Wie wird der kommende Winter? Die Weltmeere wissen es

Mit Spannung verfolgen die Meteorologen die Witterungsentwicklung in den nächsten Monaten. Mit dem Winterhalbjahr steht meteorologisch eine spannende Jahreszeit bevor und die Treiber des kommenden Winters werden gesucht.

 

El Niño und kalter Atlantik

Wenn es darum geht, die durchschnittliche Witterung in den kommenden Monaten abzuschätzen, hilft meistens ein Blick auf die Weltmeere. Sie beeinflussen die darüber liegende Atmosphäre entscheidend und fungieren deshalb als langfristiger Taktgeber des Wetters. Ihre enorme Masse dient als grosser Energiespeicher und ihre Trägheit erlaubt es, die Atmosphäre über einen sehr langen Zeitraum in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. Deshalb sind zurzeit alle Blicke auf zwei ausgeprägte Meerestemperatur-Anomalien in den Weltmeeren gerichtet. Diese beiden „Player“ werden die Entwicklung der Witterung in den kommenden Monaten prägen. Der erste Player ist ein sich seit Monaten verstärkendes El Niño-Ereignis im tropischen Pazifik. Die Fernwirkungen eines El Niños auf das Winterwetter in Europa sind aber nicht eindeutig. Das haben unzählige Analysen vergangener Ereignisse gezeigt. Viel entscheidender für das europäische Winterwetter dürfte ein massiver Kältepol im Oberflächen-Meerwasser des Nordatlantiks sein. Nordwestlich der Iberischen Halbinsel ist die Wasseroberfläche auf einer riesigen Fläche seit Monaten zu kalt. Diese Kälteanomalie wird vor der Ostküste der USA abrupt unterbrochen. Dort ist das Meerwasser zu warm. Ebenfalls zu warm ist das Meer südlich der Azoren und im Norden zwischen Neufundland und Spitzbergen rund um Grönland. Dieses von Norden nach Süden ersichtliche Warm-kalt-warm-Muster in der Meeresoberflächen-Temperatur des Nordatlantiks ist in der Meteorologie gut bekannt. Es beschreibt die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation (NAO).

Luftdruckschaukel

Die NAO beschreibt die Luftdruckschaukel zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief, welche die Westwindaktivität in Europa bestimmt. Bei grossem Druckunterschied wehen starke Westwinde und bringen in den Wintermonaten milde und feuchte Atlantikluft bis weit in den Kontinent. Wenn jedoch dieser Luftdruckgegensatz klein ist, flauen die Westwinde ab und eisige Ostwinde führen arktische Luft aus Sibirien in den Alpenraum und bescheren uns die kalten Winter.

Die Nordatlantische Oszillation (NAO) kennt zwei Hauptphasen: die positive Phase mit starkem Islandtief und kräftigem Azorenhoch und folglich starkem von Südwesten nach Nordosten verlaufendem Westwind. Und die negative Phase mit schwächerem Islandtief und Azorenhoch und abflauenden Westwinden.
Die Nordatlantische Oszillation (NAO) kennt zwei Hauptphasen: die positive Phase mit starkem Islandtief und kräftigem Azorenhoch und folglich starkem von Südwesten nach Nordosten verlaufendem Westwind. Und die negative Phase mit schwächerem Islandtief und Azorenhoch und abflauenden Westwinden.

Kalter Winter?

Die aktuellen Meeresoberflächen-Temperaturen über dem Nordatlantik lassen für den kommenden Winter eine negative NAO vermuten.

Der Temperaturunterschied zwischen dem eisigkalten grönländischen Inland und dem umliegenden Meer ist nun also grösser. Die Divergenzzone beschränkt sich folglich nur auf Grönland, so dass das Hoch sehr kräftig wird. Zum Ausgleich der Wärmeanomalie des Polarmeers ist es im nördlichen Subtropenmeer zu kühl. Dies hat zur Folge, dass die leicht östlich dieser Anomalien angeordneten Druckgebilde Azorenhoch und Islandtief entsprechend dem abgeschwächtem Temperaturgradient schwächer ausgeprägt sind. Da es im kalten Norden, im Bereich des Islandtiefs, nun milder ist und im warmen Süden, in der Region der Azoren nun kühler ist als üblich, ist auch der Temperaturunterschied weniger gross und dementsprechend der Polarjet weniger ausgebildet. So werden die dynamischen Druckgebilde weniger kräftig. Mit dem abgeschwächten Polarjetstream flauen auch die eingelagerten Westwinde ab und verlaufen deutlich südlicher sowie zonaler, also breitenkreisparalleler als in der positiven Phase. Zeitweise wird die Westströmung sogar blockiert, da der Druckgradient zu schwach ist. Dann wird keine milde Meeresluft in den europäischen Kontinent getragen und der Weg für die arktisch kalte Polarluft aus Russland ist geebnet. In Mitteleuropa ist jedoch nicht jeder Winter mit negativer NAO auch automatisch trocken und von sibirischer Kälte geprägt. Der Grund dafür liegt in einem speziellen Modus der negativen NAO.

Die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation mit schwachem Istlandtief und Azorenhoch. Die Meeresoberflächentemperatur-Anomalien folgen dem Muster warm-kalt-warm.
Die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation mit schwachem Istlandtief und Azorenhoch. Die Meeresoberflächentemperatur-Anomalien folgen dem Muster warm-kalt-warm.

Tief über Spanien

Bei diesem Muster geht es um eine typische Staulage am Alpensüdhang. Dabei befindet sich ein Tief über der Iberischen Halbinsel, die Winde im Alpenraum wehen aus Süd bis Südost. Die Regen- und Schneewolken werden an die Alpensüdseite gestaut und regnen oder schneien sich dort an Ort und Stelle aus. Die Alpennordseite profitiert dann tendenziell vom Föhn und somit von trockener und milder Witterung. Ist die Föhnströmung jedoch nicht genügend stark, so liegt eine staubige Inversion über dem Schweizer Flachland und bringt mit trüben, trockenen und eher kalten Verhältnissen. Diese Wetterlage kommt zustande, wenn das Oberflächenwasser im Südwestatlantik wärmer, jenes nordwestlich der Iberischen Halbinsel hingegen kälter ist als üblich. Und genau diese Temperaturverteilung liegt zurzeit im Atlantik vor und dürfte auch bis in den Winter hinein bestand haben.

Entscheidend dürfte zudem sein, wo der Winter in Europa zuerst zuschlägt – in Skandinavien oder im Balkan. Bei einem raschen Wintereinbruch in Skandinavien könnte sich die negative NAO verstärken. Die Tiefs über Spanien würden dann nicht nach Norden vorstossen können, sondern würden über den Mittelmeerraum abgelenkt. Der Winter könnte dann in Mitteleuropa kalt werden. Klopft der Winter aber zuerst im Balkan an, so würde die Tiefs von Spanien denn Weg in Richtung Norden nehmen und in Mitteleuropa immer wieder milde Luft aus dem Süden heranführen.

Ein möglicherweise kräftiges Hoch über Grönland und das kalte Meerwasser nordwestlich der Iberischen Halbinsel können im kommenden Winter also immer wieder Tiefdrucktröge über dem östlichen Nordatlantik hervorbringen, welche bis nach Spanien reichen. Trotz negativer NAO wird es also kaum einen Kaltwinter in Mitteleuropa geben. Der Mittelmeerraum könnte so richtig nass werden und der Alpensüdhang sehr viel Schnee abbekommen.

Ein Trog über dem östlichen Nordatlantik mit Tief über Spanien. Diese Wetterlage könnte im kommenden Winter häufig vorkommen.
Ein Trog über dem östlichen Nordatlantik mit Tief über Spanien. Diese Wetterlage könnte im kommenden Winter häufig vorkommen.
Wie wird der kommende Winter? Die Weltmeere wissen es

So früh kommt der Winter selten

Rekordhohe und rekordtiefe Temperaturen liegen manchmal nur eine Woche auseinander. Im Oktober 2012 steuerten wir vom einen Extrem ins andere. Der ungewöhnlich frühe Wintereinbruch brachte aber nicht nur Kälte – vor allem vielen auch Rekordschneemengen.

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Der eiskalte Februar und der bisher nur durchschnittliche Herbst drücken auf das Temperaturmittel – 2012 wird kein Rekordjahr.

Vor wenigen Wochen badeten die Städter noch im Zürichsee, und heute haben sie schon den ersten Wintereinbruch hinter sich. Innerhalb von einer Woche stürzte das Schweizerwetter heuer vom Spätsommer in den Winter. Der Wintereinbruch kam plötzlich und mit ungewohnter Stärke. Auf sogenannten Rückwärtstrajektorien, welche die Luftmassenherkunft für einen Ort, beispielsweise Zürich, berechnen, wird rasch ersichtlich, wo die Ursache für den markanten Wintereinbruch vom 28. Oktober 2012 liegt. Die kalte und feuchte Luftmasse, welche aus dem hohen Norden in die Schweiz transportiert wurde, lag nur vier Tage zuvor noch über dem Nordpolarmeer nördlich von Spitzbergen, nur zehn Breitengrade vom Nordpol entfernt. Nach anhaltenden Schneefällen lagen am frühen Morgen des 29. Oktobers auf dem Zürichberg rund 25 Zentimeter Schnee, in Langnau im Emmental sogar 30 und in St. Gallen 33. Oberhalb von Elm auf rund 2000 Meter über Meer lagen sogar schon 1 Meter 20! An einigen tiefgelegenen Orten wie Bern oder St. Gallen gab es zuvor noch nie so viel Schnee in einem Oktober. Während die Messreihe in St. Gallen mit Beginn 1959 noch relativ jung ist, wurde in Bern die Höchstmarke einer langen Messreihe mit Start im Jahre 1931 überboten. Auch in Zürich werden systematische Schneemessungen seit 1931 durchgeführt. Der diesjährige Wintereinbruch bleibt aber auf Platz 2, da erst vor vier Jahren (30.10.2008) noch einige Zentimeter mehr Schnee lagen, wie MeteoSchweiz mitteilte.

Dauerfrost
Neben den grossen Schneemengen im Flachland waren vor allem auch die sehr tiefen Nachmittagstemperaturen vom 28. Oktober erstaunlich. Auf dem Zürichberg wurde sogar der erste Eistag der Saison registriert. Die Temperaturen stiegen also den ganzen Tag nicht über den Gefrierpunkt. Die fehlenden Sonnenstrahlen und die geschlossene Schneedecke liessen die Temperaturen tagsüber kaum ansteigen und so blieb es mit -0,2 Grad frostig. An Flachlandstationen wie auch an Bergstationen wurden für einen Oktober die tiefsten Höchsttemperaturen beobachtet. Zum letzten Mal wurde in Zürich Ende Oktober 2003 ein Eistag mit Dauerfrost beobachtet. Insgesamt sind aber Flachland-Eistage im Oktober höchst selten und kommen nur rund alle 25 Jahre vor. Das im Oktober verbreitet Schnee bis in Flachland fällt und vereinzelt Eistage registriert werden, ist relativ selten. Mit 2003, 2008 und dem diesjährigen Ereignis waren es aber gleich drei innert zehn Jahren. Für weitere Fälle muss in der Statistik allerdings recht weit zurückgeblättert werden, wie aus Daten von MeteoSchweiz hervorgeht: hier stechen die Jahre 1974, 1959 und 1939 ins Auge. Im langjährigen Mittel kommt der erste Wintereinbruch in Zürich nämlich erst nach dem ersten Novemberdrittel, also rund 2 Wochen später. Einen Trend hin zu früheren Wintereinbrüchen detektieren zu wollen, wäre aber etwas voreilig.

Hitzerekord
Weniger als zehn Tage vorher, am 19. Oktober 2012, wurden im Alpenraum mit Föhnunterstützung die höchsten Oktobertemperaturen seit Messbeginn erfasst. Auch im Flachland wurden für die zweite Oktoberhälfte sehr warme Temperaturen von über 20 Grad gemessen. In den Föhntälern aber brachte der Föhn zum Teil die höchsten Oktobertemperaturen seit Messbeginn. So wurde es in Vaduz 29, in Altdorf 28,6 Grad heiss. Die bisherigen Oktoberrekordwerte liegen an beiden Stationen nicht weit zurück und stammten aus dem Oktober 2006, als eine sehr ähnliche Wetterlage vorherrschte. Damals jedoch ohne Wintereinbruch zum Monatsende. Nicht nur in den Tälern, auch in der Höhe war es rekordverdächtig warm. So wurde es in Engelberg auf gut 1000 Meter Höhe knapp 25 Grad warm, wie Messungen von MeteoSchweiz zeigen. Auch die Nächte waren für die Jahreszeit ausgesprochen mild. So wurden mitten in der Nacht auf dem Hörnli im Zürcher Oberland zeitweise 20 Grad gemessen.

2012: Kein Rekordjahr
Über den ganzen Monat betrachtet und gemittelt war der Oktober in Zürich 9,5 Grad mild und somit nur wenige Zehntelgrad wärmer als der langjährige Durchschnitt. In diesem Durchschnitt sind sowohl die Spätsommerhitze, wie auch die Eistage enthalten. Klimatologisch war der diesjährige Oktober aber purer Durchschnitt. Auch vor einem Jahr war der Oktober 9,5 Grad auf dem Zürichberg. Damals war die Witterung aber deutlich weniger extrem, dafür aber etwas ausgeglichener. Die Extreme setzten im vergangenen Jahr die Monate März, April, Mai, September und Dezember, welche allesamt deutlich übertemperiert ausfielen und das Jahr 2011 auf den Thron des wärmsten Jahres hievten. Ein ganz anderes Bild zeigt sich dieses Jahr. Nach dem sehr kalten Februar und nun einem durchschnittlichen Herbst, ist das Jahr 2012 bisher nach 10 Monaten „nur” etwas mehr als 1 Grad übertemperiert. Somit besteht praktisch keine Chance mehr auf ein zweites Rekordjahr in Folge. Dies erstaunt kaum, zeigten doch die Vorgänge in diesem Oktober, als zwischen Hitzestress und Eistag nur gerade acht Tage lagen, auf eindrückliche Weise die grosse Variabilität der Witterung in unseren Breitengraden.

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So früh kommt der Winter selten