Die erste Liebe und der Mai …

Der Kälterückfall Anfang Mai unterbricht das bis heute zweitwärmste Jahr seit Messbeginn 1864. Welche Rolle spielen dabei die Eisheiligen?

 

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Das Jahr 2014 verlief bisher viel milder als das Vorjahr 2013. Das 5-Tagesmittel der Lufttemperatur lag 2014 fast immer höher (rote Balken) als 2013.

Die schwarze Bise sorgte Anfang Mai, namentlich am dritten Tag des Monats, für einen herbstlichen Eindruck. Zwischen einem sich aufbauenden Hoch über den Britischen Inseln und einem Höhentief über dem Mittelmeer stellte sich in den ersten Maitagen eine Nordostströmung ein, welche feuchte-kalte Luft in den Alpenraum transportierte. Die kompakte, tiefe Bewölkung nördlich der Alpen erinnerte eher an den Herbst als an den Frühling. Eine Bisenlage mit feuchter Luft, die am Alpennordhang zudem noch Niederschlag auslöst, nennt man deswegen auch “Bise noire”. Am 4. Mai liess die kühle Bise dann nach und die Bewölkung löste sich bis am Abend vollständig auf. Dadurch waren die Bedingungen für (Boden-)Frost optimal. So fielen die Temperaturen am frühen Morgen des 5. Mai auf zwei Meter über Gras selbst im Flachland auf 3 bis 0 Grad, im Gürbetal bei Thun und in Mosen im Luzerner Seeland sogar knapp darunter, wie MeteoSchweiz berichtete. „Die erste Liebe und der Mai gehen selten ohne Frost vorbei.“ Diese Bauernregel trifft jedoch nur lokal und eher selten zu. Frost im Mai ist im Schweizer Flachland doch eher die Ausnahme. Seit 1981 gab es in Basel, Luzern und auf dem Zürichberg nie mehr Hüttenfrost (zwei Meter über Gras). Beim Zürcher Flughafen gibt es nur alle zweieinhalb Jahre Frost im Mai. Häufiger kommt es in Muldenlagen wie Tänikon (TG) vor, wo es fast in jedem Mai nochmals Frost gibt.

 

Ungünstiger Bodenfrost

Wenn es klar und windschwach ist, sinkt die Temperatur knapp über Boden noch ein paar Grade (maximal fünf Grad). tiefer als auf zwei Meter über Gras Deshalb wird zusätzlich zur Referenz-Lufttemperatur (zwei Meter über Gras) auch auf 5 cm über Boden die Temperatur gemessen. Sie ist relevant für Bodenfrost. Auf 5 cm über Boden sanken die Temperaturen in der Nacht auf den 5. Mai auf 0 bis -3 Grad. Somit gab es teils mässigen Bodenfrost, welcher für empfindliche Pflanzen (beispielsweise Erdbeeren) zu einem ungünstigen Moment auftrat, wie MeteoSchweiz meldete. Ungewöhnlich ist das nicht. Praktisch jedes Jahr gibt es im Mai mindestens einmal Bodenfrost. Dieser wird häufig mit den Eisheiligen in Verbindung gebracht.

 

Eisheilige?

Gemäss Definition in der Literatur fallen die Eisheiligen in Mitteleuropa auf die Tage vom 11. bis zum 14. Mai. Es sind die Namenstage von Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius. Als Abschluss für diese Kaltphase wird schliesslich die Kalte Sophie vom 15. Mai genannt. Laut Überlieferung soll der Frost nach den Eisheiligen für die Landwirtschaft keine Gefahr mehr darstellen. Nach der gregorianischen Kalenderreform von 1582 würden die Eisheiligen heute in die Periode zwischen 19. und 23. Mai fallen. Eine Auswertung von MeteoSchweiz zeigt aber, dass Bodenfrost weder in den Tagen 11. bis 15. noch in den Tagen 19. bis 23. Mai häufiger auftreten als sonst im Mai. Demzufolge sind die Eisheiligen „Schnee von gestern“.

 

Zweitwärmstes Winterhalbjahr

Der kühle Maistart lässt aber nicht darüber hinwegsehen, dass die Schweiz ihr zweitwärmstes Winterhalbjahr (Oktober-März) seit 1864 und einen viel zu milden April 2014 erlebte. Das Winterhalbjahr Oktober 2013 bis März 2014 war in Zürich mehr als 2 Grad wärmer als im langjährigen Mittel 1961-1990. Nur in der gleichen Periode 2006/07 war es mit einem Temperaturüberschuss von rund 3 Grad noch milder. Auf das viel zu milde Winterhalbjahr folgte auch in Zürich einer der zehnwärmsten Aprilmonate. Der sonst so launische April war in Zürich zweieinhalb Grad wärmer als im langjährigen Mittel.

Mit durchschnittlich 10,9 Grad war der diesjährige April gleich warm wie der letztjährige Mai! Damit wurde das seit Januar bekannte Muster bestätigt: Gegenüber dem Vorjahr hätten die ersten vier Monate des Jahres nicht unterschiedlicher sein können. So war es in Zürich seit Jahresbeginn mit durchschnittlich 6 Grad mehr als 3 Grad wärmer als ein Jahr zuvor. Vergleicht man die Tagesmitteltemperaturen der Jahre 2014 und 2013 in der Periode von Januar bis Anfang Mai, so fällt auf, dass es dieses Jahr in jedem einzelnen Monat über weite Strecken deutlich milder war als 2013. Extrem waren die Unterschiede vor allem im Februar, Mitte März und wieder in der ersten Aprilhälfte. Nur selten war es in diesem Frühjahr geringfügig kühler als vor einem Jahr. So beispielsweise während dem Monatswechsel in den Februar oder auch Mitte April (während dem letztjährigen Sechseläuten) sowie Anfang Mai. Die bisher gemessenen Temperaturen im Jahr 2014 sind die zweithöchsten seit 1864. Die Periode Januar bis April war nur im Jahr 2007 noch milder als in diesem Jahr. Auch der dritte Platz ist mit 2011 in der jüngsten Vergangenheit.

Seit Januar brachte zudem im Grossraum Zürich jeder Monat mehr Sonnenschein als im langjährigen Mittel. Zudem war es deutlich zu trocken. Das Gegenteil war 2013 der Fall. Die Periode Januar bis April war in Zürich die trübste in der Messgschichte.

 

Der diesjährige Mai hat es in der eigenen Hand. Soll es mit der Liebe klappen – muss er sich auf den Wonnekurs der Vormonate besinnen und wieder sonnige Wärme bringen.

Die erste Liebe und der Mai …

Wie steht es eigentlich um die Eisheiligen?

Wie steht es eigentlich um die Eisheiligen? Jedes Jahr wieder ein Thema und in vielen Köpfen verankert. Gemäss Definition in alter Literatur fallen die Eisheiligen mit Namen Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophie auf die Tage vom 11. bis zum 15. Mai. Die Eisheiligen gehören in Mitteleuropa zu den meteorologischen Singularitäten, also zu den Witterungsregelfällen. Das milde Frühlingswetter wird laut Volksmund erst nach der kalten Sophie (15. Mai) stabil und Nachfröste sind dann für die Landwirtschaft kein Thema mehr. Während den Eisheiligen Mitte Mai wird Mitteleuropa aber gemäss Beschreibung der Eisheiligen häufig von einem Kaltluftvorstoss mit letzten Frösten erfasst.

eisheilige

Tägliche Mitteltemperaturen im Mai der letzten 5 Jahre. Der Rückgang am 15. Mai ist deutlich sichtbar.

Eigentlich erst Ende Mai
Da die Überlieferung der gestrengen Frauen und Männer Mamertus bis Sophie wahrscheinlich aus dem Hochmittelalter stammt und somit in die Zeit vor der gregorianischen Kalenderreform im Jahre 1582 fällt, müssten eigentlich auch die Eisheiligen ein neues Datum erhalten und am 19. starten sowie mit dem 23. Mai. enden Diese Verschiebung findet aber in der Literatur keine Bedeutung und wir nie erwähnt.
Wie unberechtigt die Furcht vor den Eisheiligen in beiden Perioden im heutigen Klima ist, zeigt eine kleine Auswertung.

Nachtfröste im Mai?
„Servaz muss vorüber sein, will man vor Nachtfrost sicher sein.” Die erste Bauernregel zielt nicht auf einen stabilen Frühlingsverlauf, sondern auf die Gefahr von Nachfrösten in klaren Mainächten. Vor allem, wenn es Anfang Mai warm war und die Bäume und Sträucher in voller Blütenpracht stehen, wirken sich Kälterückfälle Mitte Mai verheerend aus. So kommt es immer wieder vor, dass im Mai ein allgemeiner Luftdruckanstieg beobachtet werden kann. Die Winde drehen dann auf Nordost und führen trockene aber kühle Luft nach Mitteleuropa. Trotz langer Sonneneinstrahlung steigen die Temperaturen tagsüber nur gedämpft an. In den klaren Nächten geht die Temperatur dann stark zurück. Der Eisheilige Servatius datiert am 13. Mai. Nachtfröste dürften zu einem späteren Datum also nicht mehr auftreten. Tatsächlich wurde in Zürich seit 1901 am 13. Mai noch nie Nachfrost beobachtet. Am 12. Mai hingegen ein Mal. Allgemein sind Maifröste in Zürich sehr selten, wie aus Messdaten von MeteoSchweiz ersichtlich wird. Seit 1901 gab es erst 17 Mal Nachfrost, also nur jede 200. Mainacht.

Kalte Sophie
Beim Betrachten der täglichen Maitemperaturen der letzten fünf Jahre aus Zürich-Witikon zeigen sich erstaunliche Muster. Während zu Maibeginn die Tagesmittelwerte zwischen 9 und 13 Grad liegen, steigen die Werte zwischen dem 6. und dem 14. Mai deutlich an und liegen deutlich über 15 Grad, von Eisheiligen keine Spur. Dieses Phänomen konnte in den letzen 5 Jahren immer wieder beobachtet werden. Erst auf das alte Datum der kalten Sophie (15. Mai) stürzen die Tagesmittelwerte häufig auf unter 10 Grad ab! In der Folge ist die Phase bis zum 18. Mai häufig die kühlste des ganzen Monats. Zwischen dem 19. und dem 26. Mai schaut dann häufig bereits der Sommer am Zürichberg vorbei, wie Daten der letzten 5 Jahre zeigen. Also genau in der Periode, in welcher laut gregorianischer Kalenderreform die Eisheiligen stattfinden sollten. Die Tagesmitteltemperaturen liegen dann bei warmen 17 bis 20 Grad. Das Monatsende (27.-31. Mai) kommt dann häufig einer kleinen Maidepression gleich mit Temperaturen um 15 Grad.

Diese Kurzanalyse zeigt klar: weder das alte noch das neue Datum der Eisheiligen kann auf dem Zürichberg gemäss Messwerten der letzten 5 Jahre von Zürich-Witikon bestätigt werden. Paradoxerweise fallen die beiden wärmsten Perioden des Mais häufig genau in diese Zeitspanne! Erstaunlich sind der Temperatursturz und die häufig tiefsten Maitemperaturen am 15. Mai, am alten Datumstag der kalten Sophie. Die letzten 5 Jahre haben gezeigt, dass die Temperaturen während des Wonnemonats nicht linear bis Monatsende ansteigen, wie es die stärkere Sonneneinstrahlung vermuten liesse. Kälterückfälle und deshalb auch Überlieferungen der Eisheiligen sind also nicht aus den Wolken gegriffen. Datumsgebunden sind diese Kaltluftvorstösse aber nicht. Die Eisheiligen gibt es heutzutage folglich nicht mehr – Kälterückfälle hingegen auch in Zeiten der globalen Erwärmung schon.

Wie steht es eigentlich um die Eisheiligen?