Werden Hitzesommer zur Norm? Es liegt in unseren Händen!

CH2011: Die neuen Szenarien zur Klimaänderung in der Schweiz wurden an der ETH Zürich präsentiert. Über das zukünftige Klima in der Schweiz gibt es jetzt mehr Klarheit – auch darüber, wie stark sich der globale Klimaschutz auf den Temperaturanstieg bei uns auswirkt. Bis Mitte des Jahrhunderts werden die Temperaturen aber ohnehin ansteigen. 

Temperaturveränderung in der Region Zürich pro Jahreszeit. Rotes Szenario: Fossile und erneuerbare Energien in einer florierenden Weltwirtschaft. Abnehmender jährlicher CO2-Ausstoss um 2050. Blaues Szenario: Strenger Klimaschutz mit Stabilisierung des CO2-Levels bis Ende Jahrhundert. Abnahme des jährlichen CO2-Austosses um 2020.
Temperaturveränderung in der Region Zürich pro Jahreszeit. Rotes Szenario: Fossile und erneuerbare Energien in einer florierenden Weltwirtschaft. Abnehmender jährlicher CO2-Ausstoss um 2050. Blaues Szenario: Strenger Klimaschutz mit Stabilisierung des CO2-Levels bis Ende Jahrhundert. Abnahme des jährlichen CO2-Austosses um 2020.

Auditorium Maximum. ETH Zürich. Mittwoch, 28. September 2011. 15.00 Uhr. Christoph Schär (ETH-Professor am Institut für Atmosphäre und Klima) eröffnet den Event „The New Swiss Climate Change Scenarios CH2011“ – wahrscheinlich eine der wichtigsten Schweizer Klimaveranstaltungen der letzten Jahre. Am Anfang heisst es in Englisch: „The climate of Switzerland is changing. The Swiss Climate Change Scenarios CH2011 provide a new assesment of how climate may change over the 21st century in Switzerland“. The authors of the report will present the most important results, provide information on the methodological background and answer questions.” Ja, der Anlass über die neuen Szenarien zur Klimaänderung in der Schweiz CH2011 findet auf Englisch statt – der Einfachheit halber. Der Röschti- und Polentagraben der Sprachen wird mit einer vierten Landessprache überbrückt. Für CH2011 haben unter der Federführung der ETH Zürich und der MeteoSchweiz verschiedene wissenschaftliche Institute der Schweiz zusammengearbeitet und die systematische und symbiotische Zusammenarbeit der Schweizer Klimaforschung erneut unterstrichen. Die Resultate sind präziser und differenzierter als im vorhergegangenen Schweizer Klimabericht CH2007.

Zukünftiges Schweizer Klima
Die neuen Szenarien zur Klimaänderung in der Schweiz wurden für drei verschiedene Regionen (Nordostschweiz, Westschweiz, Südschweiz) und für drei Zeitperioden (2035, 2060, 2085) gerechnet, wobei es sich beim Wert 2035 um ein 30-jähriges Mittel der Jahre 2020 bis 2049 handelt, bei 2060 um den Mittelwert der Jahre 2045 bis 2074 und bei 2085 um die Periode 2070 bis 2099. Im Laufe des 21. Jahrhunderts wird das Klima in der Schweiz signifikant vom heutigen und vergangenen Zustand abweichen. Die Mitteltemperaturen werden in allen Regionen und allen Jahreszeiten ansteigen. Die Winter dürften in der Nordostschweiz bis 2035 verglichen mit der Periode 1980 bis 2009 um 0,4 bis 2,1 Grad wärmer werden (rote Balken). Ein Durchschnittswinter wäre also bereits in rund 20 Jahren im Schnitt 2,4 Grad warm. Zum Vergleich: seit 1864 waren in der Schweiz lediglich zehn Winter mindestens so warm! Im Frühling sieht die Lage ähnlich aus. In den letzten rund 30 Jahren hat sich der Frühling um mehr als 1 Grad erwärmt. Bis 2035 kann mit einer zusätzlichen Erwärmung von 1 Grad gerechnet werden. Die Frühlinge sind in Zürich dann durchschnittlich 10 Grad mild, so warm waren in den letzten 150 Jahren lediglich acht! Im Sommer, wie auch im Winter, wird bis 2035 die stärkste Erwärmung berechnet, obschon sich der Sommer auch in den letzten 30 Jahren am stärksten aufgeheizt hat. Bis 2035 dürften die Sommer im Mittel 18,9 Grad warm sein. Wärmer waren seit Messbeginn lediglich vier Sommer, darunter natürlich der Hitzesommer 2003. Der Herbst hat sich in der Nordostschweiz bisher nur geringfügig erwärmt. So waren die Herbstmonate 1980 bis 2009 lediglich 0,4 Grad wärmer als jene der Jahre 1961 bis 1990. Bis ins Jahr 2035 dürften die Herbstmonate aber um 1,3 Grad wärmer werden verglichen mit der erstgenannten Periode. Erst drei Herbste waren zwischen 1864 und 2011 wärmer, als das, was uns 2035 erwartet! Bereits in der Periode 2020 bis 2049 wird das „neue Klima“ also deutlich vom bisher bekannten abweichen. Respektive: Die bisherigen Extrem-Jahreszeiten sind schon in 20 Jahren Norm! Es gibt da eine Ausnahme: der Hitzesommer 2003. Die genannten Erwärmungswerte wachsen in ihrer Amplitude, wenn wir weiter entfernte Perioden wie 2045 bis 2074 oder 2070 bis 2099 betrachten. Bis Ende Jahrhundert könnten die Sommer sogar 5,6 Grad wärmer werden. Erst dann wären Hitzesommer à la 2003 (4 Grad zu warm) Norm oder sogar zu kühl!
Gegen Ende des Jahrhunderts dürften die Sommerniederschläge in der ganzen Schweiz abnehmen (im Extremfall um 30 Prozent in der Nordschweiz und um 40 Prozent in der Südschweiz), wobei diese Abnahme nur in der Südschweiz durch ansteigende Niederschläge im Winter kompensiert wird. Auf der Alpennordseite gibt es weder im Winter, Frühling noch Herbst eindeutige Signale über Niederschlagsveränderungen. Die Niederschläge könnten leicht zunehmen oder auch leicht abnehmen.

Wir können etwas tun!
Gegen Ende des 21. Jahrhunderts wird das Schweizer Klima massgeblich durch den zukünftigen Verlauf des globalen Ausstosses von Treibhausgasen beeinflusst. Sogar mit einer Verminderung der globalen Treibhausgasemissionen um 50 Prozent bis 2050 in Bezug auf 1990 projizieren die Modelle eine weitere Erwärmung für die Schweiz von 1,4 Grad gegen Ende des Jahrhunderts (blaue Balken), dies entspricht dem bekannten 2-Grad-Ziel. Ohne Verminderung des globalen Treibhausgasausstosses wäre die Erwärmung zwei bis drei Mal so gross. Solche Folgerungen sind nur möglich, weil die CH2011-Berechnungen mit drei verschiedenen Emissionsszenarien gerechnet wurden. Es zeigt sich aber, dass die Klimaänderungen bis Ende des Jahrhunderts durch grosse Anstrengungen in den nächsten Jahrzehnten stark gedämpft werden könnten (Vergleich rote und blaue Balken). So ist es möglich, die Erwärmung der Wintermonate auf 1,3 Grad zu beschränken, wobei sie kurzfristig um 2060 1,4 Grad betragen würde. Die Sommermonate würden sich nur um 1,6 Grad erwärmen. Hitzesommer wie 2003 wären dann nicht die Norm! Auch die Niederschlagsveränderungen wären deutlich kleiner. Die oben bezifferten Veränderungen bis 2035 lassen sich aber nicht mehr verhindern, für das ist es heute bereits zu spät. Bei erheblichen Emissionsreduktionen der Treibhausgase könnte die Erwärmung ihr Maximum auf einem „verträglichen Niveau“ aber bereits Mitte des Jahrhunderts erreichen. Worauf warten wir noch?

CH2011

Werden Hitzesommer zur Norm? Es liegt in unseren Händen!