Schweizer Sommer wird überschätzt

Es ist Halbzeit, Sommerhalbzeit! Der seit dem 1. Juni andauernde, meteorologische Sommer ist nach anderthalb Monaten gemittelt 17,5 Grad warm auf dem Zürichberg. Die bisher höchste Temperatur wurde mit 32,4 Grad am 29. Juni gemessen. Im Volksmund ist der diesjährige Sommer aber ein Flop. Irgendwie haben sich die meisten auf richtiges Sommerwetter gefreut und nicht auf die Witterung, welche in den ersten anderthalb Sommermonaten vorherrschte. Wobei temperaturmässig bisher nichts am Sommer 2012 auszusetzen ist. Verglichen mit der Referenzperiode 1961 bis 1990 ist der Sommer sogar zu warm. Eine aussagekräftigere Antwort liefert jedoch der Verglich mit den letzen 30 Jahren, also der „neuen” Referenzperiode 1981-2010. Aber auch hier muss sich der Midlife-Sommer nicht verstecken, zurzeit herrschen durchschnittliche Verhältnisse.

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Verglichen mit der “neuen” Klimareferenzperiode 1981-2010 sind die meisten Sommer unterkühlt. So warm wie heutzutage waren die Sommer nie.
Daten: MeteoSwiss

Juli bisher trüb und nass
Andere Wetterparameter halten sich aber weniger an den Sommer-Fahrplan. So wurde auf dem Zürichberg seit Sommerbeginn 330 mm Niederschlag gemessen, rund doppelt so viel wie üblicherweise in diesem Zeitraum. In den ersten 15 Julitagen blieben nur gerade drei trocken.
Dank einer hochsommerlichen, zweiten Junihälfte, die 12 Sommertagen mit Höchstwerten über 25 Grad und 4 Hitzetagen mit Temperaturen über 30 Grad brachte, war der Juni auf dem Zürichberg deutlich zu warm. Die erste Julihälfte hingegen war verglichen mit der neuen Referenzperiode leicht unterkühlt. Vor allem die Abwesenheit von Sommertagen, nur gerade viermal stieg das Thermometer in der ersten Julihälfte über 25 Grad, und die vielen Regentage, machten vielen zu schaffen. Nachdem der Juni mit mehr als 200 Sonnenstunden unter dem Strich als sonniger Monat in die Wetterbücher eingeht, gab es in den ersten 15 Julitagen nur gerade 50 Stunden Sonnenschein. Das Problem ist also nicht der Sommer, sondern der Juli.

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Seit Sommerbeginn (1. Juni) ist der Luftdruck verglichen mit der Referenzperiode 1981-2010 über den Britischen Inseln deutlich zu tief. Mitteleuropa lag somit in einer West- bis Südwestströmung, so dass sich kein konstantes Sommerwetter aufbauen konnte.
Daten: NCEP/NCAR

Tief über den Britischen Inseln
Verantwortlich für die vielen Regentage und die spärlichen Sommertage war ein ausgedehntes Tiefdruckgebiet über den Britischen Inseln. Üblicherweise liegt dieses weiter im Nordwesten über Island, so dass sich das Azorenhoch häufiger als zuletzt nach Mitteleuropa ausbreiten kann. Nicht aber in diesem Juli: der kräftige Tiefdruckwirbel  liess dem Azorenhoch keine Chance und drückte dieses weit in den Atlantik zurück. Die resultierende Südwestlage führte feuchte und nur mässig warme Luft nach Mitteleuropa und sorgte für den wohl bekannten, wechselhaften Witterungscharakter. Die vorherrschende Südwestströmung prägte das Juliwetter in ganz Europa. Während der Süden und Südosten Europas unter Hitze und Trockenheit litt, waren die Verhältnisse in Grossbritannien und Skandinavien deutlich unterkühlt und sehr feucht. Die Schweiz lag einmal mehr irgendwo dazwischen.

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Der Sommer ist in Süd- und Osteuropa bisher zu warm. Gebietsweise mehr als 4 Grad! Im Norden und Nordwesten liegen die Temperaturen hingegen leicht unter der Norm.
Daten: NCEP/NCAR

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Nördlich der Alpen ist der Sommer bisher zu nass, im Mittelmeerraum hingegen zu trocken.
Daten: NCEP/NCAR

Hitzesommer?
Das Wunschsommerwetter mit endlosem Sonnenschein, trockenen Grillfesten und andauernd heissen Temperaturen gibt es in der Schweiz nicht und hat es nie gegeben. Im Gegenteil: der mitteleuropäische Sommer ist und war schon immer geprägt durch schnelle Witterungswechsel, mässig warme Verhältnisse und ergiebige Niederschläge. Die Monate Mai bis August sind nicht per Zufall die feuchtesten im Jahresverlauf. Hitzewellen und lange Trockenperioden sind die Ausnahme. Seit Messbeginn im Jahre 1864 gab es in Zürich es nur sechs „Traumsommer”: 1911, 1947, 1983, 1994, 2003 und 2006. Wobei es auch 1911 und 1947 vor allem in der zweiten Sommerhalbzeit erst richtig schön und heiss wurde. 1983 war sogar „nur” der Juli viel zu sonnig, trocken und heiss. 1994 und 2006 war es hingegen die erste Sommerhälfte, welche deutlich überdurchschnittliche Temperaturen und Trockenheit brachte. Nur 2003 brachte praktisch über mehr als drei Monate Hochsommerwetter, wobei es auch damals im Juli Schönheitsflecken zu beklagen gab. Es wird also deutlich ersichtlich, dass vor allem die Denkhaltung und die riesigen Erwartungen das Problem an der Sommerwahrnehmung ist. Der Schweizer Sommer hält dieser Traumvorstellung nicht stand und führt Jahr für Jahr in die Tristesse. Fakt ist: die Sommer werden in der Schweiz immer wärmer. Die Nullerjahre brachten wieder deutlich mehr Sonnenschein als die fünf vorangegangenen Jahrzehnte und die Niederschläge haben sich kaum verändert. Die Parameter entwickeln sich also langsam in Richtung „Traumsommer” und überhaupt nicht in die Gegenrichtung. Falls also jeder Sommer immer wieder als Flop bezeichnet wird, kann es nur daran liegen, dass der Schweizer Sommer systematisch überschätzt wird. Für Hitze, Trockenheit und Sonne pur wird der Mittelmeerraum empfohlen. Der Sommer 2012 ist noch lange nicht vorbei. Es handelt sich nur um eine sommerliche Midlifecrisis.

Schweizer Sommer wird überschätzt

Die Schafskälte gibt es nicht mehr: das neue Phänomen heisst Juli-Baisse

Empfindlich kühle Luft lag vom 18. bis 22. Juni 2010 über Zürich – von Sommer keine Spur. Nach der Hitze zu Junibeginn dachten wir, dass wir dieses Jahr vom berühmten Kälterückfall im Juni verschont bleiben würden. Doch wir lagen falsch. Schwere, dunkle Wolken hingen über den Hügeln und brachten grosse Regenmengen, allein am 18 und 19. Juni fielen auf dem Zürichberg über 60 Liter pro Quadratmeter. Am 20. verharrte das Thermometer in der Limmatstadt selbst am Nachmittag bei frischen 11,7 Grad. Den Start ins letzte Junidrittel hatten sich viele anders vorgestellt. Doch wie ist dieser Kälterückfall einzuordnen, handelte es sich um die berühmte Schafskälte? Im Jahr 2009 verlief die Juniwitterung übrigens beängstigend ähnlich.

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Die Schafskälte, wie wir sie früher kannten, ist also aus dem heutigen Sommermuster verschwunden: Während die Schafskälte der Klimaänderung zum Opfer fiel, konnte sich die Juli-Baisse etablieren.

Schnee von gestern
Mit der starken Sonneneinstrahlung auf der Nordhalbkugel reduziert sich über dem Nordpol das Kaltluftreservoir im Juni täglich. Die Temperaturunterschiede zwischen Pol- und Äquatorregionen werden abgebaut, trotzdem stösst noch zeitweise ein Schwall polarstämmiger Luft nach Süden, zum Beispiel nach Mitteleuropa. Diese Kaltluftausbrüche werden Kaltlufttropfen genannt, da sie ringsum von warmer Sommerluft umgeben sind und deshalb nur eine kurze Überlebenschance haben. Während dem Durchzug des Kaltlufttropfens ändert das Wetter aber abrupt von Sommer auf Herbst. Solche Kälterückfälle gehören seit eh und je zum mitteleuropäischen Frühsommer und werden seit langer Zeit beobachtet. Im Volksmund wird ein Kaltlufteinbruch im Juni mit der Schafskälte in Verbindung gebracht. Diese bezeichnet einen Witterungsregelfall, welcher Mitte Juni, zur Zeit der Schafschur, nasskaltes Wetter aus Nordwesten bringt. Ein Witterungsregelfall, auch Singularität genannt, ist eine deutliche Abweichung vom klimatischen Jahresgang, welche regelmässig zu bestimmten Kalendertagen auftritt. Deshalb ist sie auch im Durchschnitt der langjährigen Messreihe nachweisbar. Um die Schafskälte nachzuweisen, werfen wir einen Blick auf das Mittel der Tageshöchsttemperaturen in Zürich. Da an regnerischen, trüben Sommertagen vor allem die Nachmittagstemperaturen gedämpft werden, müsste in dieser Reihe die Schafskälte am besten ersichtlich sein. Tatsächlich ist zwischen 1901 und 1960  die Schafskälte deutlich nachweisbar. So liegt das Mittel der Tageshöchsttemperaturen zum Junibeginn bei rund 21,5 Grad und sinkt dann zwischen dem 10. und dem 16. auf rund 19,5 Grad, bevor es wieder auf das alte Niveau von rund 21,5 Grad ansteigt. Dieser Temperaturrückgang um 2 Grad während diesen Tagen erscheint marginal, doch bei einem Mittel über 60 Jahre ist das beachtlich! Natürlich konnte die Schafskälte in den einzelnen Jahren deutlich tiefere Höchsttemperaturen bringen. In Arosa, auf 1850 Meter über Meer, ging die Schafskälte häufig mit dem letzten Schneefall der Saison einher.

Deutliche Junierwärmung
In den letzten rund 20 Jahren erwärmte sich der Juni im Zuge der globalen Erwärmung deutlich, so ist er heutzutage gut 1,5 Grad wärmer als noch vor 50 Jahren. Nun stellt sich die Frage, ob sich neben den Temperaturen auch die Witterung veränderte? Ist die Schafskälte auch im wärmeren Klima von Zürich noch nachweisbar? Wir betrachten dazu den Verlauf der gemittelten Tageshöchstwerte zwischen 1987 und 2007. Das Ergebnis ist erstaunlich: der deutliche Temperaturrückgang zur Monatsmitte fehlt, die Tageshöchsttemperaturen steigen im Mittel täglich etwas höher an und weisen keine eindeutige Unregelmässigkeit mehr auf. Die Schafskälte, wie wir sie früher kannten, ist also aus dem heutigen Sommermuster verschwunden. Die schwachen Einbrüche im Temperaturmittelverlauf, wie beispielsweise am 6., 11., 22. oder 27. Juni zeigen aber auf, dass es auch in der Zeit der globalen Erwärmung Kaltlufteinbrüche im Juni gab und geben wird. Aus der regelmässig und pünktlich auftretenden Schafskälte wurden spontane, unregelmässige Kaltlufteinbrüche. Der diesjährige Rückfall um den 22. ist ein gutes Beispiel dafür und darf aufgrund der Unpünktlichkeit nicht als Schafskälte bezeichnet werden.

Juli-Baisse
In früheren Jahren, wie auch heutzutage ist zwischen Ende Juni und anfangs Juli regelmässig mit sehr hohen Temperaturen zu rechnen. Diese Hitze wird dann aber häufig von einem erneuten, schwächeren Temperaturrückgang in der ersten Julidekade beendet, bevor sich der Hochsommer ab Mitte Juli endgültig durchsetzt. Während diese Juli-Baisse zwischen 1901 und 1960 nur schwach ausgeprägt war, gehört sie heutzutage zum Sommermuster. So müssen wir zwischen dem 2. und dem 11. Juli häufig mit einer spürbaren Abkühlung rechnen. Während die Schafskälte im Zuge der Klimaänderung verschwand, konnte sich die Juli-Baisse etablieren.

 

Die Schafskälte gibt es nicht mehr: das neue Phänomen heisst Juli-Baisse