Wie viele Menschen erträgt das Klima?

Es war Anfang Juni: Im Nordosten Deutschlands brannte die erste Hitzewelle übers dürre Land, im Südwesten unseres nördlichen Nachbars brachten heftigste Gewitterstürme Leid und Verwüstung. In der Schweiz wuschen Niederschläge den Saharastaub aus der Luft und sorgten für sehr nasses und kühles Wetter. Im Trockenen, namentlich im ETH-Hauptgebäude, hielt ein Professor der Universität Bern eine öffentliche Vorlesung zum Thema Klimawandel. Doch in seinem Vortrag sprach Gunter Stephan nicht über klimatische Folgen und mögliche Naturkatastrophen, sondern er befasste sich mit dem brisanten Thema Bevölkerungswachstum und Umwelt. Die höchst spannende Leitfrage «Wie viele Menschen erträgt das Klima?» reichte aus, um einen kleinen Hörsaal zu füllen.

Mehr Menschen – mehr Kohlendioxid
Die Gründe des aktuellen Klimawandels findet man zum grössten Teil bei der Emission von Treibhausgasen wie Kohlendioxid oder Methan, welche hauptsächlich durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe entstehen. Dieser Wissensstand wird auf breiter Front akzeptiert. Doch die Öffentlichkeit debattiert kaum über das Problem des rasanten Bevölkerungswachstums auf unserem Blauen Planeten. Auch die Wissenschaft nimmt sich noch zu wenig Zeit für das «neue» Sorgenkind, obschon die Überbevölkerung massgeblich die zukünftige Klimaentwicklung bestimmt. 1800 zählte man rund eine Milliarde Menschen auf der Erde, welche im Schnitt 35 Jahre lebten. Im Jahre 2000 waren es bereits 6 Milliarden Menschen, die im Mittel 75 Jahre alt werden. In nur 200 Jahren nahm also der Anspruch auf Ressourcen rein rechnerisch um einen Faktor von mehr als 12 zu. Der Energieverbrauch hat sich in diesen Jahren aber um das 35-fache erhöht. Der Hunger nach Rohstoffen und fossilen Brennstoffen steigt mit der Bevölkerung an. Mehr Menschen emittieren mehr Kohlendioxid. Der Welt-Klimarat ist sich über diese Gefahr bewusst und hat im Kyoto-Protokoll Zukunftsziele bestimmt, um den Anstieg der Treibhausgase abzuschwächen und zu stabilisieren. Da Treibhausgase wie Kohlendioxid meist mehr als hundert Jahre in der Atmosphäre verharren, ist ein Temperaturanstieg in den nächsten Jahrzehnten unausweichlich.

Lebensqualität steigern
An der Temperaturentwicklung bis 2050 können wir kaum noch etwas verändern. So gewährt das Kyoto-Protokoll einen Anstieg der Durchschnittstemperatur auf unserer Erde bis 2100 von maximal 3 Grad, was einer Kohlendioxid-Konzentration von rund 700 ppm (Teile pro Million) in unserer Atmosphäre entspräche. Bei einer Überschreitung dieser Grenzen bis 2100 müssten wir uns auf grundlegende Zirkulationsänderungen in Ozeanen und Atmosphäre gefasst machen, die viele Klimazonen ins Wanken bringen würden und enorme Veränderungen zur Folge hätten. Es gilt also, die Emission von Treibhausgasen schnellstmöglich zu reduzieren und die Weltbevölkerungszahl zu stabilisieren, damit der Verbrauch fossiler Brennstoffe nicht weiter in die Höhe schnellt. Die Entwicklungsländer weigern sich, die vom Welt-Klimarat aufgestellten Reduktionsziele zu befolgen, da sie bis anhin die Schuld am Klimawandel nicht zu verantworten haben. Ohne Reduktionsvorschriften aber wächst die Wirtschaft eines Entwicklungslandes und damit der Kohlendioxid-Ausstoss. Gleichzeitig weisen die Entwicklungsländer das stärkste Bevölkerungswachstum aus, was wiederum zu mehr Treibhausgasemissionen führt. Genau diese Entwicklung müsste man verhindern. Doch wie? Man kann den Entwicklungsländern kaum verbieten, was wir Jahrhunderte lang vorzeigten. Es steht fest, dass die erwähnte 3-Grad-Marke deutlich überschritten würde, wenn die Bevölkerung wie geschildert anwüchse. Es gibt zwei wichtige Lösungsansätze, um unsere Ziele zu erreichen: Einerseits sollte die Lebensqualität in den Entwicklungsländern gesteigert werden, was mit Zugang zu Bildung und der Schaffung von Sicherheit erreicht werden kann. Diese Faktoren sind ausschlaggebend, denn Studien beweisen, dass gebildete und wohlhabende Länder deutlich tiefere Geburtenraten haben. Als Beispiel gilt die Schweiz. Das Motto «Der einzige Reichtum eines armen Mannes sind seine Kinder» galt auch in Europa und in der Schweiz lange Zeit. Kinder waren Vorsorge für Krankheit und Alter sowie billige Arbeitskräfte.

10 Milliarden Menschen?

Heute klingt es etwas anders: «Kinder sind ein Grund, arm zu werden.» Dieser Gedankenwechsel muss möglichst schnell auch in den Entwicklungsländern vollzogen werden. Der zweite Lösungsansatz fokussiert auf die Ineffizienz unseres westlichen Lebensstils. Mit technologischem Fortschritt ist es möglich, unsere Wirtschaft und unseren Lebensstil deutlich effizienter zu gestalten. So verbrauchte ein durchschnittliches Auto vor 60 Jahren noch rund 10 Liter mehr Benzin pro 100 Kilometer. Heutige Motoren sind sparsamer. Rein rechnerisch, prophezeite Professor Stephan, ertrage das Klima höchstens 10 Milliarden Menschen, ansonsten würden die erwähnten Grenzen überschritten. Wobei der Gipfel im Jahre 2070 erreicht sein dürfte. Ab dann führe die Abnahme der weltweiten Geburtenrate zu einer Stabilisierung bei rund 6 bis 7 Milliarden Menschen. Ob die Ernährung und der Platz auf unserer Erde für 10 Milliarden ausreicht, ist eine andere, nicht minder brisante Frage.

 

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