Schnee von gestern

Mit dem starken Anstieg der Schneefallgrenze sinkt die Anzahl Schneetage in Zürich drastisch. Der Januar bringt heute bereits 60 Prozent weniger Schneetage als noch vor drei Jahrzehnten. In Zukunft dürften es noch weniger sein.  

Der Januar 2019 hat die Schweiz in dreierlei Hinsicht zweigeteilt. So erlebten die Berglagen der Alpennordseite oberhalb von 1000 Meter den kältesten Jänner seit mehr als 30 Jahren, während das Tessin einen der mildesten Januarmonate seit Messbeginn registrierte. Auch bei der Niederschlagsverteilung gab es eine Zäsur. Während die Alpensüdseite mit Nordföhn häufig sonniges Winterwetter genoss und lediglich 10 bis 15 Prozent der üblichen Januarmengen erhielt, fielen am zentralen östlichen Alpennordhang mit Nordstau häufig intensive Schneefälle und St. Gallen erlebte beispielsweise einen der zehn niederschlagsreichsten Januarmonate seit Messbeginn 1866. Die dritte Zweiteilung der Schweiz im Januar lässt sich wie so oft im Winter mit dem Slogan „oben blau, unten grau“ beschreiben. Ausgesprochen sonnig war der Bergwinter im Januar allerdings auch nicht überall. Zumindest aber in der Woche vom 15. bis am 22. Januar verlief das Wetter vorwiegend hochdruckbestimmt, während im Flachland ab dem 19. Januar zäher Hochnebel lag.

Die Tage, an denen mindestens 5 Zentimeter Schnnee liegt, werden in Zürich immer seltener. Vor allem gegenüber der Periode 1961-1990 sind sie stark zurückgegangen.

Kalt aber schneearm

Der Passus „oben blau, unten grau“ sollte in der heutigen Zeit allerdings ergänzt werden. Treffender wäre: „oben blau und weiss, unten grau und grün“. Vor allem Mitte Januar brachte eine starke Nordwestströmung massiver Schneefall in den östlichen Alpen. In Mittelbünden summierte sich der Neuschnee auf bis zu 2 Meter 30 innerhalb von drei Tagen. Im Flachland – z.B. am Zürichberg – lag im Januar 2019 allerdings nie mehr als 11 Zentimeter Schnee. Der ganze Januar 2019 zählte am Zürichberg lediglich drei Tage, an denen 5 Zentimeter Schnee oder mehr lagen. Ganz im Flachland, in der Stadt Zürich, summierte sich der Schnee an keinem einzigen Tag auf 5 Zentimeter. Damit setzt der Januar 2019 den Trend hin zu schneearmen Flachlandwintern fort, und dies obwohl er heuer eigentlich genügend kalt und niederschlagsreich war.

Anstieg der Schneefallgrenze

In Zürich werden seit 1931 systematisch Schneedaten erhoben. In der 30-jährigen Periode von 1931 bis 1960 konnte der Zürichberg im Januar mit 11 Schneetagen mit mindestens 5 Zentimeter rechnen. In den darauffolgenden Jahrzehnten von 1961 bis 1990 erhöhte sich diese Marke sogar auf mehr als 12 Tage. Doch dann setzte die Kehrtwende ein und so bringen Januarmonate seither (1991 bis 2019) noch lediglich 5 Tage mit einer Schneedecke von mindestens 5 Zentimeter. Dies entspricht einem Rückgang der Schneetage um knapp 60 Prozent innerhalb von drei Jahrzehnten. Die Ursachensuche mündet rasch im kontinuierlichen Anstieg der Schneefall-, respektive der Nullgradgrenze. Lag die Nullgradgrenze Ende des 19. Jahrhunderts im Schweizer Winter noch bei 400 Meter über Meer, so lag sie in der Periode 1931 bis 1960 bereits bei 600 Meter und zwischen 1961-1990 bereits bei 700 Meter. Heute liegt die Nullgradgrenze im Winter im Durchschnitt bereits bei über 900 Meter. Der Anstieg der Schneefallgrenze zeigte sich auch im eigentlich kalten Januar eindrücklich. In Phasen intensiver Niederschläge, die vom Nordatlantik mit starken Nordwestwinden direkt an die Alpen geführt wurden, stieg die Schneefallgrenze rasch auf 1000 Meter an und arbeitete sich dann nur langsam auf 800, 600 Meter und erst bei bereits wieder abklingenden Niederschlägen bis ganz ins Flachland hinunter. Der grösste Teil des Niederschlags fiel in Zürich daher als Regen und eben nicht als Schnee.

Schneearme Winter

Der Januar ist beim Rückgang der Schneetage keine Ausnahme. Über das gesamte Winterhalbjahr (Oktober bis März) betrachtet, sind die Schneetage mit mindestens 5 Zentimeter Schnee in Zürich um 40 Prozent auf durchschnittlich noch 20 Schneetage zurückgegangen. Der stärkste Rückgang an Schneetagen erlitten die Monate Januar und März. Auch der Februar zählt heute knapp 30 Prozent weniger Schneetage als noch vor 30 Jahren. Auch Schneefälle im November und Dezember sind deutlich seltener als noch vor ein paar Jahrzehnten, allerdings zeigt sich hier ein spannendes Detail. In der Periode 1931-1960 waren Schneetage im November und Dezember noch seltener als heutzutage. In dieser Periode gab es im November praktisch keine Schneetage und auch im Dezember gab es im Durchschnitt lediglich 4 Schneetage in Zürich. Die Jahre von 1961 bis 1990 brachten dann diesen Monaten deutlich mehr Schnee, bevor der weitere Anstieg der Schneefallgrenze die Schneetage heutzutage wieder stark dezimiert.

Grüne Winter

Und was bringt die Zukunft? Die neuen Klimaszenarien der Schweiz CH2018 zeichnen ein düsteres Bild für den Flachlandwinter. Ohne griffigen globalen Klimaschutz reduzieren sich die Tage mit Neuschnee in Zürich gegenüber heute um über 30 Prozent bis Mitte Jahrhundert und um 60 Prozent bis Ende Jahrhundert. Während es heute noch 17 Tage mit Neuschnee sind, dürften es Mitte Jahrhundert entsprechend noch 12 und Ende Jahrhundert lediglich noch 7 Neuschneetage sein. Ein kleiner Lichtblick besteht: mit konsequentem Klimaschutz kann die heutige Anzahl Tage mit Neuschnee in Zürich bis Ende Jahrhundert fast erhalten bleiben.   

Schnee von gestern

Kommt die Russische Kältepeitsche wirklich?

Bereits Mitte Oktober will die Boulevardpresse wissen wie der kommende Winter wird. Fachkundige Auskünfte werden dabei zu peitschenden Schlagzeilen gestutzt. 

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Verlauf der Wintertemperaturen in Zürich. Abweichung von der Referenzperiode 1981-2010. Sehr kalte Winter gibt es in jüngster Vergangenheit nicht mehr.

Der klimatologische Winter dauert vom 1. Dezember bis zum 28. Februar – hat also drei Wintermonate. In den letzten vier Jahren war mindestens einer dieser Wintermonate zu kalt. Zwischen 1981 und 2010 war der Dezember in Zürich im Schnitt 1,4 Grad. Der Januar 0,3 und der Februar 1,3 Grad. Sehr kalte Wintermonate gab es in den letzten 30 Jahren nicht mehr. Am kältesten war es seither im Januar 1985 mit -5,4 Grad im Schnitt. Doch auch im Februar 2011 war es mit durchschnittlich -3,5 Grad frostig. Der Winter 2006/2007 war hingegen der wärmste seit mindestens 150 Jahren. Im Januar und Februar war es damals im Schnitt knapp 5 Grad warm.

Was macht der Westwind?
In der Schweiz gibt es nicht jedes Jahr idyllisches Winterwetter mit Eis und Schnee. Häufig ist es auch windig und regnerisch oder hochnebelverhangen. Entscheidend dafür ist die Nordatlantische Oszillation – die Westwindzirkulation, welche verschiedene Moden annehmen kann. Bricht die Westwindzirkulation zusammen, kann kalte Luft aus Sibirien bis nach Mitteleuropa vordringen und ganz Mitteleuropa erlebt einen frostig kalten Winter. Strömt die Luft gleichzeitig über den Nordostatlantik oder die Nordsee, kommt es zu starkem Schneefall. Sobald aber die Westwinde aufleben, wird sehr milde Luft nach Mitteleuropa geführt. Anstatt Schnee fällt dann Regen.
Die letzten Winter waren eher von einer schwachen Westströmung geprägt. Immer wieder konnte in den letzten Winter beobachtet werden, dass die Nordatlantische Oszillation zusammen bricht. Die dadurch einfliessenden, sibirischen Luftmassen sorgten teilweise für wochenlange Kältewellen, wie es die Schweiz letzten Februar erlebte. Im Winter 2010/11 beispielsweise erwachte die West-Zirkulation nach einem frostigen Dezember im Januar und beendete den Flachland-Winter frühzeitig. Im letzten Winter (2011/12) schlug der Winter nach einem sehr milden Frühwinter erst im Februar, aber mit grosser Wucht zu.
Wie in den letzten Jahren ist es deshalb gut möglich, dass mindestens ein Wintermonat zu kalt ausfällt. Einzelne markante Kältewellen sind durchaus zu erwarten, da die Nordatlantische Oszillation eher schwach bleibt. Insgesamt könnte der Winter 2012/13 dann aber trotzdem zu mild ausfallen, also ähnlich wie wir das aus den letzten Jahren kennen. Das zeigen auch aktuelle Prognosen des MetOffice, welche mit eher kaltem Winterwetter rechnen, verglichen mit den letzten 30 Jahren. Das heisst aber nicht, dass Europa von Eiswintern heimgesucht wird. Mit einer Seegfrörni des Zürichsees ist also sicher nicht zu rechnen. Sehr kalte Winter gehen mit Gefriervorgängen im Süsswasser einher. Ein Mass für die Seegfrörni ist die Summe der täglichen negativen Abweichung von 0°C, welche als Kältesumme bezeichnet wird. Der Zürichsee benötigt für eine vollständige Eisbedeckung die Kältesumme von mindestens 300°C, für jene des Bodensees ist eine solche von 380°C erforderlich. Im Winter 2009/10 wurde eine Kältesumme von 200, ein Jahr später eine von nur 150 und vor einem Jahr von rund 170°C gemessen. Von einer Seegfrörni war Zürich also jedes Mal weit entfernt. In allen belegten Fällen, als der Zürichsee für Fussgänger tragbar war, sind zwei nach heutigem Massstab sehr kalte Monate vorangegangen. Bei längeren Kältewellen haben sich auch der Neuenburgersee und dann der Thunersee sowie sogar der Vierwaldstättersee vollständig mit Eis überzogen.
Die Flaute des Westwindes, also das Defizit von warmer Atlantikluft, in den letzten Wintermonaten erlaubt auch keine eindeutige Aussage über die Verhältnisse des kommenden Winters. Ziehen die Westwinde unerwartet an, gibt es folglich einen sehr milden Winter.

Der erster Schnee
Zu einem richtigen Winter gehört Schnee. Der „normale“ Termin für den ersten Schnee in Zürich ist denn auch der 22. November! Jedes dritte Jahr fällt das himmlische Weiss vor dem 12. November zum ersten Mal. Im Schnitt alle drei Jahre gibt es die ersten Flocken aber erst nach dem 2. Dezember. 2011 erleben wir also wieder ein Jahr mit spätem ersten Schnee. Über die ganze Wintersaison betrachtet, ist auf dem Zürichberg mit rund 40 Tagen mit mindestens einem Zentimeter Schnee zu rechnen. An knapp 25 Tagen gibt es im langjährigen Mittel messbare Schneefälle in der Limmatstadt.
Mit solch ausführlichen Informationen werden die Schweizer Gratistageszeitung auf Wunsch bereits Mitte Oktober beliefert. Das ganze wird dann aber höchst „journalistisch“ auf wenige Worte geschröpft. Und oben am Artikel erscheint der Titel: “Im Winter erwartet uns die russische Kältepeitsche.“

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Termin des ersten Schnees der Saison in Zürich (Zürichberg); Daten: MeteoSchweiz.

Kommt die Russische Kältepeitsche wirklich?