«eaternity» – nachhaltige Ernährung schützt Klima

Eine Studierendengruppe an der ETH Zürich zeigt, dass der Klimaschutz nicht nur beim Verkehr und beim Wohnen ansetzen muss. Lange Zeit wurde die Rolle der Ernährung in der Klimadiskussion unterschätzt, obwohl sie ein riesiges Einsparungspotential birgt. Im Interview mit Judith Ellens werden Lösungen gezeigt.

 

Judith Ellens, du bist Studentin an der ETH Zürich sowie Gründerin und Koordinatorin von eaternity, einem Verein, der sich für klimafreundliches Essen einsetzt. Was hat eigentlich die Ernährung mit dem Klimawandel zu tun? 
(Lacht). Die Rolle der Ernährung im Klimawandel wurde bisher stark unterschätzt. Die Ernährung macht einer Studie zu Folge nämlich einen Drittel der durch den Privatkonsum verursachten Treibhausgasemissionen aus. Aber das ist der ganze Ernährungsbereich: Produktion, Transport und Verarbeitung im Restaurant oder zu Hause.

Dein Team hat diese Problematik aufgenommen und deshalb an der ETH Zürich auf dem Campus Science City ein klimafreundliches Menu lanciert. Seit dem 23. November und bis am 11. Dezember wird dieses eaternity Menu im Physikrestaurant angeboten. Wie entstand diese Idee?
Es ist schwierig zu sagen, wie man plötzlich auf eine Idee kommt. (schmunzelt). Ich bin eine Person, die sich sehr viel mit der Ernährung beschäftigt und studiere Ökologie. So habe ich mir überlegt, was ich mit meinem Ökologiewissen tun kann. Meistens werden CO2-Senken gefordert oder man pflanzt Bäume. Aber wenn man die ganze Nahrungskette anschaut, dann zeigt sich, dass je höher man in der Nahrungskette steigt, desto mehr Ressourcen brauchen wir für ein Kilo Essen. In der Ernährung gibt es deshalb ein riesiges Potential, CO2 einzusparen. So ging ich mit dieser Erkenntnis zu den ecoworks* Workshops an der ETH und präsentierte meine Idee.

Ihr wurdet von ecoworks unterstützt? 
Ja, wir konnten dort unsere Idee testen und sie ist gut angekommen.

Wie gross sind die Unterschiede zwischen den eaternity Menus und den herkömmlichen? 
Da muss ich kurz rechnen – das vegetarische Menu an der Mensa hat durchschnittlich 530g CO2-Äquvalente und ein herkömmliches Fleisch-Menu hat 1240g CO2-Äquivalente. Beim eaternity Menu sind wir bei durchschnittlich 370g CO2-Äquivalente, also 65% weniger als beim Fleisch-Menu. Bei den Schätzungen haben wir immer die konservativsten Werte gewählt, deswegen ist es in der Realität sehr wahrscheinlich noch mehr.

Wie viel CO2 könnt ihr somit bei eurem Projekt einsparen?
Ich habe gemerkt, dass das schwierig einzuschätzen ist. Letzte Woche haben wir von Montag bis Freitag 502 Kilo CO2-Äquivalente eingespart. Es liegt wirklich daran, wie viele Leute das Menu essen.

Wie ist die Nachfrage, stösst das eaternity Menu auf Interesse?
Das wechselt stark von Tag zu Tag. An einem Tag gefällt es den Studenten sehr gut, an anderen nicht, weil wir dann Konkurrenz mit Pommes Frites vom herkömmlichen Menu haben. (lacht).

Wie plant ihr die Gestaltung des Menus? 
Die Zielgruppe sollte möglichst gross sein. Es sollten also Lebensmittel drin sein, die alle mögen. Da können wir natürlich auf die Erfahrung des Gestronomiepartners SV Schweiz zurückgreifen.

Du hast ein Umweltnaturwissenschafts-Studium abgeschlossen. Inwiefern hat dich das ETH-Studium bezüglich der Klimadebatte beeinflusst?
Ich habe erst im Master an der ETH Zürich angefangen. Vorher habe ich in Holland den Bachelor in Biologie gemacht. Ich wurde dort bereits während interdisziplinären Kursen auf das Thema sensibilisiert. Es wurde immer gesagt: “Da ist dieses Problem – wie lösen wir es?”

Eurer Website entnehme ich, dass ein Kilogramm Rindfleisch mit 13.3 Kilogramm CO2 behaftet ist, wie muss ich mir das vorstellen?
Gut – erstens braucht man Futter für die Rinder. Die Futterproduktion verbraucht Ressourcen. Das Rind selber emittiert durch die Verdauung im Magen Methan, dieses wird in CO2-Äquivalente umgerechnet. Weiter wird der bei der Haltung, der Schlachtung, dem Transport und der Verarbeitung der Tiere verursachte CO2-Ausstoss dazugerechnet.

Wie habt ihr all diese Nahrungsmittel bewertet?
Wir arbeiten mit Ökobilanzen. Eine Ökobilanz analysiert den ganzen Lebensweg eines Produktes. Es beginnt bei den benötigten Ressourcen, Verarbeitung, Transport, Handel und Lagerung und kann weitergehen bis zur Abfallverarbeitung. Unsere Berechnungen gehen bis zu dem Punkt, an dem man ein Produkt im Laden kaufen kann.

Habe ich die Möglichkeit, die Ökobilanz meiner Gerichte abzuschätzen?
Ja, du kannst auf unsere Website gehen. Da haben wir einen Rechner, der eine Datenbank mit Zutaten hat. Du kannst dein Menu erstellen und die Zutaten und Mengen bestimmen. Momentan haben wir gut 200 Zutaten. Es kommen aber immer mehr dazu.
Wohnen und Verkehr haben also geringere Auswirkungen auf den anthropogenen Treibhauseffekt als die Ernährung?
Eindeutig: Während der Bereich Wohnen rund 24% und der Verkehr gut 19% der konsumbedingten Treibhausgasemissionen verursacht, nimmt die Ernährung mehr als ein Drittel ein.

Weshalb hat es das Thema “Ernährung” dann noch nicht in die politische Klimadebatte geschafft?
Da kann ich nur raten – vielleicht ist es ein unangenehmes Thema oder Lobbyisten unterdrücken die Diskussion. Ich ahne auch, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse erst seit kurzem so fundiert sind zu diesem Thema. Ich hoffe, dass es jetzt kommt.

Wenn ich also etwas fürs Klima tun will, sollte ich Vegetarier werden?
Es wäre sicher ein guter Einstieg, um das Klima zu schützen. Du kannst mehr CO2 einsparen, wenn du auf vegetarische Ernährung umstellst, als wenn du ein Hybridfahrzeug kaufst.

Lebst du jetzt vegetarisch, warst du auch vorher schon Vegetarierin?
Mehrheitlich schon. Ich esse manchmal Fisch und etwa zwei Mal im Jahr auch Fleisch. Früher war ich strikte Vegetarierin. Ich finde es aber persönlich nicht notwendig, dass man komplett auf Fleisch verzichtet.
Nicht jeder will gleich von heute auf morgen vegetarisch leben, gibt es auch andere Möglichkeiten, sich klimabewusst zu ernähren?
Es wichtig, dass wir weniger Fleisch essen. In der Schweiz isst man im Schnitt neun Mal pro Woche Fleisch, da zählt auch das Schinkensandwich zwischendurch. Gesundheitsforscher empfehlen drei Mal in der Woche Fleisch zu essen – die so genannte “low-meat diet” – dies könnte man versuchen, einzuhalten.

Welches Fleisch weisst die schlechteste Ökobilanz vor?
Eindeutig Rind und Lamm. Wobei auch Wild, da es meist aus Zucht stammt, häufig sehr schlecht abschneidet. Geflügel ist hingegen deutlich klimafreundlicher.

Welche Faktoren sind für klimafreundliche Ernährung entscheidend?
Es gibt drei Keypoints. Erstens: pflanzlich statt tierisch. Zweitens: auf die Saisonalität achten – keine Flugzeugtransporte, keine Gewächshausproduktion. Drittens: Regionalität. Frische Produkte aus der Umgebung bevorzugen. So erkennt man auch Klimasünder unter den Lebensmitteln im Supermarkt.

Sollte also in Zukunft neben den Inhaltstoffen auch der CO2-Äquivalent auf dem Produkt deklariert sein? 
Es sollte eigentlich. Die Frage ist, ob es funktionieren würde. Ich weiss von einem Test in Schweden, wo ein Fastfood-Restaurant für jeden Burger angibt, wie viel CO2-Äquivalent sie enthalten. Tatsächlich werden die Klimafreundlicheren nun stärker nachgefragt.

Wie stehen Bio-Produkte im Vergleich zu herkömmlichen Produkten da? 
Das ist eine schwierige Frage. Bei pflanzlichen Produkten weisen viele Studien darauf hin, dass sie klimafreundlicher sind, da sie auch weniger Kunstdünger und Pestizide verwenden, die viel Energie in der Herstellung benötigen und den Boden belasten. Bei tierischen Produkten ist es schwieriger und meist kann keine eindeutige Antwort gegeben werden. Es gibt aber Untersuchungen, die zeigen, dass Bio-Produkte mehr CO2 verursachen und es deshalb besser wäre, Massentierhaltung zu haben. Natürlich zählen aber auch ethische Aspekte, wo Bio-Produkte klar vorne liegen. Bio-Produkte sind generell nachhaltiger, was uns wichtig ist.

Wie sieht die Ökobilanz von Fisch und Meeresfrüchten aus?
Da gibt es riesige Unterschiede. Vor allem Garnellen schneiden ganz schlecht ab und enthalten etwa 10 Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kilogramm Garnellen. Heringe hingegen schneiden deutlich besser ab.

Wie steht es mit Milchprodukten? 
Milchprodukte können natürlich auch viel CO2 enthalten. Hier gilt die Regel, dass Frischkäse eine viel bessere Ökobilanz vorweisst als Hartkäse. Es geht hier grundsätzlich um die Menge an Milch, die verarbeitet wurde.

Wir einigen uns also auf drei Mal pro Woche Fleisch, die drei Keypoints zu befolgen und lieber Frischkäse als Hartkäse zu essen? 
Ja – das wäre nachhaltige und klimafreundliche Ernährung.

Die Website: www.eaternity.ethz.ch
* ecoworks ist eine ETH-Plattform für Projekte zur CO2-Reduktion und Energieeffizienz.

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