Ein Sommerhalbjahr der Rekorde

Mitteleuropa, die Schweiz und Zürich erlebten ein Rekord-Sommerhalbjahr. Bei praktisch allen relevanten Wetterparametern schwingt das Sommerhalbjahr 2018 obenaus oder gehört in die Top 5 seit Messbeginn vor rund 150 Jahren. In der Meteorologie wird die Zeitspanne von Anfang April bis Ende September als Sommerhalbjahr bezeichnet. Das Winterhalbjahr dauert entsprechend von Oktober bis März. Die sechs Sommerhalbjahrmonate 2018 wurden von einer aussergewöhnlichen Wärme, staubiger Trockenheit und eitel Sonnenschein geprägt. Verglichen mit der langjährigen Normperiode der Jahre 1981-2010 gingen alle einzelnen Monate deutlich übertemperiert, zu trocken und zu sonnig in die Wetterbücher ein. In der Summe resultierte so über das gesamte Sommerhalbjahr 2018 ein bis anhin einzigartiges Rekordhalbjahr.

 

Rekordwärme

Die durchschnittliche Lufttemperatur zwischen April und September kam in Zürich bei 17,5 Grad zu liegen. So warm war ein Sommerhalbjahr seit Messbeginn 1864 noch nie. Die letzten sechs Monate waren 2,6 Grad wärmer als der 30-jährigen Mittelwert der Periode 1981-2010 und 0,3 Grad wärmer als das Sommerhalbjahr des legendären Hitzesommers 2003. Damit setzt das Sommerhalbjahr einen neuen Höhepunkt und ist Teil einer neuen Ära der Sommerwärme, wie es MeteoSchweiz treffend ausformulierte. Neun der zehn heissesten Sommerhalbjahre in Zürich wurden in den Jahren seit 2003 gemessen. Die einzige Ausnahme liefert das Sommerhalbjahr 1947, welches bis heute als drittwärmstes Sommerhalbjahr gilt. Sommerhalbjahre in Zürich zeigten seit Anfang des 20. Jahrhunderts nur wenige Temperaturänderungen und waren im Durchschnitt knapp 13,9 Grad mild. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts setzte eine deutliche Erwärmung des Sommerhalbjahrs ein. So ist das Sommerhalbjahr seit 2001 im Durchschnitt 15,6 Grad warm. Das ist eine Erwärmung von knapp 2 Grad innert kürzester Zeit.

So heiss wie im 2018 war ein Sommerhalbjahr (April-September) in Zürich in den letzten mindestens 154 Jahren noch nie. Es ist eine starke Häufung extrem warmer Sommerhalbjahre seit Beginn des 21. Jahrhunderts zu beobachten.

Sommertage ohne Ende

An 142 der 183 Sommerhalbjahrtagen stieg die Tageshöchsttemperatur am Zürichberg über 20 Grad. Der bisherige Rekordwert wurde dabei um ganze zehn Tage überboten. Die mittlere Tageshöchsttemperatur erreichte mit über 23 Grad ebenfalls einen neuen Rekordwert. Auch die nächtlichen Tiefstwerte lagen mit durchschnittlich 12,5 Grad über dem bisherigen Rekordwert aus dem Jahr 2003. Das Quecksilber stieg am Zürichberg an 76 Tagen über die Sommermarke von 25 Grad. Noch mehr Sommertage erlebte Zürich einzig im Sommerhalbjahr 2003. Damals gab es noch zehn Sommertage mehr als heuer. Ebenfalls sehr viele Sommertage brachte das Sommerhalbjahr 1947: insgesamt 69. Etwas weniger extrem zeigt sich das abgelaufene Sommerhalbjahr in Sachen Hitze. Eine intensive Hitzewelle rollte zwar zwischen Mitte Juli und Anfang August über die Nordschweiz, ansonsten zeigte sich das Sommerhalbjahr aber meistens konstant sehr warm – nicht aber extrem heiss. Dies zeigt sich in der Anzahl Hitzetage. Im Sommerhalbjahr 2018 wurden 18 Hitzetage mit einer Höchsttemperatur über 30 Grad erfasst. Das ist zwar deutlich mehr als im langjährigen Durchschnitt, welcher von lediglich sechs Hitzetagen ausgeht, aber in bereits drei Sommerhalbjahren gab es noch mehr Hitzetage als 2018. So brachten die Jahre 1947, 2003 und 2015 im Sommerhalbjahr alle je 26 Hitzetage.

 

Dürre und Sonnenschein pur

Extrem war neben der Rekordwärme auch die ausgeprägte Trockenheit, welche das Sommerhalbjahr 2018 dominierte. Seit April fielen in Zürich lediglich 400 mm Regen. Das sind gerade mal 60 Prozent der üblichen Niederschlagsmengen. Das Regendefizit entspricht der Regenmenge zweier Sommermonate. Das Sommerhalbjahr war damit in Zürich so trocken wie seit 69 Jahren nicht mehr. Noch etwas trockener waren die Sommerhalbjahre 1947 und 1949. Hohe Temperaturen und Trockenheit entstehen durch langanhaltende Schönwetterlagen. Entsprechend leistete im Sommerhalbjahr 2018 auch die Sonne zahlreiche Überstunden. Mit 1‘462 Sonnenstunden in Zürich zwischen April und September 2018 war es das sonnigste Sommerhalbjahr seit mehr als 70 Jahren. Diese Periode  brachte mehr Sonnenschein als beispielsweise das ganze Jahr 1994. Noch sonniger waren die Sommerhalbjahre 1911 und 1945 und 1947 mit 1‘470 bis 1‘520 Sonnenstunden.

 

Die Rekordwärme im Sommerhalbjahr 2018 hat durchaus einen Einfluss auf die Energiekosten im Gebäudebereich. Die Heizkosten steigen und sinken analog mit den Temperaturen. Ein meteorologischer Indikator dafür sind die Heizgradtage. Am Anfang und Ende des Sommerhalbjahrs wird in der Schweiz je nach Witterung geheizt. Im Sommerhalbjahr 2018 erreichten die Heizgradtage einen Wert von 235. Noch tiefer war dieser Wert lediglich im Sommerhalbjahr 2009. Im Durchschnitt liegt er bei über 640. Anders sieht es beim Kühlbedarf aus. Immer häufiger werden Gebäude im Sommer gekühlt. Je höher die Aussentemperatur, desto mehr Energie braucht es zur Kühlung. Ein Indikator dafür sind die Kühlgradtage. Dieser Indikator stieg heuer auf einen Wert von 263. Noch höher stieg er lediglich im Sommerhalbjahr 2003. Im langjährigen Durchschnitt liegt er allerdings nur bei 85. Im Sommerhalbjahr 2018 musste aufgrund der Rekordwärme natürlich nicht geheizt, jedoch aber umso mehr gekühlt werden.

Ein Sommerhalbjahr der Rekorde

Dürresommer 2018 als Mahnmal der Klimaänderung

Der diesjährige Sommer präsentiert sich in weiten Teilen Europas sonnig, staubtrocken und heiss. In Mittel- und Nordeuropa gehört der Juli 2018 zu den heissesten und trockensten Monaten in der gesamten Messhistorie. In Zürich war er zusammen mit dem Juli 1994 der viertwärmste Juli und der sechstheisseste Monat überhaupt seit 1864.

Innerhalb eines Monats hat die Trockenheit aus dem grünen Europa eine braune Steppenlandschaft gemacht. Der Dürresommer 2018 wird dank Satellitenbilder eindrücklich sichtbar (contains modified Copernicus Sentinel data, 2018, processed by ESA.

Staubtrocken

Die aussergewöhnliche Wetterlage dauert nicht erst seit Juli. Bereits seit April liegt Europa unter dem Einfluss des subtropischen Hochdruckgürtels. Regenfronten schaffen es seit Monaten nicht mehr bis aufs europäische Festland. Mit der Dürre mutierte das saftig grüne Europa innert Monatsfrist zur braunen Steppenlandschaft, wie aus Satellitenbildern eindrücklich zu erkennen ist. In Zürich war es die trockenste April-Juli-Periode seit über 100 Jahren. Über die vier Monate ist im Raum Zürich nur die Hälfte des langjährigen Durchschnitts (1981‒2010) gefallen. Mit der Trockenheit stieg die Waldbrandgefahr stetig an. Ende Juli wurde im ganzen Land ein Feuerverbot im Wald und Waldesnähe verhängt. In den trockensten Alpentälern wurde Feuer im Freien allgemein untersagt.

So trocken wie 2018 war es in Zürich in der Periode April bis Juli noch nie seit 1901. Ein langfristiger Trend in Richtung mehr Trockenheit ist aber (noch) nicht zu erkennen.

Rekordwarm

Zur Trockenheit gesellten sich rekordhohe Temperaturen. Die Viermonatsperiode April‒Juli war in Zürich mit durchschnittlich über 17 Grad knapp drei Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Der bisherige Rekordwert aus dem Hitzejahr 2003 erreichte in Zürich 16,5 Grad. Wärme und Trockenheit stehen in einem positiven Rückkoppelungseffekt zueinander. Je höher die Temperaturen, desto kräftiger die Verdunstung, wodurch sich das Wasserdefizit im Boden massiv akzentuiert. Andererseits wird es bei sonnigen Tagen während Dürrephasen immer heisser, da die Sonnenstrahlen nicht zuerst für die energieaufwändige Verdunstung der Bodenfeuchte aufgewendet werden muss (mit kühlendem Effekt auf die Lufttemperatur) sondern direkt in Wärme umgewandelt werden können. Das zeigt sich eindrücklich an der Anzahl Hitzetage. Obwohl die grosse Wärme seit April andauerte, wurde der erste Hitzetag mit Temperaturen über 30 Grad erst am 24. Juli beobachtet. Seither steigen die Tageshöchstwerte aber fast täglich über die Hitzemarke von 30 Grad und praktisch in der ganzen Schweiz wurden Hitzewarnungen ausgesprochen.

So warm wie 2018 war es in Zürich in der Periode April bis Juli noch nie seit 1901. Das aktuelle Jahr setzt dabei den Trend hin zu mehr Frühlings- und Sommerwärme fort.

Zahlreiche Hitzetage und Trockenheit im Sommer. Das aktuelle Wettergeschehen offenbart einen Blick auf den Schweizer Sommer der Zukunft, denn die Klimaszenarien für die Schweiz rechnen mit einer deutlichen Zunahme der Sommertemperaturen sowie mit einer Abnahme der sommerlichen Niederschläge. In den nächsten Jahrzehnten ist entsprechend häufiger mit Sommertrockenheit zu rechnen. Die Frage, ob der Dürresommer 2018 bereits ein Zeichen der Klimaänderung ist, lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten.

 

Trend zu mehr Hitze

Fakt ist: Seit der vorindustriellen Periode um 1900 ist die April-Juli-Temperatur in Zürich um 2 Grad angestiegen. Markant war der Temperaturanstieg vor allem seit 1980, wie Messwerte von MeteoSchweiz eindrücklich zeigen. Hintergrund ist die Häufung von ausgesprochen warmen Frühlings- und Sommermonaten in den letzten Jahren. Neun der zehn heissesten Monate in Zürich wurden nach 1980 beobachtet, sechs davon nach der Jahrtausendwende. In diesen Top 10 sind neben dem diesjährigen Juli auch jene aus den Sommern 2013 und 2015. Dieser Temperaturanstieg weist eindrücklich auf die laufende Klimaänderung hin. Diese Entwicklung kann nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa beobachtet werden. Und auch auf dem amerikanischen Kontinent und in Asien traten Hitzewellen in den letzten Jahren immer häufiger auf. Die heissen und trockenen Sommer in Europa in den Jahren 1947 und 1976 brachten anderswo auf der Nordhalbkugel kühle Sommer. Heutzutage ist es nichts Aussergewöhnliches mehr, wenn weltweit mehrere Hitzewellen auf einmal und dann auch noch langanhaltend auftreten. Auch im Sommer 2018 erlebt die Nordhalbkugel mit Europa, Nordamerika und Japan gleich drei grossflächige Hitzewellen. Die drei Hitzewellen haben zwar nichts direkt miteinander zu tun. Was aber die drei Ereignisse verbindet, ist der grössere Kontext, in dem sie stehen: der Klimawandel. Die neue Normalität bei der Temperatur hat also bereits angefangen. Ein Vergleich der letzten zwanzig Jahre zeigt, dass fast überall auf der Welt die Durchschnittstemperaturen gestiegen sind. Besonders eindeutig ist dabei die Entwicklung auf der Nordhalbkugel. Gleichzeitig werden aber auch die Ausreisser nach oben in diesen Regionen immer heftiger. Hitzemonate wie der Juli 2018 treten mit dem Klimawandel folglich häufiger auf.

 

Kein Trend zu Trockenheit

Fakt ist aber auch, dass die Sommerniederschläge in den letzten Jahrzehnten keine eindeutige Richtung kennen. Auf einen nassen Sommer folgt ein trockener. Ein staubtrockener Sommer 2018 steht alleine nicht für eine langfristige Veränderungen beim Niederschlag. Erst 2016 war die April-Juli-Periode die niederschlagsreichste seit über 100 Jahren. Die letzten Jahre haben vor allem die grosse Jahr-zu-Jahr-Schwankung aufgezeigt, nicht aber einen Trend eingeläutet. Während sich die Schweiz bei den Temperaturen schon mitten in der Klimaänderung befindet und folglich die kommenden Sommer der nächsten Jahrzehnte weiter an Wärme zulegen werden, ist bei den Niederschlägen erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit einem eindeutigen Klimawandel-Signal zu rechnen. Dann dürften die Sommerniederschläge in der Schweiz deutlich abnehmen. Mit fortschreitendem Klimawandel zeigen die Klimamodelle ein Muster mit Niederschlagszunahmen im Norden und -abnahmen im Süden Europas. Dieses Muster verschiebt sich mit dem Gang der Jahreszeiten. Im Sommer liegt die Schweiz im Einfluss der wachsenden Niederschlagsabnahme im Mittelmeerraum. Ausgelöst wird diese Veränderung durch die grossräumige Änderung der Zirkulation über Europa, wodurch die subtropische Zone sich weiter nach Norden (Süd- bis Zentraleuropa) verschiebt.

Dürresommer 2018 als Mahnmal der Klimaänderung