Altweibersommer: heutzutage nur noch Mythos

Der Oktober gilt als Übergangsmonat vom Spätsommer in den Herbst. Die Vegetation verabschiedet sich vor der Winterruhe in milder Farbenpracht. Die sanfte, goldene Oktobersonne verliert täglich an Stärke und steht nur noch tief über dem Horizont. Während einer Schönwetterphase im Herbst lassen sich die Facetten des goldenen Herbsts am besten geniessen. Der Altweibersommer beschreibt diese ruhige und farbenfrohe Zeit und ist ein willkommener Witterungsregelfall mitten im Herbst.

Als Witterungsregelfall oder Singularität wird eine an bestimmten Kalendertagen mehr oder weniger regelmässig auftretende Abweichung vom mittleren jährlichen Gang der meteorologischen Elemente bezeichnet, wie MeteoSchweiz schreibt. Am deutlichsten zeigt sich der Altweibersommer in Berglagen über dem Nebelmeer. Während die Wahrscheinlichkeit eines Schönwettertages im September um 40 Prozent liegt, steigt diese um Mitte Oktober auf knapp 60 Prozent an, bevor sie Ende Oktober wieder bei rund 40 Prozent zu liegen kommt. Aus der Bestimmung der Schönwetterhäufigkeit an den Tagen der Monate September und Oktober in Davos wird klar, dass der Altweibersommer ein Oktoberphänomen ist. Die Tage vom 12. bis zum 17. Oktober zeigen in den Alpen am häufigsten schönes Wetter. Doch wie steht es um den Altweibersommer im Flachland? Und wie hat sich der Altweibersommer in den letzten Jahre unter veränderten Klimabedingungen verändert?

Altweibersommer am Zürichberg

Der Altweibersommer zeigt sich erfahrungsgemäss mit milden Temperaturen, Sonnenschein und trockenen Verhältnissen.

Bei den Temperaturen gibt es in der gesamten betrachteten Periode von 1901-2014 am Zürichberg kaum nachweisbare Signale. Erwartungsgemäss wird es von Anfang bis Ende Oktober im langjährigen Durchschnitt von Tag zu Tag ein wenig kälter. Eine kleine Abweichung (Singularität) zeigen nur die Tage vom 11. bis zum 13. Oktober, wo die Temperaturen im Durchschnitt an drei Tagen in Folge höher sind als noch am 10. Oktober. Der Altweibersommer dringt in Zürich temperaturtechnisch also nur ganz schwach durch. Ähnliches gilt für die Besonnung. Naturgemäss werden die Tage bis zum 21. Dezember immer kürzer, so dass auch die durchschnittliche Anzahl der Sonnenstunden im Oktober täglich abnehmen sollte. Dies trifft auch weitgehend zu. Eine schwache positive Abweichung zeigt sich in der Periode 1901-2014 an den Tagen vom 11. und 12. Oktober, die im Mittel wieder mehr Sonne erhalten als die Vortage. Auch bei den Niederschlägen zeigt sich kein klares Bild. Die Niederschlagsmengen zeigen über den ganzen Oktober hinweg deutliche Schwankungen. Mit viel Goodwill ist eine Reduktion der Regenmengen zwischen dem 10.-21. Oktober auch in der langjährigen Statistik der Wetterstation in Zürich ersichtlich. Der Altweibersommer ist in der langjährigen Klimatologie von Zürich also nur zu erahnen, am ehesten an den Tagen um den 12. Oktober, aber nicht fundiert ersichtlich. Dies war aber nicht immer so. Früher war die Singularität des Altweibersommers im Züricher Klima deutlich nachweisbar.

Auf den Altweibersommer war früher (1925-1954) in Zürich Verlass. Mitte Oktober gab es deutlich weniger Regen als zum Monatsanfang und -ende. Dieses Muster verschwand in der Periode 1955-1984. In den letzten 30 Jahren kehrte es zögerlich zurück.
Auf den Altweibersommer war früher (1925-1954) in Zürich Verlass. Mitte Oktober gab es deutlich weniger Regen als zum Monatsanfang und -ende. Dieses Muster verschwand in der Periode 1955-1984. In den letzten 30 Jahren kehrte es zögerlich zurück.

Altweibersommer im Wandel der Zeit

In den letzten 90 Jahren hat sich der Altweibersommer Zürcher Oktoberwetter sehr dynamisch im entwickelt. In der 30-jährigen Periode von 1925-1954 war dieser in Zürich an den Tagen vom 12.-20. Oktober deutlich zu erkennen. So sank in dieser Zeitspanne die durchschnittlich zu erwartende Regenmenge auf 1,5 mm ab. Vor und nach der Periode des Altweibersommers lag diese doppelt so hoch bei rund 3 mm. In den darauffolgenden 30 Jahren von 1955-1984 verschwand dieses Muster spurlos. Die Tage vom 12.-20. Oktober brachten nun gleich viel oder sogar mehr Niederschlag wie alle anderen Tage im Oktober. Auch in den letzten 30 Jahren (1985-2014) ist das alte Muster nicht wieder zurückgekehrt. Es gibt jedoch Anzeichen eines langsamen Comebacks. Dabei lassen sich zwei Phasen erkennen, eine erste vom 13. bis zum 18. Oktober und eine zweite vom 25. bis zum 28. Oktober, doch die Jahr-zu-Jahr-Schwankungen sind zu ausgeprägt, als dass ein stabiles neues Altweibersommer-Muster erkennbar wäre. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Höchsttemperaturen. Während in der Periode vom 1925-1954 die Temperaturen zwischen dem 10.-21. Oktober konstant auf mildem Niveau verharrten, war dies in den darauffolgenden 30-jährigen Perioden nicht mehr zu erkennen. Vielmehr sinken die Temperaturen vom Monatsanfang bis Monatsende kontinuierlich schrittweise ab. Der Altweibersommer zeigte sich im früheren Zürich von 1925-1954 auch in der Besonnung. Die Tage vom 12.-20. Oktober brachten durchschnittlich deutlich mehr Sonne als die Tage vor und nach dem Altweibersommer. Während dieses Muster in der Periode 1955-1984 gänzlich verschwand, kehrte es in den letzten 30 Jahren zaghaft zurück.

Verlässliches Altweibersommer Mitte Oktober ist unter heutigen Klimabedingungen im Flachland also nicht mehr ersichtlich. Die Anzeichen einer Rückkehr des Altweibersommers sind jedoch zu erahnen. Etwas besser stehen die Chancen auf goldiges Herbstwetter in den Bergen, die ja nicht so weit von Zürich entfernt liegen.

Altweibersommer: heutzutage nur noch Mythos

September 2015: letzte Sommertage und erster Schnee in den Bergen

Der September 2015 zeigte sich wahrlich nicht von seiner spätsommerlichen Seite. Häufig überwog wechselhaftes, kühles aber nicht überall auch niederschlagsreiches Wetter.

Die Windrose im September in Zürich zeigt deutlich, dass die Windrichtung Nordost dominierte.
Die Windrose im September in Zürich zeigt deutlich, dass die Windrichtung Nordost dominierte.

Ein besonders in hohen Luftschichten ausgeprägtes und mit reichlich Kaltluft ausgefülltes Tief sorgte pünktlich zum astronomischen Herbstbeginn am 23. September für den ersten Neuschnee der Saison in den Alpen. Die Schneefallgrenze sank dabei bis auf 1500 Meter über Meer ab. Kurz nachdem sich der Hitzesommer 2015 verabschiedete, klopft – zumindest in den Alpen – auch schon wieder der Winter an. Letztmals Schnee (knapp) unter die 2000-Meter-Marke fiel im Übrigen am 20. Juni 2015, wie MeteoSchweiz schreibt. Danach mussten alle Schneeliebhaber eine lange Durststrecke bis zum astronomischen Herbstanfang überwinden. Dies ist eher ungewöhnlich, gehören doch Kaltlufteinbrüche zu einem “normalen” sommerlichen Witterungsverlauf. In Arosa (1840 müM) liegt im Sommer (Juni, Juli, August) im langjährigen Schnitt beispielsweise an etwa drei Tagen Schnee, die mittlere Neuschneesumme beträgt 18 cm. Im laufenden Jahr waren es 0 cm. Der Wintereinbruch in den Alpen ist also keinesfalls ungewöhnlich.

Zwischendurch bäumte sich der Sommer dann doch noch ein letztes Mal auf und brachte spätsommerliche Temperaturen. Am Zürichberg stiegen die Temperaturen am 12. September auf 26,4 Grad. Im Rheintal wurde es einige Tag später am 16. September mit reichlich Unterstützung des Föhns sogar über 28 Grad warm.

Über grosse Strecken herbstlich mit letzten sommerlichen Höhepunkten.
Über grosse Strecken herbstlich mit letzten sommerlichen Höhepunkten.

Unter dem Strich überwogen dann aber doch die kühlen Witterungsabschnitte, so dass der September in Zürich mehr als ein halbes Grad kühler ausfiel als im langjährigen Durchschnitt und ein Grad kälter als im Mittel des laufenden Jahrzehnts. Ähnlich kühl war der September 2010. Somit war der September als erster Monat seit Februar 2015 wieder unterkühlt. Während die Besonnung in etwa durchschnittlich ausfiel, setzte sich die sommerliche Trockenheit fort. In Zürich blieben die Niederschlagsmengen auch im September unterdurchschnittlich.

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Ein weiterer Monat geht zu trocken zu Ende. In Zürich fielen nur rund 50 mm. Üblicherweise sind es im September doppelt so viel.
September 2015: letzte Sommertage und erster Schnee in den Bergen

Sommer im Herbst

Nach dem drittwärmsten Winter und dem achtwärmsten Frühling erlebte die Schweiz nun auch den zweitwärmsten Herbst seit Messbeginn vor 151 Jahren.

„Erdbeeren im Winter – Ein Klimamärchen“, dies ist der Name einer Wanderausstellung, welche Anfang des Jahres in St. Gallen gezeigt wurde und noch bis 2015 in verschiedenen Naturmuseen zu sehen ist. Die Ausstellung will die Bevölkerung auf die Klima- und Umweltthematik sensibilisieren. Dabei geht es, wie der Titel zweideutig vermuten lässt, auch um jedermanns Konsumverhalten und die damit verbundenen Umweltauswirkungen. Wer beispielsweise im Winter Erdbeeren im Supermarkt kauft, muss wissen, dass diese mit dem Flugzeug aus wärmeren Gegenden eingeflogen wurden und deshalb sehr viel graue Energie verbrauchen. Erdbeeren im Winter sind ökologisch also kaum vertretbar. Die ausserordentlich warme Witterung im Jahr 2014 hat den Ausstellern aber beinahe einen Strich durch die Rechnung gemacht, respektive dem Titel „Erdbeeren im Winter – ein Klimamärchen.“ eine zweite Bedeutung verliehen. Die anhaltend milden Herbsttemperaturen führten nämlich dazu, dass einige Wiesen- und Gartenpflanzen auch im November weiter blühten oder nochmals aufblühen konnten, z.B. Löwenzahn oder Gartenrosen. Zudem blühten vereinzelt Frühlingsblumen, wie MeteoSchweiz mitteilte. Weiter lagen Ende November Beobachtungen vor von blühenden Veilchen, Buschwindröschen, Frühlingsenzian, Schlüsselblumen und Walderdbeeren, die sogar noch reife Früchte trugen. In einem wärmeren Klima sind also Erdbeeren im Frühwinter vielleicht schon bald kein Märchen mehr.

Der Herbst 2014 war in Zürich 2 Grad wärmer als der Durchschnitt 1981-2010 und somit der zweitwärmste seit Messbeginn 1864. Noch wärmer war der Herbst nur im Jahr 2006.
Der Herbst 2014 war in Zürich 2 Grad wärmer als der Durchschnitt 1981-2010 und somit der zweitwärmste seit Messbeginn 1864. Noch wärmer war der Herbst nur im Jahr 2006.

2.-wärmster Herbst

Ähnliche phänologische Beobachtungen wurden auch im Rekordherbst 2006 gemacht. Dieser war über die ganze Schweiz gemittelt 2,6 Grad wärmer als der Durchschnitt der Jahre 1981-2010. Der diesjährige Herbst (in der Meteorologie von September bis November) muss sich aber keineswegs verstecken. Mit einer positiven Abweichung von 2,2 Grad war er schweizweit der 2.-wärmste Herbst seit Messbeginn vor 151 Jahren. Auch auf dem Zürichberg landete der diesjährige Herbst auf dem zweitwärmsten Platz. Die positive Abweichung lag mit 2 Grad aber etwas unter dem Schweizer Durchschnittswert. Dies lag vor allem an den langanhaltenden Hochdrucklagen im November, welche immer wieder Inversionslagen mit Nebel im Flachland auslösten. Von den drei Herbstmonaten brachte der Oktober in Zürich mit einer Abweichung von mehr als zweieinhalb Grad zum langjährigen Durchschnitt den grössten Wärmeüberschuss. Gleichzeitig war es in Zürich der 4.-wärmste Oktober seit Messbeginn 1864. Auch der November war mit einem Wärmeplus von 2,2 Grad sehr mild. In der 151-jährigen Messreihe war es gar der 5.-wärmste November. Geradezu unspektakulär, aber mit einer durchschnittlichen Temperatur auf dem Zürichberg von 15,2 Grad und somit durchaus spätsommerlich warm, ging der September über die Bühne. Aber auch er gehörte zu den wärmsten 20 Prozent aller Septembermonate seit 1864.

Kontinuierlich frostfrei

Bei dieser anhaltenden Wärme ist es kein Wunder, dass über den gesamten Herbst hinweg kein einziger Frost in Zürich registriert wurde. In einem durchschnittlichen Jahr wird der erste Frost um den 13. Oktober beobachtet, also mitten im meteorologischen Herbst. Frostfreie Herbste gab es zuvor seit Anfang des letzten Jahrhunderts erst zwei Mal und nur in den letzten 20 Jahren: nämlich 1994 und 2002. Im langjährigen Durchschnitt sind im meteorologischen Herbst rund 11 Frosttage zu erwarten. Diese Anzahl hat sich in den letzten Jahren auf weniger als 9 Tage reduziert. Auch bis zum Nikolaustag blieb Väterchen Frost Zürich fern. So wird dieses Jahr auch die kontinuierlich frostfreie Periode seit dem letzten Frost im vergangenen Winter immer länger. Der letzte Frost wurde in Zürich am 24. Februar gemessen. Die kontinuierlich frostfreie Periode 2014 dauert also schon 255 Tage (bis zum 6. Dezember). Bereits jetzt steht fest, dass dies die längste frostfreie Zeit seit Anfang des letzten Jahrhunderts ist. Die Länge der frostfreien Periode überbietet den bisherigen Rekord aus dem Jahr 2002 und 1990 mit je 245 Tagen gleich um 10 Tage! Lange frostfreie Perioden sind vor allem für den Weinbau sehr vorteilhaft. Das andere Extrem wurde im Jahr 1928 beobachtet, als die frostfreie Zeit nur gerade 144 Tage dauerte, vom 12. April bis zum 2. September. Nicht nur die Flora setzt in der langen, frostfreien und milden Zeit zu Höhenflügen an, auch die Fauna spürt bereits einen zweiten Frühling. So wurden in Zürich Mitte November Stockenten mit frisch geschlüpften Jungen beobachtet. Ob diese den anstehenden Winter überleben, ist jedoch mehr als fraglich. Die einzige Hoffnung bestünde darin, dass nach dem Herbst im Sommer und dem Sommer im Herbst nun ein Frühling im Winter folgen würde.

Sommer im Herbst