Die Schweiz braucht ehrgeizige Klimaziele

Die internationale Staatengemeinschaft tagt zurzeit in Doha an der UNO-Klimakonferenz 2012. Die Schweizer Delegation bekam kurz vor Abreise einen neuen Bericht zu Klimazielen und Emissionsreduktionen unter den Arm geklemmt. Darin sind die neusten Analysen und politischen Visionen für die Schweiz zusammengestellt.  

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Quelle der globalen CO2-Emissionen. Landnutzung und Abholzung blieben in den letzten Jahren konstant.

Die globale Erwärmung soll auf 2 Grad beschränkt werden und die CO2-Emissionen sollen weltweit massiv reduziert werden. Darauf hat man sich auf internationaler Ebene inzwischen (unverbindlich) geeinigt. Unklar ist weiterhin, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Der Ende November 2012 veröffentlichte Bericht des beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung des Bundes (OcCC) zeigt, dass angekündigte Reduktionsmassnahmen nicht ausreichen. Doch welche Rolle soll die Schweiz auf globaler Ebene übernehmen und welchen Reduktionspfad soll der Bund verfolgen? Nur wenige glauben an ein globales Abkommen in naher Zukunft, trotzdem könnte die Schweiz ihre Klimapolitik vorausschauend gestalten und ehrgeizige Klimaziele verfolgen.

Gedächtnis der Atmosphäre
Seit dem 19. Jahrhundert sind die Temperaturen in der Schweiz um 1,7(!), im globalen Mittel um 0,74 Grad Celsius gestiegen. Mit nur zwei Zahlen zeigt sich ein wichtiges Charakteristika der Klimaänderung: der Temperaturanstieg ist nicht homogen über den Globus verteilt und hat regionale Auswirkungen. Wie im neuen OcCC-Bericht zu lesen ist, wird es in der Schweiz um 2100 ohne Emissionsreduktionen rund 3-5 Grad wärmer sein als heute. Aktuell ist der jährliche CO2-Ausstoss deutlich zu hoch, um das anvisierte 2-Grad-Ziel  zu erreichen. Und die Emissionen nehmen immer noch zu. CO2 hat zudem eine lange Verweilzeit in der Atmosphäre. Es sammelt sich dort an und ist während Jahrhunderten bis Jahrtausenden wirksam. Die Emissionen müssten daher rasch abnehmen und gegen Null sinken, wenn das globale 2°C-Ziel  eine reelle Chance haben soll.

Recht auf Emissionen?
Die Mehrheit der Staaten betont zwar, wie wichtig die Eindämmung der globalen Erwärmung sei, ein Folgeabkommen des Ende Jahr auslaufenden Kyoto-Protokolls kam bisher aber an den globalen Konferenzen im Rahmen der UNO-Klimakonvention nicht zustande. Während die EU bemüht ist, Reduktionsziele und Massnahmen einzuleiten, steigen die Emissionen beispielsweise in China und Indien massiv an. Diese Länder sehen sich aber nicht als die Schuldigen, da sich die heute hochindustrialisierten Ländern (wie USA, Westeuropa, Japan) auf Kosten des Klimas entwickelt hätten und ihnen heutzutage das gleiche Recht auf Fortschritt zustünde. Dies scheint nachvollziehbar und zeigt, wie schwierig es sein wird, die CO2-Emissionen auf globaler Ebene gemeinsam zu reduzieren. An einem „globalen Emissionsbudget” wird deshalb kein Weg vorbei führen. Dieses soll die gesamten weltweiten Treibhausgasemissionen umfassen und sich auf einen längeren Zeitraum (bis Ende Jahrhundert) beziehen. Das Budget legt einen Pfad fest, in welchem Masse die Emissionen über diesen Zeitraum reduziert werden müssten und welche Länder in Zukunft wie viel emittieren dürften.

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Bei einer Weltbevölkerung von 6.9 Milliarden Menschen bedeutet dies für die nächsten 40 Jahre ein durchschnittliches Budget von 2.7 Tonnen CO2 pro Einwohner und Jahr. Die Schweiz stiess 2011 rund 38 Millionen Tonnen CO2 aus fossilen Brennstoffen aus. Bei 7.9 Millionen Einwohnern bedeutete dies 4.8 Tonnen CO2 pro Einwohner, bzw. etwas weniger als des Doppelte des Budgets. Aufgrund ihrer Bevölkerung hätte die Schweiz ein kumulatives Budget von 840 Millionen Tonnen CO2 zur Verfügung. Dieses Budgetziel könnte die Schweiz erreichen, wenn sie ihre Emissionen pro Jahr um 1 Million Tonnen CO2 verringernwürde. Die Emissionen lägen dann 2020 23 Prozent unter dem Stand von 1990 und würden 2051 den Wert Null erreichen.

Gerechte Emissionen
Bei der Verteilung der Emissionen verfolgt die Staatengemeinschaft drei Möglichkeiten, bisher noch ohne Konsens: So schlagen die Entwicklungsländer vor, die Emissionen proportional auf die Bevölkerungszahl zu verteilen. Die Masseinheit wäre dabei „Emission pro Kopf”. Auch für Industriestaaten hätte dieser Vorschlag Vorteile, denn die Emissionen der Vergangenheit bleiben unberücksichtigt, obwohl die aktuelle Treibhauskonzentration hauptsächlich darauf zurückzuführen ist. Die Industrieländer befürworten jedoch das „Grandfathering”, wo der bereits erreichte Stand der Emissionen berücksichtigt wird (wie auch beim Kyoto-Protokoll). Die Emissionsreduktion wird als Prozentwert mit Start im 1990 formuliert. Als dritte Variante ist eine Kombination aus Bevölkerungszahl und „Grandfathering” in Diskussion, welche die Pro-Kopf-Emission der Länder mit Bezug auf die Vergangenheit angleicht.

Zugeständnis Schweiz
Der Kampf gegen den Klimawandel ist mit Investitionen verbunden. Reiche Länder mit starker Volkswirtschaft sind daher besser in der Lage, Klimaschutz effizient umzusetzen. Daher sollte sich die Schweiz am Engagement und Bemühungen von Ländern mit vergleichbaren Möglichkeiten, z.B. der EU, orientieren. Im Sinne der Rahmenkonvention der UN müsste die Schweiz ein Reduktionsziel bis 2020 von etwa 25 Prozent anstreben. Nach 2020 sind weiterreichende Reduktionen notwendig, soll eine Stabilisierung  der globalen Temperatur im Bereich von +2 Grad erreicht werden. Für die Schweiz sind Reduktionen von mindestens 80 Prozent bis 2050, verglichen mit 1990, notwendig. Zahlreiche Studien kommen zum Schluss, dass für die Schweiz dieser Absenkpfad machbar ist. Die Kosten werden als gering bis moderat eingestuft. Die Schweiz könnte so als Vorreiterin ein ambitioniertes Klimaziel verfolgen.

 

http://www.proclim.ch/4dcgi/occc/de/news?2622

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