Haben wir den Frühling verdient?

Als am 22. Februar die Quecksilbersäule zum ersten Mal seit 85 Tagen wieder in den positiven, zweistelligen Bereich kletterte, war die Erleichterung förmlich spürbar. Die ersten, lauen Frühlingsanzeichen gaben Herr und Frau Zürcher das Gefühl, einen langen, strengen Winter hinter sich zu haben und den Frühling nun richtig zu verdienen. Doch ein Blick in die Winter-Statistik von Zürich verrät rasch: Der Winter 2009/10 war weder streng noch lang. 

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Der Winter war weder streng noch lang
Der meteorologische Winter 2009/10 dauerte vom 1. Dezember bis zum 28. Februar. Auf dem Zürichberg resultierte eine durchschnittliche Temperatur von knapp 0 Grad. Nachdem der Dezember noch um gut ein halbes Grad übertemperiert war, folgten ein kalter Januar mit einem Temperaturdefizit von gut anderthalb Grad sowie ein mässig kalter Februar, der um rund ein halbes Grad unterkühlt blieb. Verglichen mit der langjährigen Klimanorm der Jahre 1961 bis 1990 war der Winter 09/10 um weniger als ein halbes Grad zu kalt – nicht gerade das, was wir von einem strengen Winter erwarten. In höheren Lagen, wie auch in den Bergen, war der vergangene Winter jedoch stärker unterkühlt, als im Flachland. Auf dem Säntis beispielsweise betrug das Wärmedefizit 2 Grad. Hingegen konnten in einigen Alpentälern, wo ab und zu der Föhn mit von der Partie war, übliche Wintertemperaturen beobachtet werden. Obwohl der Winter in Zürich nur geringfügig zu kalt war, prägt uns das Gefühl eines kalten Winters. Der Grund dafür liegt im starken Anstieg der Wintertemperaturen seit 1988. Seither sind die Winter in Zürich im Mittel um 1,2 Grad wärmer geworden. Verglichen mit den Wintern der letzten 22 Jahre war der heurige Winter also tatsächlich spürbar kälter. Doch woher kommt der Glaube an einen langen Winter? Nach einem sehr milden November und einem herbstlichen Dezemberstart setzte sich die Kälte erst nach Dezembermitte durch. Das Jahresende und der Neujahrstag waren dann sogar wieder deutlich übertemperiert. Die Kälte folgte erst wieder in der ersten Januarwoche, das schneereiche Winterwetter erst im Februar. Mit den ersten Frühlingsbotschaften am 22. Februar war der Hochwinter auch bereits wieder vorbei. Zwischen Mitte Dezember und der vierten Februarwoche liegen aber nur 9 Wochen – ist das ein langer Winter? Der Winter 2005/06 dauerte von Mitte November bis Mitte März, also 16 Wochen, und dies pausenlos.

Zweiter „Kaltwinter“ in Folge
Bereits vor einem Jahr vermochte der Winter 2008/09 den vorgängigen Warmwintern nicht zu folgen. Damals war es in Zürich noch wenige Zehntelgrade kühler. Werden kältere Winter nun wieder zur Normalität und was ist mit der globalen Erwärmung? Das Winterwetter in der Schweiz wird massgeblich von der Nordatlantischen Oszillation (NAO) bestimmt. Die NAO ist eine riesige Klimaschaukel im nordatlantischen Raum und beschreibt die Luftdruckverhältnisse über dem Atlantik. Die Schweiz liegt am Südrand der globalen Westwindzirkulation, welche durch die Luftdruckverteilung über dem Atlantik bestimmt wird. Die NAO ist deshalb die winterliche Klimaküche des Alpenraums. In Perioden von Jahrzehnten schwankt die NAO zwischen zwei grundlegend verschiedenen Phasen. Ist die NAO positiv, sind die Hochdruckgebiete über den Azoren und die Tiefs über Island stark ausgeprägt, folglich wehen stärkere Westwinde übers warme Meerwasser und führen die milde Luft nach Mittel- und Nordeuropa und somit in die Schweiz. Die Winter sind dann warm und häufig auch niederschlagsreich. Beim gegensätzlichen Muster, bei negativer NAO, sind die genannten Druckgebilde nur schwach ausgeprägt, die Westwinde flauen ab und die wärmende Meeresluft bleibt fern. Stattdessen können aus Nordwesten oder Nordosten kalte Luftmassen in die Schweiz ziehen. Die Winter sind dementsprechend kalt und je nach Herkunft der Luftmassen trocken oder schneereich. Es scheint nun, dass die Nordatlantische Oszillation in den letzten Jahren wieder in eine negative Phase gerutscht ist. Verhält sich die NAO wie in der Vergangenheit, könnten die Winter in diesem und teils auch im nächsten Jahrzehnt wieder kälter ausfallen. Das ist aber kein Widerspruch zur globalen Erwärmung. Lagen in vergangenen Wintern mit ähnlich schwacher Nordatlantische Oszillation die Mitteltemperaturen noch unter -1 Grad, so sind sie heutzutage bereits um ein Grad höher, wie der diesjährige Winter beweist. Auch die Eiswinter 1962/63 und 1928/29, mit durchschnittlich -4,7 respektive -4,1 Grad, waren von einem NAO-Muster geprägt, welches sehr ähnlich war wie jenes aus dem diesjährigen Winter. Mit der globalen Erwärmung sind solch eisige Wintertemperaturen aber kaum noch möglich.

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