Vom Frühsommer-Monsun in die Spätsommer-Trockenzeit

Auf den rekordwarmen September folgt der kälteste Oktoberbeginn seit 42 Jahren. Neben kurzfristigen Wetterphänomenen etablieren sich in der Schweiz aber auch langfristige Witterungsmuster.

Was für ein Wechselbad der Gefühle: Nachdem der September 2016 in Zürich mit durchschnittlich 16,8 Grad am Zürichberg als der drittwärmste in die Wetterannalen eingeht, kam mit dem Oktober der grosse Temperatursturz. Die erste Oktoberhälfte war gemittelt nur gerade 8,4 Grad kühl. Kälter startete ein Oktober letztmals 1974. Obwohl sich September und Oktober temperaturmässig grundsätzlich voneinander unterscheiden, haben sie doch eines gemein. Beide waren geprägt von einer ausgeprägten Trockenheit.

Warme Arktis – kalte Kontinente

Anhaltender Azorenhocheinfluss sorgte im September für überdurchschnittlich viel Sonnenschein und spätsommerliche Temperaturen. In Zürich waren nur die September 2006 und 1961 leicht wärmer als der diesjährige. Anfang Oktober fiel die Temperatur in Mitteleuropa dann schlagartig auf spätherbstliches Niveau. Der Grund für den raschen Wetterwechsel und den bis anhin äusserst kalten Oktober ist ein Wetterphänomen, welches in den letzten Jahren im Herbst und Winter gehäuft auftrat. Ausgelöst wird die Wetteranomalie von der zunehmend eisfreien Arktis. Im Fachjargon wird das Phänomen WACC (Warm Arctic – Cold Continents) genannt.

Wie es der Name verrät, sind die Arktis, Grönland und die an den arktischen Ozean angrenzenden Küstengebiete stark übertemperiert. Die positiven Temperaturabweichungen über rund eine Woche liegen bei 5 bis 10 Grad! Anders sieht es über den Kontinenten der Nordhemisphäre aus. Europa, Nordamerika und südlichere Teile Sibiriens sind deutlich unterkühlt. Der Wärmeüberschuss in der Arktis ist eine Folge der stark geschrumpften Eismassen in der Arktis. Die grosse eisfreie Fläche gibt heute bis weit in den Herbst hinein Wärme an die darüber liegende Luft ab. Die Produktion kalter Luftmassen über dem Arktischen Ozean verspätet sich damit immer mehr, während über den grossen Landmassen die Luft in den zunehmend langen Nächten stark auskühlt. Der Arktische Ozean verhält sich, bedingt durch den Eismangel, mittlerweile wie ein Meer der gemässigten Breiten: Die Energieabgabe vom Wasser an die Luft bewirkt, dass sich über der Arktis, wie sonst üblich im Nordatlantik und Nordpazifik, Tiefdruckgebiete bilden. Die Advektion relativ warmer und feuchter Luft auf die angrenzenden kühlen Landmassen erzeugt dort Schneefälle, wodurch sich an den Nordrändern der Kontinente im Herbst viel rascher eine Schneedecke bildet. Das wiederum beschleunigt die Kaltluftproduktion vor Ort und WACC ist Tatsache. Diese neue Verteilung von Wärme und Kälte wirkt sich grossräumig auf die Bildung von Hochs und Tiefs und die damit einhergehenden Strömungsverhältnisse aus. Anstelle einer herbstlichen Westwinddrift, die feuchte und milde Luft nach Europa transportiert, entstehen in den subpolaren Gebieten starke Hochdruckgebiete, wie im Oktober 2016 über Skandinavien, welche die Westwinde abschnüren und kalter Luft aus Osten den Weg nach Mitteleuropa bereiten. Im Winter bringt dieses Wetterphänomen eisigkalte Witterungsabschnitte. Im Oktober bringt es uns um den goldenen Oktober.

> siehe auch: www.fotometeo.ch

Gemässigte Breiten

Der Herbst hat sich nicht nur durch das Wetterphänomen WACC verändert. In der Schweiz hat sich in den letzten Jahren allmählich ein neues Niederschlagsmuster etabliert. Die gemässigten Breiten, also Mitteleuropa, waren immer dafür bekannt, keine Regen- und Trockenzeiten zu haben. Im ganzen Jahresverlauf wechseln sich trockene und nasse Phasen, so dass sich die Niederschläge über das Jahr relativ gleichmässig verteilen. In den letzten 15 Jahren haben sich in der Schweiz nun aber schrittweise Regen- und Trockenzeiten etabliert. Die Veränderungen betreffen vor allem das Sommerhalbjahr, genauer die Periode von Mai bis Oktober.

Vor 15 Jahren waren der Frühsommer (Mai-Juli) und der Spätsommer (August-Oktober) noch gleich nass. Heutzutage bringt der Frühsommer mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer.
Vor 15 Jahren waren der Frühsommer (Mai-Juli) und der Spätsommer (August-Oktober) noch gleich nass. Heutzutage bringt der Frühsommer mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer.

Regen- und Trockenzeit

Die Periode Mai bis Oktober bringt in Zürich rund 60 Prozent des Jahresniederschlags, also knapp 700 mm. Vor rund 15 Jahren waren die Niederschläge gleichmässig auf die beiden 3-monatigen Abschnitte Mai bis Juli und August bis Oktober aufgeteilt. Fast in jedem zweiten Jahr war die spätsommerliche Periode von August bis Oktober nässer als der Abschnitt Mai bis Juli. Seit nun acht Jahren kam das nie mehr vor und die spätsommerliche Periode war immer deutlich trockener als die frühsommerliche Periode von Mai bis Juli. Während der Spätsommer (August bis Oktober) in den letzten 15 Jahren um rund ein Drittel, oder um rund 120 mm, trockener wurde, bekam der Frühsommer (Mai bis Juli) in der gleichen Periode 120 mm, oder ebenfalls rund ein Drittel, mehr Niederschläge. Insgesamt fallen von Mai bis Oktober also immer noch gleich viele Niederschläge wie vor 15 Jahren, jedoch haben sich die Niederschläge deutlich vom Spätsommer in den Frühsommer verschoben. Summierten sich die Niederschläge vor 15 Jahren noch in beiden Perioden auf gleich hohe Werte, bringt der Frühsommer heute mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer. Seit nun knapp zehn Jahren erleben wir einen Frühsommer-Monsun, gefolgt von einer spätsommerlichen und herbstlichen Trockenzeit.

Vom Frühsommer-Monsun in die Spätsommer-Trockenzeit

Hitze-Spätsommer anstatt Frühherbst

Von Mitte August bis Mitte September sorgte Hochdruckeinfluss in Mitteleuropa für überwiegend sonniges und sommerlich warmes Wetter. Zürich wurde mit Sonnenschein und Wärme verwöhnt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In welchen Kategorien wurden sogar Rekorde gebrochen?  

Mit dem Ende des Hochsommers Mitte August startete der diesjährige Sommer erst richtig durch. Seit Mitte August dominiert in weiten Teilen Europas und damit auch in der Schweiz nahezu ohne Unterbrechung Hochdruckwetter. Dabei machen sich ausgehend von den Azoren immer wieder Hochdruckgebiete auf den Weg Richtung Osten und sorgen somit auch bei uns für anhaltend sonniges und trockenes Sommerwetter, obwohl es meteorologisch betrachtet bereits Frühherbst ist. In den 32 Tagen von Mitte August bis Mitte September herrschte vorwiegend stabiles Sommerwetter. Nur an sechs Tagen gab es Niederschläge. In der gleichen Periode schien die Sonne ganze 280 Stunden lang. In Zürich war es der sonnigste Spätsommer seit mehr als 50 Jahren. Zum Vergleich: vor einem Jahr gab es in der gleichen Zeitspanne von Mitte August bis Mitte September mit 150 Stunden nur rund halb so viel Sonnenschein zu geniessen. Der Spätsommer 2016 war nicht nur sehr sonnig und trocken, sondern auch ausgesprochen warm. Fast täglich stiegen die Temperaturen auf sommerliche Werte über 25 Grad. Mit 19 Sommertagen (Tageshöchstwert über 25 Grad) zwischen Mitte August und Mitte September gab es so viele wie praktisch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur im Spätsommer des Jahres 1911 gab es mit 20 Sommertagen in Zürich noch einen Sommertag mehr. Sommerliche Temperaturen sind insbesondere für die erste Septemberhälfte keine Seltenheit, immerhin gehört dieser Monat noch überwiegend zum astronomischen Sommer, der am 22. September endet. Als ungewöhnlich kann aber sicherlich die lange Dauer dieser warmen Witterung bezeichnet werden, wie auch der Deutsche Wetterdienst DWD in seinem täglichen Bulletin schreibt.

So heiss wie heuer war der Spätsommer kaum jemals zuvor. Nur 1911 und 2011 brachten ähnlich hohe Temperaturen in Zürich.
So heiss wie heuer war der Spätsommer kaum jemals zuvor. Nur 1911 und 2011 brachten ähnlich hohe Temperaturen in Zürich.

Heissester Spätsommer

Am Zürichberg erreichte der Spätsommer von Mitte August bis Mitte September eine durchschnittliche Temperatur von 19,3 Grad. Damit war der Spätsommer 2016 mehr als drei Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Zusammen mit 1911 und 2011, welche gleich hohe Temperaturen brachten, erlebte Zürich heuer den heissesten Spätsommer mindestens der letzten 115 Jahre. Im Tessin war vor allem die grosse Wärme in den ersten zwei Septemberwochen herausragend. Mit einer Durchschnittstemperatur von 23 Grad liegt der neue Rekord weit über den bisherigen Höchstwerten von 21,4 Grad in den Jahren 2011 und 1929 sowie 21,6 Grad im Jahr 1895.

1911 oder 2011?

In Zürich teilt sich der Spätsommer 2016 die Krone des wärmsten Spätsommers zusammen mit jenen aus den Jahren 1911 und 2011. Im September 1911 war Mitte Monat dann aber endgültig Schluss mit Hochsommerwetter. Die zweite Monatshälfte war trüb, kühl und nass, wie aus den historischen Messreihen der MeteoSchweiz hervorgeht. Auch der darauffolgende Oktober war recht garstig und kühl. Auch im September 2011 erfolgte Mitte Monat ein Wetterumschwung. Dieser war jedoch nur von kurzer Dauer, bevor sich das letzte Septemberdrittel abermals warm und sonnig präsentierte. Jedoch brachte auch der Oktober 2011 dann kein goldenes, sondern trübes und nasses Herbstwetter. Der zweiten Septemberhälfte 2016 und dem weiteren Verlauf des eigentlichen Herbstes 2016 stehen folglich noch alle Optionen offen.

Hitze-Spätsommer anstatt Frühherbst

Spätsommer und Frühherbst laden zum Baden ein

Im Frühsommer braucht es Geduld, bis der Zürichsee badetauglich ist. Dafür kann dann bis im Frühherbst gebadet werden. Die Badesaison im Zürichsee dauert im Schnitt ganze 110 Tage.

Am Mittwoch 24. August 2016 überquerten wiederum tausende Schwimmende den Zürichsee im Stadtzürcher Becken vom Strandbad Mythenquai in das 1,5 km entfernte Seebad Tiefenbrunnen. Mit einer Wassertemperatur von über 24 Grad einen Meter unter der Wasseroberfläche herrschten angenehme Bedingungen. Ein Blick ins Archiv der Zürichsee-Temperaturen der Messstation Tiefenbrunnen der letzten zehn Jahre zeigt, dass der Zürichsee heuer Ende August übertemperiert ist. Im Durchschnitt der letzten 10 Jahre (2007-2016) war der Zürichsee Ende August jeweils 22 Grad warm. Dabei gibt es natürlich grosse Jahr-zu-Jahr-Schwankungen. So war der Zürichsee Ende August 2009 und 2012 sogar noch knapp 25 Grad warm. Im 2010 und 2014 hingegen waren es Ende August lediglich kühle 19 Grad.

Wassertemperatur-Zürichsee
Der Zürichsee erreicht häufig im August seine Jahreshöchsttemperatur. Die Badesaison mit einer Wassertemperatur über 20 Grad dauert im Mittel 76 Tage.

Aktuelle Wassertemperatur beim Mythenquai

Aktuelle Wassertemperatur beim Tiefenbrunnen

Tropischer Zürichsee

Im Jahresverlauf erreicht der Zürichsee zwischen dem 3. und 15. August seine Jahreshöchsttemperatur. In den letzten zehn Jahren war er in dieser Periode noch nie kühler als 20 Grad. Im langjährigen Durchschnitt erreicht die Wassertemperatur des Zürichsees am 7. August mit 22,7 Grad (Tagesdurchschnitt) sein Jahresmaximum. Im Hitzesommer 2015 vor einem Jahr stieg die Wassertemperatur des Zürichsees während der Hitzewelle Anfang Juli auf tropische Werte. So zeigte das Wasserthermometer am 7. Juli 2015 im Tiefenbrunnen erstaunliche 27,5 Grad.

Bis es soweit ist, zeigt der Zürichsee im Frühsommer typischerweise einen steilen Anstieg in der Wassertemperatur. Wer Ende Mai oder Anfang Juni an einem heissen Tag schwimmen will, muss abgehärtet sein. In einem durchschnittlichen Jahr hat sich der Zürichsee bis zum 1. Juni jeweils erst auf 15,9 Grad erwärmt. Die Wärmeaufnahme ist aber gross und der See wird von Tag zu Tag wärmer. Bereits eine Woche später, am 8. Juni, zeigt das Thermometer durchschnittlich schon badetaugliche 18 Grad an. Die Jahr-zu-Jahr-Schwankungen sind aber gerade im Frühsommer gross. Im Jahr 2010 war der Zürichsee Anfang Juni erst kühle 10 Grad, 2012 hingegen bereits 19 Grad.

Baden im Herbst

Ab Mitte August wird der Zürichsee langsam wieder kühler. Der Wärmeverlust im Spätsommer und Herbst geht aber kontinuierlicher und langsamer vonstatten als der Anstieg im Frühsommer. Die 18-Grad-Marke, welche am 8. Juni überschritten wird, unterschreitet der Zürichsee erst wieder am 25. September. Das Stadtzüricher Seebecken ist folglich im langjährigen Durchschnitt während 110 Tagen im Jahr badetaugliche 18 Grad warm. Die Badesaison mit mehr als 20 Grad Wassertemperatur dauert im Zürichsee vom 28. Juni bis zum 11. September, im Mittel 76 Tage lang. Ähnliche Wassertemperaturen wie sie Anfang Juni gemessen werden, erreicht der Zürichsee erst wieder nach dem 12. Oktober. Der Spätsommer und Frühherbst lädt also durchaus zum Baden im See ein.

Bis zur Weihnachtszeit sinkt die Wassertemperatur auf durchschnittlich 6-8 Grad ab. Die Jahr-zu-Jahr-Schwankungen sind dabei sehr klein. Der Zürichsee verliert bis zum meteorologischen Frühlingsbeginn Anfang März aber weiter an Energie. Das Jahresminimum der Wassertemperatur wird jeweils zwischen dem 11. Februar und dem 6. März erreicht. Der absolute Tiefpunkt der Zürichsee-Wassertemperatur der letzten zehn Jahre wurde während der Kältewelle im Februar 2012 registriert, als der Zürichsee am 26. Februar einen Meter unter der Oberfläche nur gerade 3,3 Grad kalt war.

Schneeschmelze und Regen ohne Einfluss

Die Zürichsee-Wassertemperatur wird hauptsächlich durch die Ein- und Abstrahlung beeinflusst. Die Einstrahlung ist im Sommer jeweils gross – wird jedoch durch das vorherrschende Wetter beeinflusst. Je mehr Sonneneinstrahlung, desto wärmer wird der See. Die Lufttemperatur spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle. In klaren Nächten gibt der See durch Abstrahlung viel Wärme ab und die Wassertemperatur sinkt. In bedeckten Nächten wird die langwellige Abstrahlung durch die Wolken gleich wieder auf die Erdoberfläche zurückgeschickt, so dass kaum Energie verloren geht. Für einen tropisch warmen Zürichsee bräuchte es folglich sonnige Tage und bewölkte Nächte. An bewölkten Tagen und klaren Nächten würde der Zürichsee hingegen kalt bleiben. Der kurzfristige Wassertemperaturverlauf des Zürichsees wird zudem deutlich durch den Wind beeinflusst. Starke Winde sorgen für Durchmischung des Seewassers. Dadurch kann kühleres Tiefenwasser an die Oberfläche steigen. In den obersten Schichten des Sees sinkt somit die Wassertemperatur. Bei Windstille und sonnigen Tagen kann sich das Oberflächenwasser hingegen optimal aufwärmen. Andere Faktoren wie Zu- und Abflüsse, Schneeschmelze oder Regen haben, entgegen landläufiger Vorstellung, keinen relevanten Einfluss auf die Wassertemperatur des Zürichsees.

Spätsommer und Frühherbst laden zum Baden ein