Megadürre

Seit Februar sind nur unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen gefallen. Das Regendefizit ist gravierender als in den letzten Hitzesommern 2003 und 2015. Die Schweiz erlebt eine Dürre wie seit 70 Jahren nicht mehr.

Die teils anhaltenden Regengüsse vom 27.-29. Oktober waren die ersten nennenswerten seit dem 1. Oktober. Seither ist es wieder trocken. Auch im November gab es auf der Alpennordseite kaum nennenswerte Niederschläge. So erstaunt es kaum, dass auch der Oktober und November als zu trocken in die Wetterannalen eingeht, mit verbreitet nur der Hälfte der sonst üblichen Regenmengen. Die aussergewöhnliche Niederschlagssituation in der Schweiz hält damit an. Der November war bereits der zehnte zu trockene Monat in Folge. Letztmals mehr Niederschlag als im langjährigen Mittel gab es innert Monatsfrist im Januar 2018. Das Niederschlagsdefizit 2018 hat sich zu einer ausgeprägten Trockenheit – einer Dürre entwickelt. In Zürich fehlen die Regenmengen von mehr als drei typischen Sommermonaten.

Langjähriger Verlauf der Niederschlagssumme Februar bis Oktober in Zürich. Dargestellt ist das Verhältnis zur Norm 1981?2010. Die blauen Säulen zeigen überdurchschnittliche, die braunen unterdurchschnittliche Mengen. Aktuell erlebt Zürich die stärkste Dürre seit 1949.

Niedrigwasser

Symptomatisch für das grosse Niederschlagsdefizit sind die Abflüsse praktisch aller Fliessgewässer in fast der ganzen Schweiz deutlich unterdurchschnittlich, so dass im Jura, in den westlichen Voralpen und in weiten Teilen des Mittellandes eine Niedrigwassersituation vorherrscht. Nicht nur bei kleinen und mittelgrossen Flüssen werden für die Jahreszeit sehr tiefe Abflüsse beobachtet. Selbst die Aare unterhalb des Bielersees, der Alpenrhein oder der Hochrhein weisen deutlich unterdurchschnittliche Wasserstände auf. Hier liegen die Abflussmengen zurzeit nahe bei den langjährigen saisonalen Tiefstständen.

Auch die Böden präsentieren sich flächendeckend ausgetrocknet und die Seen weisen teils aussergewöhnlich tiefe Pegel für die Jahreszeit auf. Am Greifen- und Lauerzersee wurden im August so tiefe Pegelstände verzeichnet, wie sie seit Messbeginn noch nie beobachtet wurden. Auch am Zürichsee wurde Ende Oktober beispielsweise der niedrigste Wasserstand für diese Jahreszeit seit 1951 gemessen.

 

Sinkende Grundwasserstände

Infolge der unterdurchschnittlichen Niederschlagsmengen seit Februar gingen auch die Grundwasserstände und Quellabflüsse stark zurück. Für die tägliche Trinkwasserversorgung sind die Grundwasserbestände am relevantesten. Inklusive Quellwasser wird daraus rund 80 Prozent des Trinkwassers gewonnen. Glücklicherweise ist die Versorgung aber weiterhin gesichert. Am problematischsten ist die Lage derzeit für diejenigen Gemeinden, die ihr Trinkwasser hauptsächlich aus Quellen gewinnen, denn diese reagieren deutlich schneller auf Trockenheit. Bis Ende Oktober herrschte zudem in praktisch der ganzen Schweiz aufgrund der trockenen Wälder erhebliche bis grosse Waldbrandgefahr.

 

Noch sind die Auswirkungen der Dürre 2018 nur vereinzelt einschneidend. So klagen die Rheinhäfen in Basel, dass viele Reedereien ihren Betrieb wegen des niedrigen Wasserstandes eingestellt haben. Am Mittelrhein ist der Pegel so tief, dass keine kommerzielle Schifffahrt mehr möglich ist. Zu erwarten ist auch, dass die Schweizer Stromproduzenten aufgrund der Niedrigwassersituation weniger Strom aus Laufwasserkraft produzieren können. Die Bauern melden eine ungewöhnlich schlechte Futterernte, so dass Heu als Futtermittel knapp und teuer wird. Aufgrund der hohen Kosten reduzieren die Bauern ihre Rindviehbestände durch Schlachtungen. Verschiedene Behörden liessen zudem Brunnen abstellen oder verboten die Wassernutzung für Garten oder Swimmingpool. Hält die Trockenheit weitere Monate an, werden die Auswirkungen gravierender werden.

 

Schlimmste Dürre seit 1949

Ein Blick in die Wetterdaten zeigt, dass es die Schweiz aktuell mit der grössten Dürre seit rund 70 Jahren zu tun hat. Seit Februar sind in Zürich lediglich zwei Drittel der üblichen Regenmengen gefallen. Letztmals weniger Niederschlag brachte die Periode Februar bis Oktober im Jahr 1949, als nur gerade die Hälfte der sonst üblichen Regenmengen gemessen werden konnte. In dieser Zeit folgten gleich mehrere Trockenjahre hintereinander. 1947 war ebenfalls eine Spur trockener als 2018 und im Jahr 1943 erlebte die Schweiz eine vergleichbare Dürre wie heuer. Auch in den Jahren 1911, 1920 und 1921 sowie 1864 und 1865 hatte die Schweiz mit Dürren zu kämpfen. Die Niederschläge erreichten zwischen Februar und Oktober lediglich 60-65% der üblichen Mengen, also ähnlich wie 2018. Es zeigt sich auch, dass in der Vergangenheit die Dürren sich häufig über mehrere Jahre erstreckten. Beispiele dafür sind die Ereignisse 1864/65, 1920/21 und vor allem 1943-1949.

 

Megadürre von 1540

Die Dürre 2018 in der Schweiz erreicht bisher ein Ausmass, wie es seit Mitte des 19. Jahrhunderts schon acht Mal aufgetreten ist. Viel intensivere Dürren sind seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen nicht bekannt. Klimageschichtliche Daten verweisen aber auf intensive Dürreperioden in den Jahren 1634, 1666, 1669 und 1718 und auf eine Megadürre im Jahr 1540. Aus Rekonstruktionen von Umwelthistoriker Christian Pfister geht hervor, dass 1540 nur ein Drittel des normalen Jahresniederschlages fiel – sprich die Hälfte der Regenmengen des aktuellen Dürrejahrs 2018. Es war die längste Dürre der letzten 700 Jahre. In Zürich gab es von Mitte März bis Ende September nur sechs Niederschlagsereignisse. Im ganzen Juli fiel damals kein Tropfen Regen. Die Auswirkungen waren gravierend: Das Trinkwasser für Mensch und Tier versiegte und die Mühlen standen wegen der tiefen Pegel still.

 

Wann sich die Lage der aktuellen Trockenheit wieder normalisieren wird, hängt von der Wetterentwicklung ab. Generell braucht es eine längere Phase mit regelmässigen, ergiebigen Niederschlägen, um ein Wasserdefizit in den Böden und im Grundwasser wieder auszugleichen, und damit sich die Abflussmengen in den Fliessgewässern wieder normalisieren. Im langjährigen Vergleich weisen die Abflüsse im Spätherbst und Winter generell sinkende Tendenz auf, wodurch sich die Niedrigwassersituation weiter verschärfen könnte.

Megadürre