Die Schafskälte gibt es nicht mehr: das neue Phänomen heisst Juli-Baisse

Empfindlich kühle Luft lag vom 18. bis 22. Juni 2010 über Zürich – von Sommer keine Spur. Nach der Hitze zu Junibeginn dachten wir, dass wir dieses Jahr vom berühmten Kälterückfall im Juni verschont bleiben würden. Doch wir lagen falsch. Schwere, dunkle Wolken hingen über den Hügeln und brachten grosse Regenmengen, allein am 18 und 19. Juni fielen auf dem Zürichberg über 60 Liter pro Quadratmeter. Am 20. verharrte das Thermometer in der Limmatstadt selbst am Nachmittag bei frischen 11,7 Grad. Den Start ins letzte Junidrittel hatten sich viele anders vorgestellt. Doch wie ist dieser Kälterückfall einzuordnen, handelte es sich um die berühmte Schafskälte? Im Jahr 2009 verlief die Juniwitterung übrigens beängstigend ähnlich.

sommerverlauf

Die Schafskälte, wie wir sie früher kannten, ist also aus dem heutigen Sommermuster verschwunden: Während die Schafskälte der Klimaänderung zum Opfer fiel, konnte sich die Juli-Baisse etablieren.

Schnee von gestern
Mit der starken Sonneneinstrahlung auf der Nordhalbkugel reduziert sich über dem Nordpol das Kaltluftreservoir im Juni täglich. Die Temperaturunterschiede zwischen Pol- und Äquatorregionen werden abgebaut, trotzdem stösst noch zeitweise ein Schwall polarstämmiger Luft nach Süden, zum Beispiel nach Mitteleuropa. Diese Kaltluftausbrüche werden Kaltlufttropfen genannt, da sie ringsum von warmer Sommerluft umgeben sind und deshalb nur eine kurze Überlebenschance haben. Während dem Durchzug des Kaltlufttropfens ändert das Wetter aber abrupt von Sommer auf Herbst. Solche Kälterückfälle gehören seit eh und je zum mitteleuropäischen Frühsommer und werden seit langer Zeit beobachtet. Im Volksmund wird ein Kaltlufteinbruch im Juni mit der Schafskälte in Verbindung gebracht. Diese bezeichnet einen Witterungsregelfall, welcher Mitte Juni, zur Zeit der Schafschur, nasskaltes Wetter aus Nordwesten bringt. Ein Witterungsregelfall, auch Singularität genannt, ist eine deutliche Abweichung vom klimatischen Jahresgang, welche regelmässig zu bestimmten Kalendertagen auftritt. Deshalb ist sie auch im Durchschnitt der langjährigen Messreihe nachweisbar. Um die Schafskälte nachzuweisen, werfen wir einen Blick auf das Mittel der Tageshöchsttemperaturen in Zürich. Da an regnerischen, trüben Sommertagen vor allem die Nachmittagstemperaturen gedämpft werden, müsste in dieser Reihe die Schafskälte am besten ersichtlich sein. Tatsächlich ist zwischen 1901 und 1960  die Schafskälte deutlich nachweisbar. So liegt das Mittel der Tageshöchsttemperaturen zum Junibeginn bei rund 21,5 Grad und sinkt dann zwischen dem 10. und dem 16. auf rund 19,5 Grad, bevor es wieder auf das alte Niveau von rund 21,5 Grad ansteigt. Dieser Temperaturrückgang um 2 Grad während diesen Tagen erscheint marginal, doch bei einem Mittel über 60 Jahre ist das beachtlich! Natürlich konnte die Schafskälte in den einzelnen Jahren deutlich tiefere Höchsttemperaturen bringen. In Arosa, auf 1850 Meter über Meer, ging die Schafskälte häufig mit dem letzten Schneefall der Saison einher.

Deutliche Junierwärmung
In den letzten rund 20 Jahren erwärmte sich der Juni im Zuge der globalen Erwärmung deutlich, so ist er heutzutage gut 1,5 Grad wärmer als noch vor 50 Jahren. Nun stellt sich die Frage, ob sich neben den Temperaturen auch die Witterung veränderte? Ist die Schafskälte auch im wärmeren Klima von Zürich noch nachweisbar? Wir betrachten dazu den Verlauf der gemittelten Tageshöchstwerte zwischen 1987 und 2007. Das Ergebnis ist erstaunlich: der deutliche Temperaturrückgang zur Monatsmitte fehlt, die Tageshöchsttemperaturen steigen im Mittel täglich etwas höher an und weisen keine eindeutige Unregelmässigkeit mehr auf. Die Schafskälte, wie wir sie früher kannten, ist also aus dem heutigen Sommermuster verschwunden. Die schwachen Einbrüche im Temperaturmittelverlauf, wie beispielsweise am 6., 11., 22. oder 27. Juni zeigen aber auf, dass es auch in der Zeit der globalen Erwärmung Kaltlufteinbrüche im Juni gab und geben wird. Aus der regelmässig und pünktlich auftretenden Schafskälte wurden spontane, unregelmässige Kaltlufteinbrüche. Der diesjährige Rückfall um den 22. ist ein gutes Beispiel dafür und darf aufgrund der Unpünktlichkeit nicht als Schafskälte bezeichnet werden.

Juli-Baisse
In früheren Jahren, wie auch heutzutage ist zwischen Ende Juni und anfangs Juli regelmässig mit sehr hohen Temperaturen zu rechnen. Diese Hitze wird dann aber häufig von einem erneuten, schwächeren Temperaturrückgang in der ersten Julidekade beendet, bevor sich der Hochsommer ab Mitte Juli endgültig durchsetzt. Während diese Juli-Baisse zwischen 1901 und 1960 nur schwach ausgeprägt war, gehört sie heutzutage zum Sommermuster. So müssen wir zwischen dem 2. und dem 11. Juli häufig mit einer spürbaren Abkühlung rechnen. Während die Schafskälte im Zuge der Klimaänderung verschwand, konnte sich die Juli-Baisse etablieren.

 

Die Schafskälte gibt es nicht mehr: das neue Phänomen heisst Juli-Baisse