Ein El Niño (noch) ohne Auswirkungen

Es ist wohl das berühmteste und bedeutsamste natürliche Klimaphänomen der Welt. Riesige Gebiete der Erde spüren seine gewaltigen Auswirkungen auf Natur und Mensch. Die Rede ist vom El Nino im tropischen Pazifik.

Ein El Niño lässt die klimatischen Bedingungen in einer Region innert weniger Monate vom Normalzustand ins extreme Gegenteil kippen: Über den  Trockengebieten der südamerikanischen Pazifikküste gehen sintflutartige Regenfälle nieder. In den Feuchtgebieten von Südostasien und Australien herrscht plötzlich staubige Dürre. Das Klimaphänomen hat lokal einen solch erheblichen Einfluss, dass es sogar auf globaler Skala messbar ist. So steigt die durchschnittliche Lufttemperatur der Erde während einem El Niño um einige Zehntelgrad an.

ENSO ist das, was man spürt

Bereits Ende letzten Jahres verdichteten sich die Hinweise auf einen bevorstehendes El Niño in 2014. Das anstehende El Niño Ereignis zeigt aber, wie komplex die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre sein können. Denn El Niño bezeichnet eigentlich nur die positive Abweichung des oberflächigen Meerwassers vor der südamerikanischen Küste im tropischen Pazifik. Die spürbaren Auswirkungen bringen aber eine Kopplung dieser Anomalie mit der atmosphärischen Zirkulation. Ein El Niño wie er im Lehrbuch steht ist eigentlich ein positiver ENSO (El Niño Southern Oscillation). Während El Niño für die Abweichung in der Meeresoberflächentemperatur steht, erklärt die Southern Oscillation die Veränderung in der atmosphärischen Zirkulation, also die spürbare Änderung der Witterung. Interessanterweise beeinflussen sich die beiden Protagonisten gegenseitig in unterschiedlicher Weise und können sich mit Rückkoppelungseffekten verstärken oder abschwächen.

Gehemmter El Niño

Sobald die Meeresoberflächentemperatur im östlichen tropischen Pazifik mehr als 0,5 Grad übertemperiert ist, spricht man von einem El Niño. Dieser Schwellwert wurde im jüngsten Ereignis erstmals im April 2014 überschritten. Da sich die Anomalie im Juni und Juli aber wieder etwas abschwächte, wird der Schwellwert zurzeit wieder leicht unterschritten. Die Etablierung eines starken El Niño-Ereignisses wird heuer also von einem Faktor erschwert oder sogar unterbunden. Doch durch welchen?

Positive Rückkoppelung

Normalerweise sorgt im zentralen und östlichen Südpazifik ein ausgeprägtes Hochdruckgebiet für starke Ostwinde über dem tropischen Pazifik. Während es an der Pazifikküste Südamerikas meist trocken ist, nehmen die über das Meer streichenden Passatwinde grosse Mengen an Wasserdampf auf und transportieren sie bis nach Neuguinea und Indonesien. Über dem warmen tropischen Westpazifik rund um Indonesien steigen die feuchten Luftmassen unter Bildung eines Tiefdruckgebietes auf und lösen in dieser Region heftige Regenfälle aus.

Ist jedoch der tropische Ostpazifik während einem El Niño besonders warm, schwächt sich das sonst so mächtige südpazifische Hochdruckgebiet deutlich ab. Als Folge davon dreht sich das Zirkulationsmuster um und führt zusätzliches Warmwasser in Richtung südamerikanischer Küste, so dass sich der El Niño verstärkt. An der südamerikanischen Küste wird das kalte antarktische Auftriebswasser grossflächig durch dieses Warmwasser überdeckt. Die Ausbreitung von Warmwasser im Südostpazifik schwächt das südpazifische Hochdruckgebiet zusätzlich, was ein noch stärkerer Abbau des südpazifischen Hochdruckgebiets nach sich zieht. Das gesamte Phänomen dieser Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre und die Zirkulationsumstellung stellt die El Niño Southern Oscillation (ENSO) dar.

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Ein El Niño zeichnet sich durch eine Warmwasser-Anomalie im tropischen Pazifik vor der Küste Südamerikas ab. Eine Kopplung mit der Atmosphäre kehrt die typische Zirkulation um: Über dem zentralen und östlichen Pazifik steigt dann warm-feuchte Luft auf, während über Indonesien trockenes Hochdruckwetter herrscht.

So warm wie nie

Im aktuellen El Niño-Ereignis funktioniert jedoch diese Kopplung nicht erwartungsgemäss und geht nur schleppend voran. In wöchentlichen ENSO-Blog der NOAA wird die Situation genauestens untersucht und dokumentiert. So zeigt sich, dass der Pazifik zurzeit nicht nur im tropischen Ostpazifik äusserst warm ist, sondern starke positive Anomalien praktisch den gesamten Pazifik bedecken. Und genau dies könnte der Grund sein für die gebremste El Niño-Entwicklung in diesem Jahr. Denn normalerweise wird das zu warme Wasser im tropischen Pazifik vor der südamerikanischen Küste durch eine negative Abweichung im westlichen Pazifik teilweise kompensiert. Dieses Anordnungsmuster ermöglicht die atmosphärische Kopplung mit der Southern Oscillation. Dadurch, dass der Pazifik in diesem Jahr aber überall viel zu warm ist, schwächt sich das südpazifische Hochdruckgebiet bisher noch nicht richtig ab und über dem tropischen Westpazifik bilden sich, wie in einem normalen Zustand, weiter kräftige Tiefdruckgebiete. Die atmosphärische Antwort auf den aktuellen El Niño fehlt (noch), so dass noch nicht von einem positiven ENSO die Rede sein kann.

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Im aktuellen El Niño-Ereignis ist jedoch auch der Westpazifik rund um Indonesien und Australien deutlich zu warm, so dass bisher keine atmosphärische Kopplung stattgefunden hat.

Trotzdem rechnen die kurzfristigen Klimamodelle mit einem mässigen ENSO-Ereignis im kommenden Herbst und Winter 2014/15. Durch den allgemein schon seit Monaten sehr warmen Pazifik, welcher mit seiner ungeheuren Grösse rund ein Drittel der gesamten Erdoberfläche ausmacht, erreichte die globale Durchschnittstemperatur zwischen Mai und Juli neue Höchstwerte. Seit Messbeginn Mitte des 19. Jahrhunderts war es global noch nie so warm. Auf das Schweizer Klima scheint El Niño keinen direkten Einfluss zu nehmen. Dennoch ist es denkbar, dass sich El Niño-Signale bis nach Europa ausbreiten können.

Ein El Niño (noch) ohne Auswirkungen