Das ist die “Juli-Baisse”

Empfindlich kühle Luft liegt über Mitteleuropa. Gestern, am 8. Juli, lagen die Höchstwerte in zürich um 15 Grad. Auch am 9. und 10. Juli wird es kaum wärmer. Dazu ist es trüb und regnerisch. Der Sommer macht Pause. Doch wie ungewöhnlich ist ein solch trüber und kühler Julistart eigentlich? 

Kälterückfälle gehören seit eh und je zum mitteleuropäischen Frühsommer und werden seit langer Zeit beobachtet. Im Volksmund wird ein Kaltlufteinbruch im Juni mit der Schafskälte in Verbindung gebracht. Diese bezeichnet einen Witterungsregelfall, welcher Mitte Juni, zur Zeit der Schafschur, nasskaltes Wetter aus Nordwesten bringt. Ein Witterungsregelfall, auch Singularität genannt, ist eine deutliche Abweichung vom klimatischen Jahresgang, welche regelmässig zu bestimmten Kalendertagen auftritt. Deshalb ist sie auch im Durchschnitt der langjährigen Messreihe nachweisbar.

Trübe und kühle Tage im Juli hingegen sind im Volksgedächtnis nicht vorhanden, obwohl  Kälterückfälle in der ersten Julihälfte in den letzten 30 Jahren sehr häufig beobachtet wurden. Es handelt sich um eine “Julitrübe” oder “Juli-Baisse”. Um die Juli-Baisse nachzuweisen, werfen wir einen Blick auf das Mittel der Tageshöchsttemperaturen in Zürich. Da an regnerischen, trüben Sommertagen vor allem die Nachmittagstemperaturen gedämpft werden, müsste in dieser Reihe die Juli-Baisse am besten ersichtlich sein. Tatsächlich ist zwischen 1987 und 2007  die Juli-Baisse deutlich nachweisbar (siehe Grafik).

sommerverlauf

Juli-Baisse

In früheren Jahren, wie auch heutzutage ist zwischen Ende Juni und anfangs Juli regelmässig mit sehr hohen Temperaturen zu rechnen. Diese Hitze wird dann aber häufig von einem erneuten, schwächeren Temperaturrückgang in der ersten Julidekade beendet, bevor sich der Hochsommer ab Mitte Juli endgültig durchsetzt. Während diese Juli-Baisse zwischen 1901 und 1960 nur schwach ausgeprägt war, gehört sie heutzutage zum Sommermuster. So müssen wir zwischen dem 2. und dem 11. Juli häufig mit einer spürbaren Abkühlung rechnen. Während die Schafskälte im Zuge der Klimaänderung verschwand, konnte sich die Juli-Baisse etablieren.

Hält sich der Sommer an den Fahrplan, soll es schon bald Hochsommer werden!

 

 

Das ist die “Juli-Baisse”

Der Sommer 2011 findet statt – nur nicht in Mitteleuropa

Mit dem kühlsten Juli seit 2000 ist der Sommer in der Schweiz in weite Ferne gerückt. Auch andere Gebiete in West- und Mitteleuropa erleben bisher einen zu kühlen Sommer. Im Norden und Osten unseres Kontinents war es hingegen deutlich zu warm.

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Auch 1993 machte die Temperaturkurve im Sommer eine V-Bewegung und war im Juni hoch, im Juli dann tief und im August wieder hoch.

Der Juli 2011 begann mit aussergewöhnlich kühlen Nächten. So wurden am Morgen des 3. Julis auf dem Zürichberg nur gerade 8,0 Grad gemessen. Eisig kalt war es mit minus 1,9 Grad in Samedan im Oberengadin. Bereits am 5. Juli lagen die Höchstwerte aber wieder im hochsommerlichen Bereich von 25 bis 30 Grad. Die trockene und sonnige Phase war aber nicht von langer Dauer, so setzte sich vom 7. bis 13. Juli mit südwestlicher Strömung eine schwüle und immer wärmere Periode in Gang. Am 12. Juli wurde auf dem Zürichberg mit 30,5 Grad der höchste Juliwert gemessen. Begleitet wurde das schwül-heisse Wetter von lokal sehr heftigen Unwettern mit Orkanböen und Hagelschlag, welche auf der Alpennordseite Schäden in dreistelliger Millionenhöhe verursachten. Der Zürichberg wurde glücklicherweise nicht von heftigen Gewittern heimgesucht. Am 14. Juli setzte dann eine markante Abkühlung ein, von welcher sich das Temperaturniveau bis zum Monatsende nicht erholte. Tiefer Luftdruck über der Nordsee und Osteuropa liess kühle und feuchte Polarluft schwallartig an die Alpen fliessen. Trübes und regnerisches Wetter stellte sich bis am 23. Juli ein. Die Tageshöchstwerte erreichten kaum noch 20 Grad. Erst in der letzten Juliwoche wurde es wieder freundlicher, doch die Sommermarke von 25 Grad blieb weiterhin unangetastet. Mit durchschnittlich 16,5 Grad auf dem Zürichberg war der Juli verglichen mit dem Referenzwert der Jahre 1961 bis 1990 um 1,1 Grad unterkühlt. Es wurden sieben Sommertage mit mehr als 25 Grad und lediglich ein Hitzetag mit über 30 Grad registriert. Normalerweise werden in Zürich im Juli 11 bis 14 Sommertage und 2 bis 3 Hitzetage beobachtet. Auch die Niederschlagsmengen waren mit knapp 200 Liter deutlich überdurchschnittlich. Lediglich die Sonnenscheindauer erreichte mit rund 210 Stunden normale Werte. Der Vormonat Juni war da noch deutlich sommerlicher. Mit gemittelt 16,8 Grad war er sogar wärmer als der vergangene Juli, was letztmals 2003 der Fall war. Verglichen mit dem Referenzwert der Jahre 1961 bis 1990 ist der bisherige Sommer (Juni und Juli) sogar um 0,3 Grad zu warm.

Westeuropa zu kühl
Der Vergleich mit einem aktuelleren Klimareferenzwert sieht da aber anders aus: Gegenüber dem Mittel der Jahre 1981 bis 2010 ist der Sommer bisher nämlich rund 1 Grad zu kalt. Nicht nur der Alpenraum erlebt bisher aber einen zu kühlen Sommer. Noch grösser ist das Wärmedefizit heuer in den Pyrenäen, wo es seit anfangs Juni rund 2 Grad zu kalt ist. Die unterkühlte Zone erstreckt sich von Nordspanien über den Golf von Biskaya, die Pyrenäen und von Südfrankreich bis in den Nordosten Frankreichs. Die Schweiz und Deutschland liegen nur am Rande der „kalten Zone“. Ebenfalls leicht unterkühlt sind die die Britischen Inseln sowie Norditalien. Der übrige Mittelmeerraum erlebt durchschnittliche Temperaturen. Deutlich überdurchschnittlich sind die bisherigen Sommertemperaturen im Osten und Norden Europas. Skandinavien und Russland erleben erneut einen Hitzesommer, wobei Hitze im Norden Skandinaviens etwas übertrieben ist. Obwohl der Sommer im Norden Schwedens bisher mehr als 3 Grad zu warm ist, bewegen sich die durchschnittlichen Temperaturen bei 14 bis 15 Grad. Trotzdem wurden nördlich des Polarkreises Hitzetage mit über 30 Grad gemessen. In Westrussland war vor allem der Juli wie bereits letztes Jahr deutlich zu warm. Mit durchschnittlich 22 Grad war es rund 2,5 Grad zu warm und wärmer als dieses Jahr in Südfrankreich.

Gibt es einen „V-Sommer?“
Nach dem kühlen Juli interessiert uns, wie der August ausfällt. Nach einem hochsommerlichen Start wurde es wieder unbeständig. Startet der Sommer in der zweiten Augusthälfte nochmals richtig durch? Ein Blick in die Annalen zeigt, als letztmals der Juni wärmer als der Juli war und letzterer unterkühlt, kam der Sommer im August zurück. Das war im Jahr 2000, als der August nach einem sehr kühlen Juli (15,7 Grad) mit 18,8 Grad nochmals hochsommerlich warm daher kam. Auch 1993 machte die Temperaturkurve im Sommer eine V-Bewegung und war im Juni hoch, im Juli dann tief und im August wieder hoch. Insgesamt gab es in den letzten rund 150 Jahren 19 Fälle, wo der Juni warm und der darauffolgende Juli dann kalt ausfielen. Nur viermal folgte im Anschluss ein warmer August. Neben 2000 und 1993 auch noch in den Jahren 1875 und 1877. Ansonsten folgte 15 Mal auf den kühlen Juli ebenfalls auch ein kühler August. So gesehen besteht nur eine rund 20-prozentige Chance auf einen zu warmen August, also auf einen „V-Sommer“.

Der Sommer 2011 findet statt – nur nicht in Mitteleuropa