Mal ganz persönlich: Bin ich ein schlechter Weltbürger?

„Wie gross ist Ihr CO2-footprint?“ Als Student der ETH Zürich, wohnhaft in der Stadt, ohne Auto aber mit Reiselust, liegt meiner bei 7,2 Tonnen CO2 pro Jahr. Obwohl ich pflichtbewusst saisonale und bevorzugt biologisch angebaute Produkte kaufe, ist meine Bilanz nicht viel besser als der Schweizer Durchschnitt. Auf „footprint.ch“ verrät ein ausführlicher Fragebogen, in welchen Bereichen des Lebens welche Mengen an Kohlendioxid emittiert werden. So gehören gut 2 Tonnen CO2 bei mir in die Kategorie „Wohnen“, eine weitere Tonne in den Bereich „Ernährung“. Zweimal erhalte ich dafür das Prädikat „gut“. Nur im Zweig „Mobilität“ stösst mein Verhalten pro Jahr mehr als 4 Tonnen Treibhausgase aus und ist damit ungenügend. Nur selten benutze ich das Auto meiner Eltern, ansonsten reise ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Dieses Verhalten ist ja wirklich nicht fehlerhaft, oder? Meine Achillesferse ist wohl die Reiselust. Im Schnitt beanspruche ich einen Flug pro Jahr. Erst im Januar besuchte ich eine Kommilitonin in Indonesien und war als Wettermann erstmals in meinem Leben in der ITC, der innertropischen Konvergenzzone, also dort wo Gewitter entstehen, wo man das Naturschauspiel miterleben kann. Ein solcher Flug pro Jahr reicht aus, um seinen CO2-Fussabdruck über 7 Tonnen zu hieven und damit ein schlechter Erdbürger zu sein. Denn längerfristig, bis spätestens ins Jahr 2100, ist nur ein CO2-Fussabdruck von einer einzigen Tonne vertretbar.

kaya

USA: 24 Tonnen pro Kopf
Verglichen mit anderen Mitbewohnern dieser Erde sind wir in der Schweiz “heilig“. So stösst jeder Amerikaner im Schnitt 24,3 Tonnen CO2 pro Jahr aus. Also rund drei Mal so viel wie ein Schweizer. Auch unsere Nachbarn in Deutschland (12,1) und Österreich (11,4) schneiden schlechter ab. In China sorgt die weit geöffnete Fortschritts-Schere für ein kaschiertes Bild. So emittiert ein Chinese im Schnitt lediglich 3,1 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Der durchschnittliche Inder kommt auf 1,9 Tonnen pro Jahr. Der Mittelwert des Weltbürgers liegt bei rund 4 Tonnen. Diese Zahlen verändern sich aber rapide, denn mit dem ungeheuren Wirtschaftswachstum und dem zunehmendem Wohlstand steigen auch die Pro-Kopf-CO2-Ausstösse in China und Indien. Da die Emissionen auch in den westlichen Ländern nicht rückläufig sind, sondern grösstenteils weiter ansteigen, liegt der CO2-Gehalt der Atmosphäre heute auf Rekordniveau! Das wichtigste, anthropogene Treibhausgas ist heute schon in einer Konzentration von über 390 ppm (Teilchen pro Million Luftteilchen) vorhanden. Vor zehn Jahren waren es noch 370 ppm und bereits ab einer Konzentration von ca. 450 ppm ist das von der Weltgemeinschaft formulierte 2-Grad-Ziel kaum noch denkbar. Viel Zeit, um meine und Ihre Treibhausgas-Emissionen drastisch zu reduzieren, bleibt also nicht mehr. Doch genau dies ist nötig, wollen wir unser Weltklima in einem stabilen Zustand halten.

Kaya-Formel
Die globalen Emissionsziele können nur erreicht werden und das Klima kann nur stabilisiert werden, wenn ich meinen Kohlendioxid-Ausstoss um mehr als sechs Tonnen reduziere. Das klingt absurd, will ich doch nicht auf meinen Wohlstand verzichten und auch in Zukunft manchmal das Auto meiner Eltern ausleihen und ein paar Mal in der Woche Fleisch konsumieren. Doch sind unsere CO2-Emissionen tatsächlich vom Wohlstand abhängig und falls ja können wir daran etwas ändern?
Die Kaya-Formel zeigt, dass die Pro-Kopf-Treibhausgas-Emissionen ein Produkt aus vier Faktoren ist: der Populationsgrösse der Weltgemeinschaft, des Pro-Kopf-Einkommens (Wohlstand), der Energieeffizienz (Energie pro Wohlstand) und der CO2-Intensität der Energie. Alle vier Faktoren tragen ihren Anteil zu den Emissionen bei, jeder Faktor kann aber auch zur Reduktion beitragen. Der erste Faktor Bevölkerungsgrösse lässt wenig Spielraum frei. Das rapide Wachstum der Weltgemeinschaft sorgt dafür, dass wir bis Mitte Jahrhundert rund 10 Milliarden Menschen sein werden. Der zweite Faktor ist eine heikle Sache. Die westliche Welt will nicht auf den Wohlstand verzichten und wird es auch in den nächsten Jahrzehnten nicht tun. Und die aufstrebenden Nationen streben „endlich“ nach Wohlstand. Schnell wird klar, dass die ersten zwei Faktoren der Kaya-Formel die CO2-Emissionen in Zukunft weiter ansteigen lassen. Die Energieeffizienz und die CO2-Intensität müssen also das zukünftige Wachstum in Bevölkerung und Wohlstand kompensieren und gleichzeitig die gesamten Emissionen vom heutigen schon zu hohen Stand um einen Faktor Vier reduzieren! Eine Monsteraufgabe. Das erste Zauberwort heisst „Energieeffizienz“ und bedeutet „gleicher Input und mehr Output“ oder „weniger Input und gleicher Output“. Also das Prinzip der Stromsparlampe. Oder auch die Energieform, die wir nutzen. So ist elektrische Energie viel effizienter als thermische oder mechanische Energie. Die zweite Lösung zu weniger Emissionen ist „CO2-Intensität“. Also wie viel CO2 wird verbraucht, um eine bestimmte Menge Energie zur Verfügung zu stellen. Es ist nahe liegend, dass Wasserkraftwerke oder Solarzellen viel weniger CO2 verursachen, um Energie herzustellen, als Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerke! Das gleiche gilt für die Zentralheizung in unserem Wohnhaus. Viel weniger CO2-intensiv wäre Geothermie oder Solarthermie.
Tatsächlich wirken diese zwei Faktoren schon heute gegen einen noch grösseren Treibhausgas-Zuwachs. Viele Technologien sind auch schon genug effizient für strenge Reduktionsziele, sie werden einfach nicht eingesetzt. Zudem wird noch zu häufig auf eine CO2-intesive Energieproduktion gesetzt. Lösungen wären schon viele vorhanden, die Umsetzung bleibt die grosse Herausforderung.
Beginnen Sie mit einer persönlichen CO2-Bilanz und lassen Sie sich Ihre Emissionen online berechnen. Dann haben Sie auf die Frage: „Wie gross ist Ihr CO2-footprint?“ auch eine Antwort.

Mal ganz persönlich: Bin ich ein schlechter Weltbürger?