Wohlfühlsommer 2018 ohne Hitzestress und Tropennächte

Hochsommerliche Temperaturen, viel Sonnenschein und Trockenheit. Der diesjährige Sommer gehört in Zürich bisher zu den viertwärmsten seit mehr als 100 Jahren. Die grosse Wärme in der Schweiz ist aber nicht erst seit Sommerbeginn am 1. Juni ein Thema, denn gefühlt hat der Sommer in diesem Jahr bereits im April eingesetzt. Seit April dominieren Schönwetterlagen und die Temperaturen bewegen sich deutlich über den Erwartungen. Das widerspiegelt sich auch in der Statistik. Noch nie seit Messbeginn 1864 war die 3-Monatsperiode April bis Juni in Zürich so warm wie in diesem Jahr. Mit durchschnittlich 15,8 Grad am Zürichberg wurde der bisherige Rekord aus dem Jahr 2003 um vier Zehntelgrad überboten. Über die gesamte Periode gesehen lagen die Temperaturen drei bis vier Grad über dem Normwert. Dieser Wärmeüberschuss zeigt sich auch in der Statistik des ersten Halbjahrs 2018. Trotz des sehr kalten Februars resultierte in Zürich das viertwärmste erste Halbjahr seit 1901. Nur die Jahre 2007, 2011 und 2014 brachten bisher in Zürich einen noch grösseren Wärmeüberschuss in den ersten sechs Monaten. Im Rekordjahr 2007 war das erste Halbjahr noch gut ein Grad wärmer als heuer.

 

Überzählig: Sommertage

Der meteorologische Sommer dauert vom 1. Juni bis zum 31. August. Die erste Sommerhalbzeit (1. Juni bis 15. Juli) war in Zürich wie eingangs erwähnt die viertwärmste seit Messbeginn. Am Zürichberg erreichte die Durchschnittstemperatur rund 19 Grad. Wärmer war es lediglich in den beiden Hitzesommern 2003 und 2015 sowie im letztjährigen Sommer 2017. Obwohl der bisherige Sommer sehr warm ist, blieb er in der ersten Halbzeit aber weit hinter dem Rekordwert von 21 Grad aus 2003 zurück. Erstaunlich am bisherigen Sommerverlauf ist die hohe Konstanz. Die Tageshöchsttemperaturen liegen im Durchschnitt bei über 25 Grad und damit ähnlich hoch wie in den ersten Hälften der Rekordsommer 2015 und 2017. Nur der Hitzesommer 2003 weist mit knapp 28 Grad deutlich höhere Tageshöchstwerte vor. In der ersten Sommerhalbzeit stieg das Thermometer am Zürichberg an 25 von 45 Tagen über die Sommermarke von 25 Grad. Mehr Sommertage in der ersten Sommerhälfte gab es lediglich in den Jahren 1976, 2006 und 2003. In all diesen Kategorien spielt der diesjährige Sommer bisher ganz vorne mit. Doch etwas blieb bisher fast komplett aus: die Hitze.

 

Überfällig: Hitzetage

In der ersten Sommerhälfte wurde die Hitzemarke von 30 Grad am Zürichberg nie überschritten. Das gab es letztmals vor 15 Jahren. Damals, im Jahr 2004, gab es dann während des ganzen Sommers am Zürichberg keinen einzigen Hitzetag. Über eine deutlich längere Zeitperiode betrachtet kommt es allerdings alle zwei Jahre vor, dass in der ersten Sommerhälfte noch keine Hitzetage registriert werden. Fehlende Hitzetage sind also keine Seltenheit, aufgrund des grossen Wärmeüberschusses des laufenden Sommers waren die ersten Hitzetage aber eigentlich längst überfällig. Am 24.7.2018 war es dann auch am Zürichberg soweit und der erste Hitzetag mit über 30 Grad wurde Tatsache. Auch in den Folgetagen stieg das Quecksilber jeweils über die 30-Grad-Marke. Das der Sommer 2018 mit bisher nur wenigen Hitzetage zu den wärmsten gehört, liegt daran, dass Kälterückfälle bisher komplett ausblieben. In Zürich fielt das Quecksilber im laufenden Sommer noch nie unter 10 Grad. Im Durchschnitt waren die bisherigen Sommernächte in Zürich mit 13,8 Grad sehr mild. Wie bei den Hitzetagen blieben auch Tropennächte mit nächtlichen Temperaturen über 20 Grad bisher aus. Wärmere Sommernächte in der ersten Sommerhalbzeit gab es bisher nur in den Sommern 2003, 2017 und 2015, wo jeweils Tropennächte zu ertragen waren.

Der Sommer 2018 kann deshalb als Wohlfühlsommer bezeichnet werden. Er brachte bisher konstant sehr warmes Wetter – schwüle Hitzewellen und Tropennächte blieben aber aus. Wie kommt das und woran unterscheidet sich der diesjährige Sommer von den Hitzesommern aus 2003 und 2015?

 

Übergrösse: Azorenhoch

Überdurchschnittliche Sommertemperaturen in Mitteleuropa gehen immer einher mit einer grossräumigen Ausdehnung des Azorenhochs bis in den europäischen Kontinent. So unterbindet das Hochdruckgebiet die Zufuhr kühler Atlantikluft und die Luftmassen über dem Kontinent können sich gut aufheizen. Ausschlaggebend ist die genaue Lage des Azorenhochs, denn sie entscheidet über Wohlfühl- oder Hitzesommer. Im Hitzesommer 2015 dehnte sich das Azorenhoch in östlicher Richtung bis Polen und in nördlicher Richtung über Grossbritannien bis nach Island aus, wobei der Kern des Hochs bis zur Bretagne reichte. Gestützt wurde das Azorenhoch durch eine Blockierung der Höhenströmung über Ostgrönland, was tiefen Luftdruck über dem Nordatlantik und tiefen Luftdruck im hohen Norden über dem Lappland auslöste. So konnte sich eine Art Omegawetterlage einstellen, welche als sehr konstant und langlebig gilt. Deutlich ausgeprägter war dieses Muster im Hitzesommer 2003. Damals war die Blockierung der Höhenströmung im hohen Norden deutlicher ausgeprägt und erstreckte sich von Ostgrönland bis über die Barentssee nördlich von Norwegen. Die Ausdehnung des Azorenhochs wurde so durch zwei standhafte Tiefdruckgebiete südlich von Island und Russland gefestigt und es konnte sich eine bilderbuchartige Omegawetterlage ausgestalten. Im laufenden Sommer hat sich das Azorenhoch vor allem weit in den Norden, aber weniger stark in östliche Richtung ausgedehnt. Das widerspiegelt sich auch in der langanhaltenden Trockenheit in Grossbritannien und Norwegen in diesem Frühling und Sommer. Die Blockierung der Wetterlage liegt dabei direkt über den britischen Inseln, während im Mittelmeerraum eher tiefer Luftdruck herrscht. Eine Omegawetterlage kann so nicht entstehen, wodurch auch die Zufuhr heisser Luft aus dem Süden fehlt. Vielmehr herrscht über dem Alpenraum häufig Bisenströmung. Diese ist trockener aber auch weniger heiss als die feuchtwarmen Luftmassen aus dem Mittelmeerraum. Entsprechend gab es in der ersten Sommerhälfte in Zürich lediglich an zehn Tagen Regen. Weniger Regentage gab es nur im Jahr 1949 mit acht Regentagen. Vom 14. Juni bis zum 2. Juli fiel kein Regen in Zürich. Mit 19 zusammenhängenden Trockentagen war es eine der zehntlängsten Trockenphasen in Zürich seit 1864. Einzig die Sommer 1865 und 1947 brachten mit 42 und 33 zusammenhängenden Trockentagen noch deutlich ausgeprägtere Dürren. Der Sommer 2018 gehört auch insgesamt zu den zehn trockensten seit 1901. Wo Regen fehlt kommt häufig die Sonne zum Zug. Diese zeigte sich in der ersten Sommerhälfte bereits an über 400 Stunden. Seit der Jahrtausendwende brachten nur die Hitzesommer 2003 und 2015 ebenfalls mehr als 400 Sonnenstunden in der ersten Sommerhalbzeit aufs Messband.

Das Azorenhoch hat sich auch im laufenden Sommer bis nach Mitteleuropa ausgebreitet, hat heuer aber eine nordwestlichere Lage eingenommen. So erlebt die Schweiz bisher anstatt Hitzestress und Tropennächte einen Wohlfühlsommer.

Die Lage des Azorenhochs entscheidet über Hitze- oder Wohlfühlsommer. Abgebildet ist jeweils der durchschnittliche Luftdruck über Europa in der ersten Sommerhälfte (1. Juni bis 15. Juli).

> NOAA Earth System Research Laboratory

Wohlfühlsommer 2018 ohne Hitzestress und Tropennächte

Vom Frühsommer-Monsun in die Spätsommer-Trockenzeit

Auf den rekordwarmen September folgt der kälteste Oktoberbeginn seit 42 Jahren. Neben kurzfristigen Wetterphänomenen etablieren sich in der Schweiz aber auch langfristige Witterungsmuster.

Was für ein Wechselbad der Gefühle: Nachdem der September 2016 in Zürich mit durchschnittlich 16,8 Grad am Zürichberg als der drittwärmste in die Wetterannalen eingeht, kam mit dem Oktober der grosse Temperatursturz. Die erste Oktoberhälfte war gemittelt nur gerade 8,4 Grad kühl. Kälter startete ein Oktober letztmals 1974. Obwohl sich September und Oktober temperaturmässig grundsätzlich voneinander unterscheiden, haben sie doch eines gemein. Beide waren geprägt von einer ausgeprägten Trockenheit.

Warme Arktis – kalte Kontinente

Anhaltender Azorenhocheinfluss sorgte im September für überdurchschnittlich viel Sonnenschein und spätsommerliche Temperaturen. In Zürich waren nur die September 2006 und 1961 leicht wärmer als der diesjährige. Anfang Oktober fiel die Temperatur in Mitteleuropa dann schlagartig auf spätherbstliches Niveau. Der Grund für den raschen Wetterwechsel und den bis anhin äusserst kalten Oktober ist ein Wetterphänomen, welches in den letzten Jahren im Herbst und Winter gehäuft auftrat. Ausgelöst wird die Wetteranomalie von der zunehmend eisfreien Arktis. Im Fachjargon wird das Phänomen WACC (Warm Arctic – Cold Continents) genannt.

Wie es der Name verrät, sind die Arktis, Grönland und die an den arktischen Ozean angrenzenden Küstengebiete stark übertemperiert. Die positiven Temperaturabweichungen über rund eine Woche liegen bei 5 bis 10 Grad! Anders sieht es über den Kontinenten der Nordhemisphäre aus. Europa, Nordamerika und südlichere Teile Sibiriens sind deutlich unterkühlt. Der Wärmeüberschuss in der Arktis ist eine Folge der stark geschrumpften Eismassen in der Arktis. Die grosse eisfreie Fläche gibt heute bis weit in den Herbst hinein Wärme an die darüber liegende Luft ab. Die Produktion kalter Luftmassen über dem Arktischen Ozean verspätet sich damit immer mehr, während über den grossen Landmassen die Luft in den zunehmend langen Nächten stark auskühlt. Der Arktische Ozean verhält sich, bedingt durch den Eismangel, mittlerweile wie ein Meer der gemässigten Breiten: Die Energieabgabe vom Wasser an die Luft bewirkt, dass sich über der Arktis, wie sonst üblich im Nordatlantik und Nordpazifik, Tiefdruckgebiete bilden. Die Advektion relativ warmer und feuchter Luft auf die angrenzenden kühlen Landmassen erzeugt dort Schneefälle, wodurch sich an den Nordrändern der Kontinente im Herbst viel rascher eine Schneedecke bildet. Das wiederum beschleunigt die Kaltluftproduktion vor Ort und WACC ist Tatsache. Diese neue Verteilung von Wärme und Kälte wirkt sich grossräumig auf die Bildung von Hochs und Tiefs und die damit einhergehenden Strömungsverhältnisse aus. Anstelle einer herbstlichen Westwinddrift, die feuchte und milde Luft nach Europa transportiert, entstehen in den subpolaren Gebieten starke Hochdruckgebiete, wie im Oktober 2016 über Skandinavien, welche die Westwinde abschnüren und kalter Luft aus Osten den Weg nach Mitteleuropa bereiten. Im Winter bringt dieses Wetterphänomen eisigkalte Witterungsabschnitte. Im Oktober bringt es uns um den goldenen Oktober.

> siehe auch: www.fotometeo.ch

Gemässigte Breiten

Der Herbst hat sich nicht nur durch das Wetterphänomen WACC verändert. In der Schweiz hat sich in den letzten Jahren allmählich ein neues Niederschlagsmuster etabliert. Die gemässigten Breiten, also Mitteleuropa, waren immer dafür bekannt, keine Regen- und Trockenzeiten zu haben. Im ganzen Jahresverlauf wechseln sich trockene und nasse Phasen, so dass sich die Niederschläge über das Jahr relativ gleichmässig verteilen. In den letzten 15 Jahren haben sich in der Schweiz nun aber schrittweise Regen- und Trockenzeiten etabliert. Die Veränderungen betreffen vor allem das Sommerhalbjahr, genauer die Periode von Mai bis Oktober.

Vor 15 Jahren waren der Frühsommer (Mai-Juli) und der Spätsommer (August-Oktober) noch gleich nass. Heutzutage bringt der Frühsommer mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer.
Vor 15 Jahren waren der Frühsommer (Mai-Juli) und der Spätsommer (August-Oktober) noch gleich nass. Heutzutage bringt der Frühsommer mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer.

Regen- und Trockenzeit

Die Periode Mai bis Oktober bringt in Zürich rund 60 Prozent des Jahresniederschlags, also knapp 700 mm. Vor rund 15 Jahren waren die Niederschläge gleichmässig auf die beiden 3-monatigen Abschnitte Mai bis Juli und August bis Oktober aufgeteilt. Fast in jedem zweiten Jahr war die spätsommerliche Periode von August bis Oktober nässer als der Abschnitt Mai bis Juli. Seit nun acht Jahren kam das nie mehr vor und die spätsommerliche Periode war immer deutlich trockener als die frühsommerliche Periode von Mai bis Juli. Während der Spätsommer (August bis Oktober) in den letzten 15 Jahren um rund ein Drittel, oder um rund 120 mm, trockener wurde, bekam der Frühsommer (Mai bis Juli) in der gleichen Periode 120 mm, oder ebenfalls rund ein Drittel, mehr Niederschläge. Insgesamt fallen von Mai bis Oktober also immer noch gleich viele Niederschläge wie vor 15 Jahren, jedoch haben sich die Niederschläge deutlich vom Spätsommer in den Frühsommer verschoben. Summierten sich die Niederschläge vor 15 Jahren noch in beiden Perioden auf gleich hohe Werte, bringt der Frühsommer heute mehr als doppelt so viel Regen wie der Spätsommer. Seit nun knapp zehn Jahren erleben wir einen Frühsommer-Monsun, gefolgt von einer spätsommerlichen und herbstlichen Trockenzeit.

Vom Frühsommer-Monsun in die Spätsommer-Trockenzeit

Wie wird der kommende Winter? Die Weltmeere wissen es

Mit Spannung verfolgen die Meteorologen die Witterungsentwicklung in den nächsten Monaten. Mit dem Winterhalbjahr steht meteorologisch eine spannende Jahreszeit bevor und die Treiber des kommenden Winters werden gesucht.

 

El Niño und kalter Atlantik

Wenn es darum geht, die durchschnittliche Witterung in den kommenden Monaten abzuschätzen, hilft meistens ein Blick auf die Weltmeere. Sie beeinflussen die darüber liegende Atmosphäre entscheidend und fungieren deshalb als langfristiger Taktgeber des Wetters. Ihre enorme Masse dient als grosser Energiespeicher und ihre Trägheit erlaubt es, die Atmosphäre über einen sehr langen Zeitraum in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen. Deshalb sind zurzeit alle Blicke auf zwei ausgeprägte Meerestemperatur-Anomalien in den Weltmeeren gerichtet. Diese beiden „Player“ werden die Entwicklung der Witterung in den kommenden Monaten prägen. Der erste Player ist ein sich seit Monaten verstärkendes El Niño-Ereignis im tropischen Pazifik. Die Fernwirkungen eines El Niños auf das Winterwetter in Europa sind aber nicht eindeutig. Das haben unzählige Analysen vergangener Ereignisse gezeigt. Viel entscheidender für das europäische Winterwetter dürfte ein massiver Kältepol im Oberflächen-Meerwasser des Nordatlantiks sein. Nordwestlich der Iberischen Halbinsel ist die Wasseroberfläche auf einer riesigen Fläche seit Monaten zu kalt. Diese Kälteanomalie wird vor der Ostküste der USA abrupt unterbrochen. Dort ist das Meerwasser zu warm. Ebenfalls zu warm ist das Meer südlich der Azoren und im Norden zwischen Neufundland und Spitzbergen rund um Grönland. Dieses von Norden nach Süden ersichtliche Warm-kalt-warm-Muster in der Meeresoberflächen-Temperatur des Nordatlantiks ist in der Meteorologie gut bekannt. Es beschreibt die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation (NAO).

Luftdruckschaukel

Die NAO beschreibt die Luftdruckschaukel zwischen dem Azorenhoch und dem Islandtief, welche die Westwindaktivität in Europa bestimmt. Bei grossem Druckunterschied wehen starke Westwinde und bringen in den Wintermonaten milde und feuchte Atlantikluft bis weit in den Kontinent. Wenn jedoch dieser Luftdruckgegensatz klein ist, flauen die Westwinde ab und eisige Ostwinde führen arktische Luft aus Sibirien in den Alpenraum und bescheren uns die kalten Winter.

Die Nordatlantische Oszillation (NAO) kennt zwei Hauptphasen: die positive Phase mit starkem Islandtief und kräftigem Azorenhoch und folglich starkem von Südwesten nach Nordosten verlaufendem Westwind. Und die negative Phase mit schwächerem Islandtief und Azorenhoch und abflauenden Westwinden.
Die Nordatlantische Oszillation (NAO) kennt zwei Hauptphasen: die positive Phase mit starkem Islandtief und kräftigem Azorenhoch und folglich starkem von Südwesten nach Nordosten verlaufendem Westwind. Und die negative Phase mit schwächerem Islandtief und Azorenhoch und abflauenden Westwinden.

Kalter Winter?

Die aktuellen Meeresoberflächen-Temperaturen über dem Nordatlantik lassen für den kommenden Winter eine negative NAO vermuten.

Der Temperaturunterschied zwischen dem eisigkalten grönländischen Inland und dem umliegenden Meer ist nun also grösser. Die Divergenzzone beschränkt sich folglich nur auf Grönland, so dass das Hoch sehr kräftig wird. Zum Ausgleich der Wärmeanomalie des Polarmeers ist es im nördlichen Subtropenmeer zu kühl. Dies hat zur Folge, dass die leicht östlich dieser Anomalien angeordneten Druckgebilde Azorenhoch und Islandtief entsprechend dem abgeschwächtem Temperaturgradient schwächer ausgeprägt sind. Da es im kalten Norden, im Bereich des Islandtiefs, nun milder ist und im warmen Süden, in der Region der Azoren nun kühler ist als üblich, ist auch der Temperaturunterschied weniger gross und dementsprechend der Polarjet weniger ausgebildet. So werden die dynamischen Druckgebilde weniger kräftig. Mit dem abgeschwächten Polarjetstream flauen auch die eingelagerten Westwinde ab und verlaufen deutlich südlicher sowie zonaler, also breitenkreisparalleler als in der positiven Phase. Zeitweise wird die Westströmung sogar blockiert, da der Druckgradient zu schwach ist. Dann wird keine milde Meeresluft in den europäischen Kontinent getragen und der Weg für die arktisch kalte Polarluft aus Russland ist geebnet. In Mitteleuropa ist jedoch nicht jeder Winter mit negativer NAO auch automatisch trocken und von sibirischer Kälte geprägt. Der Grund dafür liegt in einem speziellen Modus der negativen NAO.

Die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation mit schwachem Istlandtief und Azorenhoch. Die Meeresoberflächentemperatur-Anomalien folgen dem Muster warm-kalt-warm.
Die negative Phase der Nordatlantischen Oszillation mit schwachem Istlandtief und Azorenhoch. Die Meeresoberflächentemperatur-Anomalien folgen dem Muster warm-kalt-warm.

Tief über Spanien

Bei diesem Muster geht es um eine typische Staulage am Alpensüdhang. Dabei befindet sich ein Tief über der Iberischen Halbinsel, die Winde im Alpenraum wehen aus Süd bis Südost. Die Regen- und Schneewolken werden an die Alpensüdseite gestaut und regnen oder schneien sich dort an Ort und Stelle aus. Die Alpennordseite profitiert dann tendenziell vom Föhn und somit von trockener und milder Witterung. Ist die Föhnströmung jedoch nicht genügend stark, so liegt eine staubige Inversion über dem Schweizer Flachland und bringt mit trüben, trockenen und eher kalten Verhältnissen. Diese Wetterlage kommt zustande, wenn das Oberflächenwasser im Südwestatlantik wärmer, jenes nordwestlich der Iberischen Halbinsel hingegen kälter ist als üblich. Und genau diese Temperaturverteilung liegt zurzeit im Atlantik vor und dürfte auch bis in den Winter hinein bestand haben.

Entscheidend dürfte zudem sein, wo der Winter in Europa zuerst zuschlägt – in Skandinavien oder im Balkan. Bei einem raschen Wintereinbruch in Skandinavien könnte sich die negative NAO verstärken. Die Tiefs über Spanien würden dann nicht nach Norden vorstossen können, sondern würden über den Mittelmeerraum abgelenkt. Der Winter könnte dann in Mitteleuropa kalt werden. Klopft der Winter aber zuerst im Balkan an, so würde die Tiefs von Spanien denn Weg in Richtung Norden nehmen und in Mitteleuropa immer wieder milde Luft aus dem Süden heranführen.

Ein möglicherweise kräftiges Hoch über Grönland und das kalte Meerwasser nordwestlich der Iberischen Halbinsel können im kommenden Winter also immer wieder Tiefdrucktröge über dem östlichen Nordatlantik hervorbringen, welche bis nach Spanien reichen. Trotz negativer NAO wird es also kaum einen Kaltwinter in Mitteleuropa geben. Der Mittelmeerraum könnte so richtig nass werden und der Alpensüdhang sehr viel Schnee abbekommen.

Ein Trog über dem östlichen Nordatlantik mit Tief über Spanien. Diese Wetterlage könnte im kommenden Winter häufig vorkommen.
Ein Trog über dem östlichen Nordatlantik mit Tief über Spanien. Diese Wetterlage könnte im kommenden Winter häufig vorkommen.
Wie wird der kommende Winter? Die Weltmeere wissen es

Starkregen beenden perfekten Sommerstart

Die erste Junihälfte war so warm wie seit 2003 nicht mehr. Die Monatsmitte war geprägt von ergiebigen Niederschlägen, welche die langjährige Wasserbilanz weiter ausglichen.  

Der meteorologische Sommer startete am 1. Juni. Es war ein Schnellstart. Mit einer durchschnittlichen Temperatur von 19,5 Grad zwischen dem 1.-15. Juni verzeichnete Zürich die drittwärmste erste Junihälfte seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Letztmals wärmer war es im Hitzesommer 2003, als die erste Junihälfte schweisstreibende 22,4 Grad vorwies. Auch eine Spur wärmer war der Sommerstart zudem im Jahr 1937 mit rund 20 Grad. Die ersten zwei Sommerwochen bescherten der Limmatstadt auch neun Sommertage mit Höchsttemperaturen über 25 Grad sowie zwei Hitzetage, an denen das Thermometer bereits über 30 Grad stieg. Im langjährigen Durchschnitt der Jahre 1981-2010 sind für den ganzen Monat Juni neun Sommertage und ein Hitzetag vorgesehen. Das Soll ist also bereits erreicht oder sogar überschritten. In der dritten Juniwoche machte der Sommer dann schon eine Pause. Das Quecksilber stieg während mehr als einer Woche auf dem Zürichberg nicht über 25 Grad.

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Die erste Junihälfte 2015 war so warm wie seit 2003 nicht mehr und insgesamt die drittwärmste seit 1901.

Wann kommt das Azorenhoch?

Es bleibt spannend, die weitere Entwicklung des mitteleuropäischen Sommerwetters zu beobachten. Es scheint, als würden die Wettermodelle mittelfristig eine konstante Hochsommer-Wetterlage favorisieren. Seit Tagen prognostizieren die Modelle die Ausdehnung des Azorenhochs bis nach Europa und somit sonniges und warmes Wetter. Kurzfristig tauchen aber immer wieder kleinräumige Störungen auf, welche den Aufbau der vorhergesagten Hochsommerphase vorerst noch unterdrücken.

In allen Belangen überdurchschnittlich

Die erste Junihälfte war nicht nur temperaturtechnisch überdurchschnittlich sondern auch bezüglich Niederschlagssummen und Sonnenscheindauer. Ausgelöst durch eine Gegenstromlage über den Alpen fielen am 14./15. Juni ergiebige Niederschläge. Innerhalb von 24 Stunden fiel auf dem Zürichberg knapp 57 mm Regen. An der rechten Zürichseeküste bei Erlenbach waren es sogar 71 mm. An der Schweizer Bodenseeküste kamen innerhalb von 24 Stunden mehr als 100 mm zusammen. Am meisten regnete es in dieser Zeitperiode aber im Berner Seeland mit 111 mm, wie Daten von MeteoSchweiz zeigen. Angefeuert durch diese ergiebigen Niederschläge war die erste Monatshälfte in Zürich mit einer Niederschlagsmenge von insgesamt 85 mm deutlich zu nass. Zur Monatshalbzeit wurden bereits zwei Drittel des gesamten Monatssolls erreicht. Wie wir es bereits aus dem diesjährigen Frühling kennen, bedeuten überdurchschnittliche Regenmengen aber keinesfalls wenig Sonnenschein. Dank der vielen sonnigen Tage erreicht die totale Besonnung nach nur zwei Juniwochen bereits zwei Drittel der insgesamt zu erwartenden Sonnenscheindauer im ganzen Monat Juni.

 

Kumulierte Niederschlagssumme in Zürich seit 1. Januar 2010. Der tatsächlich gemessene Verlauf liegt nur leicht unter dem Erwartungswert (Durchschnitt der Jahre 1981-2010). Das sehr trockene Jahr 2011 ist gut zu erkennen.
Kumulierte Niederschlagssumme in Zürich seit 1. Januar 2010. Der tatsächlich gemessene Verlauf liegt nur leicht unter dem Erwartungswert (Durchschnitt der Jahre 1981-2010). Das sehr trockene Jahr 2011 ist gut zu erkennen.

Ausgeglichener Wasserhaushalt

Nachdem das Jahr 2015 lange zu trocken blieb, haben die Starkregenfälle Ende April, im Mai und jetzt Mitte Juni den Wasserhaushalt wieder ausgeglichen. Bis heute ist das Jahr 2015 mit knapp 500 mm nun sogar leicht zu nass, verglichen mit den 480 mm, welche gemäss langjährigem Durchschnitt seit Jahresbeginn zu erwarten wären. Eine Betrachtung seit Jahresbeginn greift aber zu kurz, wenn analysiert werden soll, ob sich die Region Zürich in einer Dürre- oder Nassphase befindet. Wird der Betrachtungshorizont um das Jahr 2014 erweitert, zeigt sich, dass die letzten anderthalb Jahre auf dem Zürichberg 1572 mm Niederschlag brachten und somit nur 41 mm weniger als aufgrund der Klimareferenzwerte der Jahre 1981-2010 zu erwarten wäre. In der kurzfristigen Retroperspektive befindet sich Zürich also weder in einer Trocken- noch in einer Regenperiode. Doch wie sieht es in der langfristigen Rückschau aus? Seit Anfang 2010 sind auf dem Zürichberg etwas mehr als 5,87 Meter Niederschlag gefallen und somit 270 mm weniger als zu erwarten wäre. Die letzten fünfeinhalb Jahre waren also zu trocken. Verursacherin dieses Niederschlagsdefizits waren je eine ausgeprägte Trockenphase im Frühjahr und Herbst 2011. Im November 2011 fiel in Zürich nicht ein einziger Tropfen. Das feuchte Jahr 2012 hat ein Teil dieses Defizits aufgeholt, doch ganz kompensiert ist die Trockenheit von 2011 noch nicht. Der Fehlbetrag (weniger als 5 Prozent der Summe) liegt aber im Bereich von natürlichen Schwankungen und zeigt heute kaum Auswirkungen. Nasse und trockene Jahre wechseln sich ab und gleichen den Wasserhaushalt über mehrere Jahre hinweg bisher immer wieder aus. Seit dem 1. Januar 2000 fiel in Zürich 17,36 Meter Niederschlag. Das sind nur 123 mm oder 0,7 % weniger als gemäss Klimareferenzwert zu erwarten wäre. Der Wasserhaushalt in Zürich tickt wie ein Schweizer Uhrwerk. Nach sehr nassen Jahren 2001 und 2002 folgten drei trockene Jahre mit einer regelrechten Dürre im Sommerhalbjahr 2003. Über die gesamte Periode der 15,5 Jahre seit 2000 betrachtet, sind die Abweichungen aber minimal – der Wasserhaushalt ist in Takt. Spannend bleibt zu beobachten, ab wann und wie genau sich die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wasserhaushalt in der Schweiz und in Zürich bemerkbar machen.

Kumulierte Niederschlagssumme in Zürich seit 1. Januar 2000. Der tatsächlich gemessene Verlauf liegt praktisch auf dem Erwartungswert (Durchschnitt der Jahre 1981-2010).
Kumulierte Niederschlagssumme in Zürich seit 1. Januar 2000. Der tatsächlich gemessene Verlauf liegt praktisch auf dem Erwartungswert (Durchschnitt der Jahre 1981-2010).
Starkregen beenden perfekten Sommerstart