Der Besuch des ältesten Urners

Im  Tessin,  im  Wallis  und  in  Genf  brachte  der  Oktober  Rekordtemperaturen, wie MeteoSchweiz berichtete. Im Tessin stieg die Oktobertemperatur 2.5 Grad, in Sion und Genf 3 Grad über die Norm 1981–2010. Auf der Alpennordseite, wie auch auf dem Zürichberg, erreichte die Oktobertemperatur verbreitet Rang zwei bis vier, wobei hier die Temperaturüberschüsse ebenfalls meist im Bereich von 2.5 bis 3.0 Grad lagen. Auch in Berglagen zeigte sich der Oktober sehr mild, die Temperaturen bewegten sich aber nicht in Rekordnähe. Über  die  ganze  Schweiz gemittelt  war  es  der  viertwärmste  Oktober  seit  Messbeginn  vor  150  Jahren.

Martini-Sommer

Im gleichen Stil ging es dann auch anfangs November weiter. Die Temperaturen lagen weiterhin weit über den für die Saison zu erwartenden Werten. Kurze Kaltluftvorstösse wurden rasch wieder durch neue Föhnströmungen abgelöst. Warme und freundliche Witterungsphasen im ersten Novemberdrittel sind in der Klimatologie als Martini-Sommer bekannt. Der Martinstag am 11. November (in Altbayern, Österreich und der Schweiz auch Martini) ist der Gedenktag des heiligen Martin von Tours. Das Datum ist von Martins Grablegung am 11. November 397 abgeleitet. Der Martinstag ist in Mitteleuropa von zahlreichen Bräuchen geprägt, darunter das Martinsgansessen, der Martinszug und das Martinssingen. In Zürich wird das Martinigansessen von zahlreichen Zünften zelebriert.

Milde Martini-Sommer sind keine Seltenheit, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Vor allem in den letzten Jahren gab es eine Häufung sehr milder Martini-Sommer. Erst vor Jahresfrist wurde mit 9,3 Grad das 3.-mildeste erste Novemberdrittel registriert und auch 2010 war der Martini-Sommer in Zürich mit 9,8 Grad einer der wärmsten. Der bisher wärmste Martini-Sommer stammt in Zürich aus dem Jahr 1977, als das erste Novemberdrittel 10,6 Grad warm war. Dass, zu dieser Jahreszeit auch schon ein ganz anderer Wind wehen kann, zeigte beispielsweise das Jahr 1977, als die ersten elf Novembertage im Mittel nur gerade winterliche 0,2 Grad kalt waren.

Föhn bis nach Zürich

Die diesjährige Wärme zum Martinstag wurde durch wiederholte Föhn-Wetterlagen hervorgerufen. Der Föhn, der in den Täler der Innerschweiz liebevoll “ältester Urner“ genannt wird, tritt nicht in jeder Jahreszeit gleich häufig in Erscheinung. Die klassische alpenquerende Föhnströmung aus Süden, welche in den Föhntälern auf der Alpennordseite typischerweise milde Temperaturen und Schönwetter bringt, ist am häufigsten im Frühling zu beobachten, wie MeteoSchweiz weiss. Deutlich weniger häufig fegt der Föhn im Herbst und im Winter über die Alpen und eine eigentliche Föhn-Flaute ist im Sommer zu beobachten.

Die klassische Föhnsituation ist mit einer starken Staubewölkung am Alpensüdhang verbunden. In Verbindung mit der Hebung der Luftmassen können dabei beachtliche Niederschlagsmengen auftreten. Mit dem Absinken der Luftmassen nördlich des Alpenkamms erwärmt sich die Luft deutlich und die Wolken lösen sich auf. Dieser Bereich mit sehr klarer Luft und blauem Himmel wird als Föhnfenster bezeichnet. Nur selten, bei besonders starken Druckgradienten, vermag der Föhn durch die eigentlichen Föhntäler hinaus bis ins Mittelland vorzustossen. Mit einer Druckdifferenz von 12 Hektopascal zwischen der Alpensüd- und der Alpennordseite war dieser Fall am 4. November gegeben und der älteste Urner besuchte die Region Zürichsee und war selbst auf dem Zürichberg zu spüren.

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Wetterverlauf in Erlenbach und Witikon. Die schwarze Linie zeigt die Windgeschwindigkeit (in km/h), die rote Linie zeigt den Temperaturverlauf und die grünen Säulen zeigen den Verlauf der Feuchtigkeit (rechte Skala). Die Föhnperiode ist deutlich erkennbar.

Sommerliche Nacht

Ein umfangreiches Tief lag anfangs November über Westeuropa, ein kräftiges Hoch über Osteuropa. Dazwischen befand sich Mitteleuropa im Bereich einer starken Südströmung. In der Nacht auf den 4. November verstärkte sich der Föhn und stiess bis weit ins Voralpenland vor. MeteoSchweiz berichtete, dass der Urner Föhn sogar den Greifensee mit Böen von 70 km/h erreichte. Noch stärker war er in Wädenswil am Zürichsee mit 107 km/h, was für die Messstation Föhnrekord bedeutete (Messbeginn 1981). In Wädenswil setzte der Föhn um 22 Uhr ein. Der älteste Urner arbeitete sich dann langsam entlang des Zürichsees vor. Der Wetterverlauf der Station Erlenbach (siehe Grafik) zeigt, dass hier der Föhn erst kurz vor Mitternacht registriert wurde. Nochmals rund eine Stunde später, erst nach Mitternacht, war der Föhn dann auch an der Wetterstation Witikon auf dem Zürichberg messbar. In Erlenbach stieg die Temperatur von rund 10 Grad bis auf sommerliche 20 Grad sprungartig an. Gleichzeitig erreichte der Südwind Spitzenwerte von rund 30 km/h und die Luft trocknete sich deutlich ab (30% Luftfeuchtigkeit). In Witikon stiegen die Temperaturen mit zügigem Südwind auf über 15 Grad. Die Föhnperiode war in Zürich bereits deutlich abgeschwächt und dauerte auch nur rund anderthalb Stunden, bevor die Südwinde um 2 Uhr morgens nachliessen. Nach 3 Uhr morgens war der Föhn dann auch in Erlenbach nicht mehr spürbar und um 7 Uhr liess er auch in Wädenswil wieder nach. Wie schnell sommerliche Temperaturen während einer Föhnperiode nach Föhnende absacken können, zeigte sich nur einen Tag später. Der Dauerregen verursachte eine sogenannte Niederschlagsabkühlung und liess die Schneefallgrenze immer weiter absinken. Innerhalb von nur 24 Stunden sank die Temperatur um fast 20 Grad ab und in Witikon, oberhalb von 600 Meter, konnte am Morgen des 6. November der erste Schnee der Saison gemessen werden.

Der Besuch des ältesten Urners

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