und Dezember gestalten, verlängert sie sich noch auf 260 bis 270 Tage, so dass auch dieses Jahr wohl eine sehr lange Vegetationsperiode zu beobachten sein wird. Gemäss CH2014-Impacts-Initiative dürfte sich die Vegetationsperiode in Zürich im Zuge der globalen Erwärmung bis Ende Jahrhundert auf 300 Tage (Mitte Februar-Mitte Dezember) verlängern.

Warmer Herbst verlängert die Vegetationsperiode