Wird 2018 das wärmste Wetterjahr seit Messbeginn?

Das Wetterjahr 2018 ist auf bestem Weg in Richtung wärmstes Jahr seit Messbeginn. In ganz Mitteleuropa und auch in Zürich sieht es nach einem neuen Wärmerekord aus – je nachdem wie das Witterungsjahr zu Ende geht. Vier Szenarien zeigen auf, was bis Ende Jahr möglich ist.   

 

Es ist eigentlich eine logische Abfolge: nach dem Altweibersommer im September und dem goldenen Oktober folgt nun der Martinisommer, oder auch Martinssommer genannt. Dieser gehört zu den meteorologischen Singularitäten und beschreibt eine typische Schönwetterperiode rund um den Martinstag (11. November). Untypisch an diesem Jahr ist die ausserordentliche Beständigkeit der warmen und mehrheitlich heiteren Wetterlagen. So war der diesjährige Übergang vom Altweibersommer zum goldenen Oktober und weiter zum Martinisommer praktisch nahtlos. Kühle Tage sind krasse Einzelfälle, kalte Perioden traten überhaupt nie auf. Entsprechend überrascht es nicht, dass Europa den wärmsten September und den viertwärmsten Oktober seit Messbeginn erlebte. In Zürich war die Temperaturanomalie in den letzten zwei Monaten etwas weniger stark ausgeprägt. September und Oktober verpassen die Top 10 der wärmsten jeweils knapp, wie Daten von MeteoSchweiz zeigen. In Europa ist auch der November ausgesprochen mild gestartet und auch in Zürich hat sich der Wärmeüberschuss seit Anfang November akzentuiert. So gehört die erste Novemberhälfte 2018 zu den zehn wärmsten seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Noch ein gutes Stück wärmer als heuer waren nur die ersten Novemberhälften der Jahre 2015, 2010 und 1977.

Die Temperaturreihe von Zürich seit Messbeginn 1864. Vier Szenarien zeigen, wo sich das Jahr 2018 einreihen könnte. Ein neuer Wärmerekord ist sehr wahrscheinlich. Daten: MeteoSchweiz.

Neuer Wärmerekord 2018?

Mit der milden ersten Novemberhälfte 2018 ist das Wetterjahr 2018 auf direktem Weg in Richtung wärmstes Jahr seit Messbeginn vor mehr als 150 Jahren. Schweizweit, aber auch in Frankreich und Deutschland wurden seit Jahresbeginn noch nie so hohe Temperaturen gemessen wie 2018. In Zürich distanziert 2018 das bisherige Rekordjahr 2014 bis anhin mit einem Überschuss von sechs Zehntel Grad mehr als deutlich. Ist das neuste wärmste Jahr damit garantiert? Was müsste geschehen, dass 2018 doch nicht den Wärme-Thron besteigen wird? Vier Szenarien zeigen, was Zürich bis Ende Jahr blühen kann.

 

Szenario „tiefgefroren“

Mitte November kommt der markante Wetterumschwung. Zuerst wird mit einer Nordwestströmung kalt-feuchte Schneeluft aus dem Nordmeer an die Alpen geführt. Schnee fällt bis in die Niederungen und es bildet sich eine geschlossene Schneedecke. In der Folge baut sich über Skandinavien ein blockierendes Hochdruckgebiet auf, welches im Alpenraum eine Bisenlage einleitet. Aus Nordosteuropa wird eisigkalte Luft herangeführt und trocken-kaltes Winterwetter setzt sich durch. Die Temperaturen verharren im Dezember häufig ganztags unter dem Gefrierpunkt und in den klaren Nächten gibt es scharfen Frost. Die zweite Novemberhälfte gehört mit einer Durchschnittstemperatur von -1.8 Grad zu den zehn kältesten seit Messbeginn. Mit eisigen -5 Grad im Mittel erlebt Zürich den kältesten Dezember seit über 120 Jahren.

Das Szenario „tiefgefroren“ vereitelt den neuen Wärmerekord. Mit einer Durchschnittstemperatur von 10,2 Grad würde 2018 trotzdem noch den achten Platz der wärmsten Jahre seit 1864 belegen. Die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Szenarios ist sehr gering.

 

Szenario „winterlich“

Auch im Szenario „winterlich“ stellt sich Mitte November die Grosswetterlage um. Wie aus den Jahren 2013, 2010 und 2005 bekannt, stellt sich in der zweiten Novemberhälfte eine frühwinterliche Wetterlage ein mit Schnee bis in die Niederungen. Mit anhaltender Nord- bis Nordwestströmung wird kalt-feuchte Luft in den Alpenraum geführt. Die zweite Novemberhälfte 2018 gehört mit durchschnittlich einem Grad zu den kältesten seit 1999. Auch im Dezember hält die Zufuhr kalt-feuchter Luft an. Ähnlich wie im Jahr 2010 wird die Schweiz von drei Kaltluftvorstössen erfasst, mit Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt und ergiebigen Schneefällen. Zwischendurch bäumt sich für wenige Tage der Westwind auf und bringt deutlich mildere Temperaturen und Tauwetter – unter anderem zu Weihnachten. Mit durchschnittlich -0,8 Grad ist der Dezember 2018 zusammen mit den Dezembern 2010 und 1996 der kälteste seit 42 Jahren.

Selbst im Szenario „winterlich“ würde es dem Jahr 2018 zu einem neuen Wärmerekord am Zürichberg reichen. Mit 10,6 Grad wäre 2018 aber gleich warm wie das bisherige Rekordjahr 2014. Das Szenario „winterlich“ ist eher unwahrscheinlich.

 

Szenario „durchschnittlich“

Die grosse Wärme, welche seit Mitte März die Witterung in Mitteleuropa dominiert, weicht langsam, und die Temperaturen orientieren sich wieder am langjährigen Durchschnitt. Sie bewegen sich demzufolge in der zweiten Novemberhälfte um 2,5 Grad – Wintervorboten mit Schnee bis in die Niederungen gehören folglich dazu. Der Winter hält aber auch im Dezember nicht nachhaltig Einzug. Mit einer Mitteltemperatur von 1,5 Grad ist der letzte Monat des Jahres zwar etwas milder als im Vorjahr, verglichen mit den Dezembern seit 2010 aber sogar eher kalt. Neben winterlichen Phasen mit Schnee gibt es auch milde Westlagen mit Wind und Regen.

Im Szenario „durchschnittlich“ wird 2018 Zürich deutlich zum wärmsten Jahr seit Messbeginn. Mit durchschnittlich 10,9 Grad wird der alte Rekord aus 2014 um drei Zehntelgrad übertroffen. Dieses Szenario ist das wahrscheinlichste.

 

Szenario „frühlingshaft“

Der Name dieses Szenarios könnte auch lauten „weiter wie bisher“. Sprich: die Verhältnisse mit überdurchschnittlichen Temperaturen halten weiter an. Die zweite Novemberhälfte ist so warm wie das Mittel der zehn wärmsten (6,6 Grad) und damit geht der ganze November als der drittwärmste in die Wetterannalen ein. Auch im Dezember findet der Winter seinen Anfang nicht. Südwestlagen bringen sehr milde und zeitweise feuchte Luftmassen in den Alpenraum. Die Nächte sind häufig bedeckt und häufig frostfrei. Mit 4,1 Grad ist der Dezember annähernd so warm wie der Dezember 2015 und gehört zu den fünfwärmsten seit Messbeginn im Jahr 1864.

Im Szenario „frühlingshaft“ erreicht das Wetterjahr 2018 in Zürich eine Mitteltemperatur von 11,3 Grad. Damit wird das bisherige Rekordjahr 2014 in die Schranken verwiesen. Zum Vergleich: solche Durchschnittswerte werden normalerweise in der Magadinoebene im Tessin erwartet. Das Szenario „frühlingshaft“ ist eher unwahrscheinlich – aber was ist 2018 nicht alles möglich?

Wird 2018 das wärmste Wetterjahr seit Messbeginn?

Jahrhundert-Martinisommer und anhaltende Trockenheit

Mitteleuropa erlebte einen noch nie dagewesenen Martinisommer. Eine herbstliche Hitzewelle liess die Temperaturen in Mitteleuropa und in der Schweiz so hoch steigen wie nie zuvor in dieser Jahreszeit. Gleichzeitig verschärfte sich die Trockenheit.

Ein markanter Wetterumschwung am 21. November beendete einen bis dahin rekordverdächtig milden November. Die erste Novemberhälfte war in Mitteleuropa und in der Schweiz geprägt durch aussergewöhnlich hohe Temperaturen. Die extremsten Abweichungen zum langjährigen Referenzwert der Jahre 1981-2010 wurden mit 6 bis 8 Grad zu warmen Temperaturen in den Berglagen und auf den Hügelzügen beobachtet. So waren die durchschnittlichen Temperaturen in der Stadt Zürich rund 4 Grad, auf dem Zürichberg knapp 5 Grad und auf dem Hörnli 7 Grad übertemperiert. Eingesetzt hat diese herbstliche Hitzewelle bereits im letzten Oktoberdrittel. Zwischen dem 21. Oktober und dem 20. November erlebte Mitteleuropa heuer einen Martini-sommer, der alle Rekorde sprengt. Diese 4-wöchige Hitzeperiode mitten im Herbst kann nur durch Superlative beschrieben werden: es war ein Jahrhundert-Martinisommer. Ein Blick in die Wetterbücher bestätigt den Befund. Noch nie seit mindestens 1901 war die Periode vom 21. Oktober bis 20. November so warm. Verglichen mit dem langjährigen Durchschnitt 1981-2010 waren die Temperaturen 3,2 Grad übertemperiert. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 2006 wurde gleich um einige Zehntelsgrade überboten. Noch eindeutiger zeigt sich der ausgezeichnete Martinisommer in der Höhe, wo beispielsweise auf dem Jungfraujoch oder in Samedan neue Allzeit-November-Höchstwerte gemessen wurden. In beiden Fällen handelt es sich um sehr lange Messreihen mit Messbeginn im 19. Jahrhundert, was die Rekorde umso bemerkenswerter macht.

2015 erlebte Mitteleuropa und die Schweiz einen Jahrhundert-Martinisommer. Auch in Zürich war es vom 21.10.-20.11. so warm wie nie zuvor seit mindestens 1901.
2015 erlebte Mitteleuropa und die Schweiz einen Jahrhundert-Martinisommer. Auch in Zürich war es vom 21.10.-20.11. so warm wie nie zuvor seit mindestens 1901.

Kein Rekordherbst

Die Schweiz erlebte zwar einen Jahrhundert-Martinisommer. Für einen Rekordherbst reicht es aber nicht. Der Schein trügt, denn im September und in den ersten zwei Oktoberdritteln dominierten meist unterdurchschnittliche Temperaturen. Der meteorologische Herbst dauert vom 1. September bis zum 30. November. Mit dem jüngsten Wintereinbruch wird sich auch der Wärmeübschuss des Novembers noch etwas nach unten korrigieren. Unter dem Strich wird der Herbst einige Zehntelgrad übertemperiert ausfallen, jedoch deutlich kühler als im sehr milden Vorjahr. Der Herbst 2015 wird voraussichtlich so kühl wie seit 2010 nicht mehr. Der bisherige Rekord-Herbst aus dem Jahr 2006 war beachtliche 2,5 Grad wärmer als der diesjährige.

Eine solch ausgeprägte Trockenheit in der Periode von Juli-November wie in diesem Jahr kam bisher seit Messbeginn in 1864 erst zweimal vor.
Eine solch ausgeprägte Trockenheit in der Periode von Juli-November wie in diesem Jahr kam bisher seit Messbeginn in 1864 erst zweimal vor.

Staubtrocken

Aussergewöhnlich war neben den Temperaturen auch die Besonnung. Aufgrund einer beachtenswerten Nebelabsenz erreichten die Sonnenstunden bereits Mitte November in Zürich 140 Prozent des Solls für den gesamten Monat. Grossflächig fiel in der ersten Monatshälfte auch kein Tropfen Regen. Die seit Mitte Jahr anhaltende Trockenheit verschärfte sich weiter. Die letzte ergiebige Niederschlagsserie liegt schon fast ein halbes Jahr zurück: vom 14.-23. Juni fielen in Zürich rund 100 mm Regen, an den Voralpen deutlich mehr. Seither waren Juli, August, September, Oktober und jetzt auch der November deutlich zu trocken. In den letzten fünf Monaten fielen in Zürich gerade einmal rund 200 mm. Unter Berücksichtigung der zu erwartenden Niederschläge bis Ende November sind es in der Periode Juli-November knapp 250 mm. Verglichen mit einem durchschnittlichen Jahr fehlen in der Bilanz 260 mm Niederschlag. Das sind beinahe historische Ausmasse. Nur im Jahre 1949 war die erwähnte 5-monatige Periode in Zürich noch ein wenig trockener. Damals fehlten 270 mm in der Niederschlagsbilanz. Ähnlich trocken war es in dieser Periode auch 1864. Ausgeprägte Trockenperioden über mehrere Monate gab es letztmals im ersten Halbjahr 2011 und während des Hitzesommers 2003. Ein trockener Hochsommer gefolgt von einem trockenen Herbst, wie in diesem Jahr, gab es in den letzten Jahren nie mehr. Dank einem eher feuchten ersten Halbjahr ist das Niederschlagsdefizit 2015 gar nicht allzu gross. Es fehlen lediglich rund 100 mm. Die aktuelle Trockenheit hat aufgrund der Jahreszeit auch verhältnismässig geringe negative Auswirkungen. Da sich Natur und somit auch die Landwirtschaft auf die Winterruhe vorbereiten, gibt es kaum Ernteausfälle. Härter trifft es Fische in kleinen, versiegten Flüssen oder die stillstehenden Kleinwasserkraftwerke. Würde zudem ein kalt-trockener Winter folgen, wäre lokal auch die Trinkwasserversorgung gefährdet. Die nächsten Niederschläge sind also durchaus willkommen.

Jahrhundert-Martinisommer und anhaltende Trockenheit